Umdenken nötig

Ulrike Kaisers neue Sicht auf die „Wiedergeburt“
Foto: Rolf Zöllner
Foto: Rolf Zöllner
Sie schreibt „Wiedergeburt“ immer in Anführungszeichen, jedenfalls, wenn es um biblische Texte geht: Die Neutestamentlerin Ulrike Kaiser vom Institut für Evangelische Theologie an der Universität Duisburg-Essen zerlegt in ihrer Habilitation einen vertrauten Begriff der christlichen Dogmatik.

Ich bin zwar Pfarrerskind, wollte aber eigentlich nie Theologie zu studieren. Kurz vor der Wiedervereinigung hatte ich, wie das im Osten so üblich war, einen Studienplatz zugewiesen bekommen – für Mathematik in Berlin. Da ich auf einer Mathe-Spezialschule war, lag das nahe. Aber dann kam die Wende, und ich wechselte zur Germanistik. Das war schon immer mein Traum gewesen, aber zu Ostzeiten unmöglich. Aber ich brauchte für das Magisterstudium ein zweites Hauptfach und landete schließlich doch bei der Theologie. Das Studium hat mir von Anfang an sehr viel Spaß gemacht, auch wegen der Leute dort, die mir ehrlich gesagt deutlich mehr lagen als die Mathematiker. Ich musste zwar alle drei alten Sprachen nachholen, aber das ging gut, sodass ich dann auch gleich noch Koptisch hinterher gelernt habe. Kurz vor dem Abschluss des Studiums wurde mir vom Berliner Neutestamentler Hans-Gebhard Bethge eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin angeboten, und ich promovierte bei ihm über eine gnostische Schrift aus dem Nag-Hammadi-Fund in Ägypten – da kam mir das Koptische natürlich sehr gelegen.

Nach der Promotion absolvierte ich das Vikariat und den Entsendungsdienst in Berlin und bekam dann 2009 die Möglichkeit, eine weitere neutestamentliche Assistentenstelle in Hamburg bei Professorin Christine Gerber anzutreten. Sie arbeitet viel mit Metaphern, und das war auch für mich ein hilfreicher Zugang, um mit dem Thema meiner Habilitation umzugehen. Ihr Titel lautet „Die Rede von ,Wiedergeburt‘ im Neuen Testament“. Und der Untertitel markiert, worum es mir in meiner Arbeit geht: „Ein metaphernbewusster Neuansatz nach 100 Jahren Forschungsgeschichte“.

Wie kam es dazu? Beim Blick in die Forschungsgeschichte hatte ich festgestellt, dass die Rede von „Wiedergeburt“ in den neutestamentlichen Texten bisher nur sehr rudimentär erforscht worden war. Je mehr ich dazu las, desto verwirrter war ich. Ich hatte den Eindruck, dass der Forschung eigentlich selbst nicht klar war, worum es ihr dabei ging. Eine Konstante gab es immerhin: Alle Autoren waren sich einig, dass die Stellen, die sie unter dem Überbegriff „Wiedergeburt“ versammelten, bildlich oder symbolisch oder metaphorisch zu verstehen seien. Aber daraus wurde nicht die Konsequenz gezogen, das Begriffsfeld Wieder- oder Neugeburt auch methodisch unter dieser Prämisse zu betrachten. Immer wieder wurde „Wiedergeburt“ als ein feststehendes Faktum behandelt, das an sich nicht erklärt werden müsste.

Mit Hilfe eines metapherntheoretisch orientierten Ansatzes habe ich in meiner Arbeit die neutestamentlichen Textpassagen untersucht, in denen sich die Wortfelder „Wiedergeboren“ „erneut Geboren“ oder „gezeugt werden“ finden - es sind übrigens streng genommen nur wenige Stellen im johanneischen Schrifttum, im Ersten Petrusbrief, im Titusbrief und im Jakobusbrief. Wenn man die genau anschaut, wird klar, dass in ihnen teilweise sehr Unterschiedliches gemeint ist. Bei Metaphern gibt es ja immer zwei Sinnbereiche, den Ursprungsbereich, also den Bereich, aus dem die Metapher real stammt, und der Zielbereich, auf den die Metapher dann übertragen angewandt wird. Bezogen auf die bisherige Literatur zu den einschlägigen biblischen Stellen wurde mir deutlich, dass die bisherigen Interpreten sich häufig nicht darüber klar waren, ob „Wiedergeburt“ nun der Ursprungsbereich oder der Zielbereich der Metapher sein sollte. Die meisten Autoren hatten also bereits einen vorgefassten Begriff von „Wiedergeburt“ im neutestamentlichen Kontext, den sie aber offenbar nicht aus den biblischen Texten gewonnen hatten, sondern vor allem aus der christlichen Dogmatik.

