Letzte Wendung

Neuer Walser-Roman
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Walsers Held möchte sich damit genügen, vor einer Wand zu sitzen, vor der er nicht einmal ja sagen muss, und vor der er nur wartet.

Mir geht es ein bisschen zu gut.“- dieses Geständnis durchzieht den neuen Roman Martin Walsers, dessen Held ohne das „zu“ in diesem Satz auskommen möchte. Otto, so ist einer seiner Namen, möchte das bescheidene Wohlbefinden nicht eingestehen müssen, sondern einfach nur leben können. Der Weg aus Abhängigkeiten, den er mit seinem Schreiben geht und auf dem ihm der Leser wie in eine sich weitende mitunter lyrische Landschaft folgen kann, ist ihm wichtig geworden. Niemals will er reumütig zu den Ansprüchen und Erwartungen früherer Konkurrenten, Kampfgefährten und der Ehefrau zurückkehren. Er möchte sich damit genügen, vor einer Wand zu sitzen, vor der er nicht einmal ja sagen muss, und vor der er nur wartet.

Von den vertrauten Worten in seinem Leben wie Wahrheit, Treue, Freundschaft und Liebe will er sich lösen, denn diese stehen in ihrer Bedeutung nicht für etwas, sondern stattdessen.

Solch hehre Worte begnügen sich im Leben nicht damit, etwas zu repräsentieren, sondern beanspruchen, dieses Etwas zu ersetzen.

In den Augen des Helden hätte es zur Wiederherstellung des Paradieses genügt, wären diese Worte daraus vertrieben worden. Statt etwas oder Der letzte Rank - ist der irritierende Titel diese Romans, und der Leser erfährt vorweg aus dem Grimmschen Wörterbuch die Doppelbedeutung des Wortes Rank, das zum einen die Wendung, die ein Weg nimmt, zum andern aber auch den „Haken“ meint, den ein Flüchtender schlägt, um seinen Verfolgern zu entkommen.

Obwohl es ihm schon gut geht, ist Walsers Held noch nicht am Ende seiner Flucht: Erst durch eine überraschende Wendung am Ende des Buches entkommt er auch noch der Aussteigerrolle, auf die ihn seine Leser festgelegt haben könnten. So mündet seine Ablösung von allen bisherigen Zumutungen, Herabsetzungen und angesagten Rollen nicht in den finalen Lebensentwurf eines Mannes, der nun „endlich sein eigenes Ding machen will“.

Walser deutet beim Schildern der Ablösung die seinen treuen Lesern vertrauten personalen Konstellationen und erotischen Motive nur noch an und gewährt diesen keinen großen epischen Raum mehr. Es geht wieder um Konkurrenz im Kulturbetrieb und um problematische Begegnungen mit Frauen.

Immer ist die Ablösung auch eine solche aus überkommener Metaphorik. So wehrt sich Otto gegen eine kafkaeske Verwandlung. Er möchte sich nicht als Ungeziefer sehen, vor dem die Menschen weglaufen.

Vor dem Ende des Romans ist der Held so frei, uns von seinem zufälligen Zusammensein mit Jean Paul Sartre zu erzählen, ohne dieses Erlebnis für die eigene Geltungssucht zu missbrauchen. Vielmehr widmet er die Erzählung, über deren Realitätsgehalt es keine genaue Auskunft gibt, ganz der Aura des Philosophen.

Genial beschreibt Walser, wie der von Krankheit gezeichnete Sartre in einem Warteraum auf einem Bahnsteig einen Fahrplan studiert und wie der Held währenddessen gegen seine Ermüdung ankämpfen muss, um diesen existentiellen Augenblick in der Gegenwart des Existenzialisten nicht am Ende doch noch zu verschlafen.

„Ich bin, also bin ich“: das klingt wie ein Fazit in diesem Buch, das jeden Versuch, einen Begriff von Existenz höher als das Existieren stellen zu wollen, in das Leben und das Schreiben zurückholen will. Der letzte Rank, die letzte Wendung im Leben, geschieht da, wo Otto eine phantastische Rettung durch seine Frau erfährt und von Barmherzigkeit als „himmlischer Einbahnstraße“ schreibt. Der Held im Roman will da gefunden werden, „wo er am liebsten wär“.

Sein Autor, Martin Walser, wird am 24. März neunzig Jahre alt.

Friedrich Seven

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