Hasenfüßig, schlaff, fantasielos

Das Reformationsjubiläum und die Ökumene
Vergnügt, erlöst, befreit – der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Reinhard Marx, am 11. März 2017 in der St. Michaeliskirche Hildesheim.  Foto: Andreas Schoelzel
Was haben die Lutherdekade und das Reformationsjubiläum für das Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken gebracht? Zu wenig, meint Joachim Frank. Der katholische Theologe und Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe in Köln hätte sich von beiden Seiten mehr Mut gewünscht.

Das Reformationsjubiläum dämmert seinem Ende entgegen. Eine letzte Aufwallung noch, der Aufgalopp in Wittenberg mit Prominenz aus Kirche und Staat. Dann ist es vorbei. Der Blick auf den Kalender lässt ahnen, wie das sein wird in deutschen Landen am 31. Oktober im Jahre des Herrn 2017: Die wenigen Aktiven in den Gemeinden werden es „sich nicht nehmen lassen“, Martin Luthers Thesenanschlag zu gedenken; noch einmal und jetzt erst recht, da das Ereignis nun wirklich und wahrhaftig 500 Jahre zurückliegt, nicht nur 490, 491 oder 492 Jahre wie am Beginn der ins Unendliche gedehnten Reformationsdekade. Am überwiegenden Rest der Bevölkerung wird das alles spurlos vorübergehen. Die große Geste von Bund und Ländern eines gesetzlichen Feiertags zum Reformationsjubiläum, einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik, wird unfreiwillig dazu beitragen: Wer nach Dienstschluss oder Schichtende am Freitag, dem 27. Oktober, außerhalb der Feriensaison für eine knappe Woche verreisen will, der braucht sich nur einen Brückentag frei zu nehmen. In den überwiegend katholischen Gegenden macht Allerheiligen am 1. November das Arbeitnehmerglück komplett.

Womöglich ist dieses kalendarische Zusammentreffen der größte Vorteil, den die Mehrheit der Deutschen vom guten ökumenischen Neben- und Miteinander der beiden Schwesterkirchen hat, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Kardinal Walter Kasper hat es wahrscheinlich schon geahnt, als er Anfang 2017 warnte: „Dieses Jahr darf nicht zu Ende gehen mit schönen Worten und ein paar berührenden Gesten.“ Das war vor allem an seine eigene Kirche gerichtet. Sechs Wochen vor dem Ende des Jubiläumsjahrs hat die katholische Basisbewegung „Wir sind Kirche“ Kaspers Ball aufgenommen, von nach wie vor großem Handlungsbedarf gesprochen und die Kirchenleitungen gemahnt, den „Kairos“ für die Einheit der Christen nicht zu verpassen.

Von „versöhnter Verschiedenheit“ (Kaspers Modell-Begriff für praktizierte Kirchengemeinschaft) könne nicht gesprochen werden, solange es keine Gastfreundschaft bei Eucharistie und Abendmahl gebe. Die aber wird nicht kommen. Schon gar nicht bis zum 31. Oktober. Genauso wenig wie Fortschritte bei der Anerkennung der Ämter, bei einer ökumenisch kompatiblen Rekonstruktion des Papsttums, beim Umgang mit Frauen, beim Verständnis der Sakramente. Selbst ein Ökumene-Seismograf von höchster Empfindlichkeit wird vorerst auf keinem der genannten Felder auch nur minimale Bewegungen registrieren. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

Ist das alles ungerecht? Zeugt das Negativ-Urteil von Blindheit oder Geringschätzung für die ungezählten, vielfältigen Aktivitäten im Jubiläumsjahr? Ist es das typische Gemäkel aus der Proszeniumsloge? Statler und Waldorf in einer Muppet-Show für Protestanten? „Die mehrjährigen Vorbereitungen auf 2017 haben dazu geführt, dass Gemeinden und Landeskirchen ganz viel vor Ort auf die Beine gestellt haben. Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland staunen oft, wie präsent das Thema Reformationsjubiläum in ganz Deutschland ist“, hat Margot Käßmann in Die Zeit/Christ und Welt auf solche Vorhaltungen eingewandt (siehe auch Seite 38).

Aber auch die Reformationsbotschafterin und die Evangelische Kirche in Deutschland (ekd) als Verantwortliche für das gesamte Jubiläumsprogramm müssen zugeben, dass sich ihre hochgesteckten Erwartungen an entscheidenden Stellen nicht erfüllt haben. Der Zulauf zum Kirchentag und speziell zum Abschlussgottesdienst auf den Wittenberger Elbwiesen als Ziel und Höhepunkt eines gigantischen Pilgerwegs in die Lutherstadt fiel weit geringer aus als kalkuliert. Das Hickhack über Hochrechnungen der Teilnehmerzahlen anhand von Luftbildern erinnerte von fern an die Vereidigungszeremonie des US-Präsidenten und Donald Trumps „alternativfaktische“ Rede von der „largest inauguration crowd ever“.

