Unterhaltsam

Neue Romanbiographie
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Mit den Stilmitteln der Romanbiographie gelingt es Bakewell darzustellen, wie engmaschig das Beziehungsgeflecht des Lebens und Denkens sehr verschiedene Menschen miteinander verstrickt.

Ich bin nicht, und deshalb bin ich frei“, und: „Du bist frei, also wähle.“ Jean Paul Sartres Pathosformel, der zufolge der Mensch nur das sei, was er zu sein beschließt, kennzeichnet prägnant die Stimmung eines Neuanfangs am Nullpunkt, wie sie sich nach den beiden Weltkriegen artikulierte.

Die englische Schriftstellerin Sarah Bakewell nimmt diese Initialzündung als Energiequelle für einen biographischen Roman über die Generation der Existenzialisten. Die prägende philosophische Bewegung der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wird hier beim Wort genommen: das Denken hat Sinn, wenn es einen Bezug zum Leben hat – und das Leben soll dem Denken folgen: der Mensch erschafft sich erst durch sein Handeln. Darin liegt auch der Ausgangspunkt für das Begreifen durch genaue Beschreibungen und deren literarische Gestaltung.

Protagonisten der Handlung sind das Philosophen-Paar Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre; um sie herum gruppiert sich der Kreis der Väter der Phänomenologie und Existenzphilosophie: Edmund Husserl und Martin Heidegger, in kreativem Dialog mit ihnen der Freund Maurice Merleau-Ponty und die Generationsgenossen Aron, Lévinas, Marcel und die Literaten Camus und Genet: im Café Flore streitend, genießend, schreibend; in Freiheit sich miteinander vereinigend und voneinander trennend.

Husserls Rückruf von der Spekulation „zu den Sachen selbst!“ hatte die philosophische Leidenschaft entflammt, die Lebenswelt, ihre existenziellen, psychischen und sozialen Bedingungen zu erleben, zu beschreiben und sie mit den Imperativen der Realitäten in Beziehung zu setzen. Man wollte die Zwänge und Absurditäten der Angst vor der Entscheidung, der Ambivalenzen von Hunger, Produktion, Sex und Gewalt geistig, moralisch und vital durchdringen – immer unter dem Postulat der Freiheit.

Mit den Stilmitteln der Romanbiographie gelingt es Bakewell darzustellen, wie engmaschig das Beziehungsgeflecht des Lebens und Denkens diese sehr verschiedenen Menschen miteinander verstrickt: den streitbaren Gutmenschen Sartre mit der ihre Freiheit auslebenden, aber fest mit ihm verbundenen Simone, beide mit dem urbanen Merleau-Ponty oder dem klaren Camus, schließlich auch fremdelnd mit dem moralisch ambivalenten Heidegger. In der Dramaturgie dieser Lebenswege wurde das Denken zum Leben im Alltag, Leben zu Literatur und Literatur zur Revolte – sie setzte den feministischen Aufbruch in Gang, und ihre Ausläufer reichten bis in die Studentenrevolte der Achtundsechziger hinein.

Der riskante Versuch, die Ausbildung der Denkschule, das gesellige, private und politische Leben der Akteure und das aktuelle Zeitgeschehen zwischen Kommunismus und Faschismus, Krieg, Revolte und technokratischer Restauration in engster Beziehung zu einander darzustellen, entwickelt eine überzeugende Dynamik: Die Autorin, selbst Philosophin, nutzt die Lebensnähe des phänomenologisch inspirierten Existenzialismus, um dessen Impulse für den eigenen intellektuellen Weg zu nutzen. Daraus ist ein sachlich kompetentes, zugleich unterhaltsames Portrait der zerrissenen intellektuellen Kultur der zweiten Jahrhunderthälfte geworden: eine nachholende Zeitgenossenschaft.

Hans Norbert Janowski

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