Durch die ausführlichen Untersuchungen in meiner Arbeit bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass „Wiedergeburt“ als Leitbegriff der Forschung, wie er in der Exegese bisher gebraucht wurde und teilweise noch wird, weder in der Lage ist, dem Untersuchungsgegenstand gerecht zu werden, nämlich dem Begriff „Wiedergeburt“, noch dem Gehalt der unter dieser Begrifflichkeit subsumierten Texte. Sie lassen sich adäquater als Texte verstehen, die von einer grundlegenden Erneuerung des Lebens als Geburt oder Zeugung sprechen. Das bisherige metaphorische Verständnis von „Wiedergeburt“ ging zwar auch bisher schon in diese Richtung, aber meine Habilitation hat für mich den klaren Erweis gebracht, dass wir den feststehenden Topos „Wiedergeburt“ in diesem Zusammenhang gar nicht brauchen, ja, dass er sogar hinderlich ist, weil unter ihm eigentlich nichts Spezifisches verstanden werden kann. Ein Umdenken ist angesagt! Inzwischen schreibe ich „Wiedergeburt“ nur noch in Anführungszeichen, die eine kritische Distanz zu dem Begriff markieren sollen und ihn als einen zu hinterfragenden Forschungsterminus kennzeichnen. Die Dekonstruktion von „Wiedergeburt“ als feststehenden Begriff in der neutestamentlichen Wissenschaft ist also ein Hauptertrag meiner Habilitationsschrift, und ich bin davon überzeugt, dass die neutestamentliche Forschung gewinnt, wenn wir uns von dem bisherigen Oberbegriff „Wiedergeburt“ trennen, da er meines Erachtens von außen in die Exegese eingetragen wurde, aber nicht wirklich hilft, die Inhalte der biblischen Texte zu verstehen.

Wenn wir unsere heutige theologisch-kirchliche Landschaft betrachten, sehen wir, dass „Wiedergeburt“ in liberalen, volkskirchlichen Theologien kaum eine Bedeutung beigemessen wird, im charismatisch-evangelikalen Lager dagegen eine sehr große. Dort ist die Auffassung verbreitet, dass ohne eine „Wiedergeburt“ ein Leben als Christ eigentlich gar nicht möglich ist. Meine Forschungsergebnisse mahnen hier klar zur Vorsicht: Ein klar umrissenes Ereignis von „Wiedergeburt“ ist aus den einschlägigen biblischen Texten heraus nicht zu bestimmen. Schon gar nicht in die Richtung, dass eine solche als Aufgabe auf dem Weg zum wahren Christsein abzuleisten ist!

Ich denke, die Vielfalt und Weite der Formulierungen der spezifischen Bibeltexte können auch in unserer Zeit fruchtbar gemacht werden. Bei allen diesen angeblichen „Wiedergeburtsstellen“ geht es ja darum, Menschen zu erklären, was durch das Ereignis, dass sie nun an Jesus Christus glauben, passiert ist. Und wir haben heute in unseren Breiten ja auch immer mehr Menschen, die quasi aus dem Nichts zum Glauben und zur Gemeinde kommen und nicht aus einer langen volkskirchlichen Tradition, also eine ähnliche Situation wie damals bei den frühen Christen. Auf jeden Fall lohnt es sich, scheinbar festgefügte Begriffe immer wieder genau zu betrachten und Metaphern der Vergangenheit immer wieder auf ihre Aussagekraft für heute zu überprüfen.

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick

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Ulrike Kaiser

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