Auch über den Erfolg der „Weltausstellung“, bei der die Gefahr des Hybriden schon im Titel steckt, kann man geteilter Meinung sein. „Es war ein Experiment“, befand Käßmann zu der ambitionierten Schau. „Wer sie erlebt hat, ist begeistert.“ – „Gespenstisch“ leer erlebte sie Käßmanns Interviewer, was sie zu der genervten Replik veranlasste, ihm gehe es bloß um Zahlen. Sie aber sei eigentlich für die Inhalte zuständig.

Aber sieht es da wirklich besser aus? Die Enttäuschung – im Sinne einer unerfüllten (Selbst-)Täuschung – bezieht sich eben nicht nur auf die Faszination der großen Zahlen. So konnte etwa der „Kirchentag auf dem Weg“ als bewusst dezentrales Format, mit dem die Kirchen in den Stammlanden der Reformation auch ein Stück Synodalität demonstrieren und leben wollten, nicht die erhoffte Dynamik entfalten.

In solch einer Situation würden PR-Strategen oder der Papst zu einem bewährten Mittel geraten haben: „Hagamos lio!“ – Haut rein! Macht Wirbel! Stiftet Unruhe! Der spanische Slogan, von Franziskus beim Weltjugendtag 2013 an den katholischen Nachwuchs gerichtet, hätte womöglich auch aus der Glut des Reformationsjubiläums wieder ein Feuer werden lassen. Aber dafür waren die Organisatoren nicht abgezockt genug. Bischöfe und Kirchenräte sind keine Mini-Machiavellis. Man brauchte nur zu schauen und zu hören, wie der ekd-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm aus München und sein katholischer Nachbar, Kardinal Reinhard Marx, in ökumenisch-siamesischer Permanent-Umarmung einhergingen, um zu wissen, dass in Deutschland auf beiden Seiten der Konfessionsgrenze niemand auf Konflikt aus war. Schon gar nicht auf Konflikt um des Konfliktes willen.

Römischer Triumphalismus par excellence

Die Sorge vor Streit und Unfrieden hatte es ja gegeben – und zwar durchaus berechtigt. „Wir Katholiken haben keinen Grund, den 31. Oktober 1517 zu feiern, das Datum, das als Beginn der Reformation betrachtet wird, die zur Spaltung der abendländischen Christenheit führen sollte“, befand Kardinal Gerhard Müller – damals noch Präfekt der römischen Glaubenskongregation – im Frühjahr 2016. Und der Magdeburger Bischof Gerhard Feige, in der katholischen Deutschen Bischofskonferenz für die Ökumene zuständig, wollte mit der Betonung des „Gedenkens“ zumindest die Gefahr einer protestantischen Jubelfeier vermieden wissen.

Den einen – Müller – beschäftigte im Grunde die alte Frage nach der „vollständig und unverändert“ tradierten Wahrheit. Als deren einzigen Hort begreift der Kardinal römische Kirche und nur sie. „Deshalb können wir es nicht akzeptieren, dass es ausreichend Gründe geben soll, sich von der Kirche zu trennen.“ Damit lag Müller genau auf der Linie, die Kardinal Kurt Koch, der „Ökumeneminister“ des Vatikans, 2011 zum Besuch Papst Benedikts XVI. beim „katholischen Luther“ in Erfurt gezogen hatte. Kurz nachdem der Papst in einer gemeinsamen Feier mit der EKD das Ansinnen „ökumenischer Gastgeschenke“ als „politisches Missverständnis“ abgebügelt und damit die versammelte Ökumene-Prominenz brüskiert hatte, fragte Koch den damaligen ekd-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider scheinbar interessiert, wie die evangelische Kirche es eigentlich halten wolle mit den 1?500 Jahren Kirchengeschichte, „von der sie sich gelöst hat“. Römischer Triumphalismus par excellence, auf den hin es Schneider schier die Sprache verschlug.

Um genau solche Verhärtungen zu vermeiden, lag Bischof Feige als aufrechtem Ökumeniker so viel an der Formel „Gedenken ja, Jubel nein“. Mit dieser Art von Reformationshermeneutik aber lassen sich vielleicht kirchengeschichtliche Symposien konzipieren oder auch ein „ökumenischer Buß- und Versöhnungsgottesdienst“ nach dem aus Südafrika bekannten „Healing of Memories“-Prinzips wie am 11. März in Hildesheim. Für die Gestaltung eines Jubiläums, in dem sich weniger die gelehrten Theologen als die einfachen Mitglieder der evangelischen Kirche wiederfinden sollen, taugt der Vorrang des Gedenkens vor dem Feiern nicht.

Dass umgekehrt Katholiken so gar keinen Grund zur Freude und zur Dankbarkeit für den reformatorischen Impuls des Jahres 1517 haben sollten, das wäre eine solch kontroverstheologisch vernagelte Engstirnigkeit, dass sie – bei genauerem Hinsehen – selbst einem Kardinal Müller zu weit ginge. In seinem 2017 erschienenen 600-Seiten-Wälzer Der Papst schreibt der frühere Münchner Dogmatiker immerhin: „Von der radikalen Theozentrik und Christozentrik Luthers können wir viel lernen.“

Von diesem Ansatz, der auch in Papst Benedikts Erfurter Aussagen über Luther zu finden ist, landet man schnell bei dem Konzept, welches das These-Antithese-Konstrukt vom „Gedenken versus Feiern“ zur dialektischen Synthese führen sollte: dem „Christusfest“.

