Lehrreich

Musikalisches Erbe Luthers
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An Knotenpunkten des historischen Geschehens fordert Konrad Küster den Leser heraus, traditionelle Vorstellungen von Kirchenmusik zu revidieren.

Das Buch zeigt einen Perspektivwechsel an: Galt das musikalische Erbe des Luthertums um 1900 noch als „Kernstück einer nationalen, deutschen Kultur“, so hat die neuere Musikforschung seine europäische Dimension und damit überkonfessionelle Entwicklungen als prägende Kräfte erkannt. Der Musikwissenschaftler Konrad Küster ermöglicht einen höchst lehrreichen neuen Blick auf das lutherische Musikerbe, der die Kulturräume, Traditionen und Gestalten, in denen sich lutherische Kirchenmusik ausgebildet hat, deutlicher hervortreten lässt. So wird Musik, die auf Luthers Reformation bezogen ist, in ihrem geistesgeschichtlichen Kontext begreifbar. Am spannendsten ist Küsters Darstellung dort, wo sie an neu entdeckten Details zeigt, wie dadurch bisherige Erklärungsmodelle überholt und Neukonzeptionen nötig werden. An Knotenpunkten des historischen Geschehens fordert sie den Leser heraus, traditionelle Vorstellungen von Kirchenmusik zu revidieren.

Kapitel eins bis vier widmen sich Luther, der Musik in seinem Umfeld und äußeren Faktoren des gottesdienstlichen Musizierens im frühen Luthertum. Dass es nennenswerten Gemeindegesang gab, wird bestritten. Luther habe keine neuen Gemeindelieder intendiert, sondern nur die bisherigen volkssprachlichen Liturgieanteile ausgebaut. Primär lag ihm daran, junge Menschen durch Lieder in ein aktives Glaubensleben einzuführen: Musik prägte auch den Lateinunterricht. Die norddeutsche Orgelkunst wäre nicht denkbar ohne die Ausstrahlung niederländisch-reformierter Orgelpraxis auf das Luthertum.

In den folgenden Kapiteln beschreibt Küster weitere Interferenzen: Das mitteldeutsche Kantorenbuch „Florilegium Portense“ belegt den Einfluss katholischer Kirchenmusik aus Italien, nachtridentinische Prinzipien wie Textverständlichkeit und Mehrchörigkeit bestimmten schon um 1600 die lutherische Musikpraxis. Italienischen Vorbildern hatte auch der musikalische Universalist Heinrich Schütz viel zu verdanken. Das lutherische Lied, repräsentiert durch Johann Rist und Johann Schop, empfing neue Impulse durch die im Tanzlied wurzelnde italienische Aria.

Mit den Kapiteln acht und neun kommt Johann Sebastian Bach in den Blick. Nicht Kantoren oder Organisten, sondern Kapellmeister wurden Protagonisten moderner Kirchenmusik. Die Form der Kirchenkantate war schon vor Bach entwickelt und adaptierte die für die Oper typische Arie. Wie sehr das Bild von Bach als Kirchenkomponist sich nach 1950 gewandelt hat, erläutert Küster an neuen Untersuchungen der Notenmanuskripte. Sie führten zur Erkenntnis, dass Bach seine Leipziger Kantaten schon in den ersten Amtsjahren schrieb. Eine neue Chronologie der Werke eröffnet Einsicht in seinen Stilwandel.

Zu knapp wird die Zeit von 1750 bis heute zusammengerafft. Kapitel zehn stellt die Skepsis der Theologen gegenüber großer Kirchenmusik heraus, die sich mit dem Ideal neuer Natürlichkeit verband. Kirchenmusik wurde abgewertet, ihr Aktionsraum in der Kirche verengt. In der Lieddichtung äußerte sich aktueller Glaube, Kunstansprüche traten zurück, ältere Dichtkunst erschien unverständlich. In Deutschland wirkt diese kirchliche Ästhetik bis heute nach. Während kirchliche Musik hier zum „Bildungsgut des städtischen Konzertpublikums“ wurde und Pietismus, Aufklärung und Romantik in Gegensatz zur kirchlich verwurzelten Kultur traten, blieb die lutherische Kirche in Dänemark weiterhin mit Musik und Kunst ihrer Zeit verbunden.

Manches kann man anders als der Autor einschätzen, zum Beispiel den Gemeindegesang zur Zeit Luthers, aber auch die kirchenmusikalische Erneuerungsbewegung nach 1920, deren Vertreter keineswegs so eindeutig vom NS-Staat instrumentalisiert wurden, wie Küster meint.

Die Stärke seines Buches besteht darin, das Bewusstsein für die kreative Aneignung neuer musikalischer Formen als Kulturleistung im Bereich der Reformation zu schärfen. Seinem Plädoyer, Potenziale der Künste im kirchlichen Interesse einzusetzen und so der kulturellen Verengung des Luthertums entgegenzuarbeiten, stimme ich gern zu.

Michael Heymel

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