Seltene Kunst

Worte in den Tag
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Man spürt diesen Gedanken den Weg noch an, den sie gegangen sind.

Ursula Baltz-Otto, Theologin und Germanistin, war lange Jahre Lehrbeauftragte für den Dialog zwischen Religion und Literatur am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Mainz. Sechs Jahre war sie Autorin beim „Wort zum Tag“ im SWR 2. Die meisten dieser kurzen Texte sind in dem vorliegenden Buch gesammelt. Es sind Mediationen zu Grunderfahrungen des menschlichen Lebens, Erfahrungen des Glücks, des Schmerzes, der Verlassenheit, des Todes; Erfahrungen von Niederlagen und Gelingen, von Trost, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Nun gibt es viele „Worte in den Tag“ mit solchen Themen. Bei Ursula Baltz-Otto aber finde ich eine seltene Kunst: In den meisten ihrer Texte sucht sie sich zwei Zeugen für ihre Gedanken, einmal einen biblischen Text, dann eine Poetin oder einen Schriftsteller unserer Zeit. Die eine Stimme spricht jeweils im Licht der anderen.

Die Gebrochenheit unseres Lebens, von der Paulus im ersten Korintherbrief (13,9) spricht, wird erfahrbar im Schicksal der an Krebs erkrankten Maxie Wander. Die Klage der dem Holocaust entkommenen Nelly Sachs steht im Licht der Klage des Propheten Jeremia. Robert Walser und die große Sünderin im Johannesevangelium singen zusammen das große Lob der Liebe. Die Stimme der Poesie ist kein Beleg für die Stimme der Bibel, und die Bibel nicht für die Poesie; also kein Missbrauch der Poesie und keiner der Bibel. Es ist eher so, als sängen zwei Stimmen dasselbe Lied auf den verschiedenen Seiten eines Flusses; die Poesie auf unserer heutigen Flussseite, die Bibel auf der Seite jener alten Zeit. So bringt Ursula Baltz-Otto beides zu Gehör, die alte Stimme ferner Zeiten und die Stimme, die aus unserer eigenen Kehle kommt.

Das Zusammenspiel von Poesie und Bibel machen die Texte zögernder, fragender und offener. Nirgends ist der religiöse Mund zu voll genommen. Die biblischen Texte müssen sozusagen durch das Gestrüpp menschlicher Erfahrung, wie sie die Literatur ausdrückt, und so kommen sie nicht leichtfüßig und immer schon selbstverständlich daher. Man spürt den Gedanken den Weg noch an, den sie gegangen sind. Auch das zeigt sie als Germanistin: Die Sprache ist karg und erlaubt sich keine religiösen Pleonasmen, wie sie sich gerade in solcher meditativer Literatur oft finden. Es sind kleine Stücke, die - am Morgen gelesen - den Tag anwärmen.

Fulbert Steffensky

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