Es sei das Besondere, das Neue, das Einzigartige des Reformationsjubiläums 2017 im Vergleich mit den Jubiläen früherer Jahrhunderte, „dass wir Luther heute nicht mehr anti-katholisch in Stellung bringen, sondern ihn in eine ökumenische Perspektive stellen und das Reformationsjubiläum als ‚Christusfest‘, als Feier unseres gemeinsamen Glaubens begehen“, sagte der rheinische Präses Manfred Rekowski dem Kölner Stadt-Anzeiger in einem Doppelinterview mit Margot Käßmann, die ein zweites Moment ergänzte: „Das Ganze auch noch international. Wir sehen heute nicht mehr so sehr Luther, den Deutschen. ‚Nur ein deutsches Gemüt kann Luther verstehen‘ und ähnliche Engführungen haben wir hinter uns.“ Schon an diesem Punkt ist die konfessionelle Irenik fast vollkommen. Nimmt man dann noch den geradezu ikonoklastischen Eifer hinzu, mit dem sich die EKD und ihre Reformationsbotschafterin auf Luthers dunkle Seiten stürzten, dann ist – mit den Worten des Propheten Jesaja – „des Friedens kein Ende“ (vergleiche Jesaja 9,6). Dazu noch einmal Manfred Rekowski: „Die Kritik an – aus heutiger Sicht – falschen Einstellungen und politischen Entscheidungen Luthers gehört sicher auch zum Besonderen des Reformationsjubiläums 2017. Nie zuvor hat sich die evangelische Kirche offiziell so klar von Luthers Antijudaismus distanziert und seine antijüdischen Hetzschriften verurteilt.“ Luther solle nicht als „makelloser Held“ in Erinnerung bleiben, als der er – wie Käßmann bedauernd ergänzt – vielen Protestanten in aller Welt noch heute gelte. Da laute die Devise nach wie vor, an Luther dürfe nicht herumgemäkelt werden. „Ich musste mir schon nach so manchem Vortrag, wenn ich etwa Luthers Antijudaismus thematisiere, den Vorwurf anhören, ‚wie können Sie so kritisch über unseren Martin Luther sprechen?‘“

Umso schöner und wiederum schiedlich-friedlicher, wenn das Lob dann von der Schwesterkirche kommt. Und zwar von höchster Stelle: Papst Franziskus, dessen Besuch beim Lutherischen Weltbund am Reformationstag 2016 gewiss als eine der „berührenden Gesten“ im Sinne Walter Kaspers gelten darf, rühmt Luthers „Geste der Reform in einer für die Kirche schwierigen Zeit“. In Lund bezeichnete der Papst Luthers Frage nach der rechten Gottesbeziehung – „wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – als die entscheidende Frage des Lebens.

Durch doppelte Bedenkenträgerei torpediert

Irgendwie schade, dass Franziskus diesen evangelisch-katholischen Commonsense zum Jubiläum nicht auch im Mutterland der Reformation bekundet und bezeugt – im „Rom des Nordens“, in Wittenberg am Reformationsfest 2017. Es gibt in der evangelischen Kirche Menschen mit Gewicht, die sagen: Ein Papstbesuch wäre nicht nur möglich gewesen, sondern sie hätten auch gewusst, wie sie ihn zustande bringen. Eine doppelte Bedenkenträgerei hat das, wenn nicht torpediert, so zumindest nicht forciert: Zum einen fürchteten führende Protestanten eine medial verstärkte Papst-Show mit entsprechender konfessioneller Schieflage zu ihren Ungunsten – ganz im Sinne des Heide-Simonis-Diktums „Und wo bleibe ich dabei?“. Zum anderen hieß es, ein Papst-Besuch sei viel zu riskant, wenn dem großen Symbol der Gemeinschaft nicht einmal kleine Fortschritte auf dem Weg zur Einheit der Kirchen folgten.

Beide Einreden sind hasenfüßig, schlaff und fantasielos. Der Papst hat spätestens in Lund gezeigt, dass er sich – im besten Sinne – in Demut und „Eintracht unter Brüdern“ (Psalm 133,1) zu bewegen weiß. Unter Schwestern selbstredend auch. Das ist das eine. Und das andere: Wer auf die Symbole nur verzichtet, um an den Realitäten ja nichts ändern zu müssen, der hat weder den Ruf Jesu nach Einheit verstanden noch die Bedeutung des reformatorischen Prinzips, das ein zutiefst katholisches – allumfassendes – ist: Ecclesia semper reformanda. Nach 500 Jahren Reformation und zehn Jahren Reformationsjubiläum bleibt den Kirchen noch viel zu tun …

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Joachim Frank

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