In der Sackgasse

Die Dreieinigkeit widerspricht dem biblischen Zeugnis
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Wer die Trinität als Deutungstheorie der Heilsgeschichte anpreist, muss gleichzeitig die Historizität biblischer Erzählungen behaupten.

Trinität. Für einen gelernten Calvinisten ist dieser Begriff mit einer hässlichen Wunde und einem schmerzhaften Datum verbunden. Am 27. Oktober 1553 wurde der spanische Humanist Michel Servet (1511–1553) auf dem Scheiterhaufen in Genf verbrannt. Sein Vergehen: Er hatte in einem fulminanten Buch die Trinitätslehre hinterfragt. Der Prozess, der gegen ihn nach seiner Verhaftung in Genf angestrengt wurde, war zwar offiziell kein theologischer, sondern ein politischer Prozess, aber im Hintergrund zog der Reformator Johannes Calvin die Fäden. Das macht die Sachlage so unverzeihlich, Calvin, der Flüchtling, wurde der Verfolger, und seine spätere Versicherung, er habe versucht, das Rösten bei lebendigem Leibe zu verhindern, lässt sich nicht belegen. An der Frage der Trinität entschied sich die Frage der Toleranz. Die jüngst neu aufgelegten Schriften des Humanisten Sebastian Castellio (1515–1563), ein Verteidiger von Servet wie später Stefan Zweig, zeigen unzweideutig, mit welcher historischen Schuld dieser Begriff belastet ist. Wer die Trinität verteidigt, muss sehr gute Gründe haben.

Heute wird an dieser Frage kaum die Toleranz scheitern. Mich interessieren in diesem platzengen Text selbstredend die nachmetaphysischen oder nachtheistischen trinitätstheologischen Versuche, also jene Versuche, die die alte Substanzontologie verflüssigt haben und die Trinität als relationales Geschehen deuten. Die trinitarische Dynamisierung des Gottesbegriffs will, so die Pointe, das leider konsequent unhinterfragte Formular der Heilsgeschichte Schöpfung/Sündenfall/Versöhnung/Erlösung elegant ratifizieren. Besonders wirkmächtig waren folgende Versuche: eine trinitätstheologisch unterfütterte Theorie des Absoluten, der Universalgeschichte und der Selbstoffenbarung Gottes. Alle drei trinitarischen Theoriemodelle halte ich für gescheitert. Trinitarisch verfasste Theorien des Absoluten sind – einer Selbstauskunft ihres wichtigsten Vertreters, Falk Wagner, zufolge – auf hohem Niveau (vorerst) in eine Sackgasse geraten, ich kann mich also auf die zwei letzten Bewerber konzentrieren.

Das traditionelle Argument, die Trinitätslehre sei nicht biblisch, allenfalls könne man von triadischen Formeln sprechen (2. Korinther 13,13; Matthäus 28,13; 1. Korinther 12,4–6; Epheser 4,4–6), wiegt für mich, einen Systematischen Theologen mit unrettbarem Hang zur biblischen Theologie, weiterhin schwer.

Wer heute die Trinität als gelungene Deutungstheorie der Heilsgeschichte preist, muss gleichzeitig die Historizität biblischer Erzählungen behaupten. Wer das tut, nimmt höchst ignorant die Erkenntnissprünge in der alttestamentlichen Wissenschaft schlicht nicht zur Kenntnis. Diese hat nicht nur die Historizität vieler biblischer Erzählungen wie die von Moses hinterfragt und diese Erzählungen als Übungs- oder Vorbildgeschichten umgedeutet, sondern auch die Schöpfungsgeschichten vom Deutungsschleier des Sündenfalls sehr grundsätzlich befreit. Damit fällt ein traditioneller Theoriebaustein der Heilsgeschichte. In der Kain- und Abel-Geschichte ist bekanntlich erstmals explizit von Sünde die Rede, aber die Pointe ist diese: Kain wird durch die weisheitliche Anrede Gottes auf die Schwelle zur Gewalt aufmerksam gemacht, er übertritt sie zwar, aber damit ist gesagt: der Mensch ist nicht böse, in seiner unstrukturierten Handlungsmacht aber gefährdet, es gilt deshalb die Wünsche gemeinschaftsverträglich zu formatieren. Es hat guten Sinn, die Bibel aus Altem und Neuem Testament als Weisheitsgeschichte zu lesen, als Paideia des gelingenden Lebens mit der Figur Gott als Weisheitslehrer. Die Enthistorisierung großer Teile des Alten Testaments verurteilt die Erzählungen aber nicht zur Bedeutungslosigkeit, ganz im Gegenteil wird die weisheitliche Performanz, also die intensive Aktualität der Geschichten pointiert. Der Graben zwischen Faktum und Bedeutung wird gar nicht erst aufgemacht. Durch die Enthistorisierungskunst alttestamentlicher Exegese geraten trinitätstheologisch verfasste Theorien der Offenbarung als Geschichte (Pannenberg) fraglos sehr grundsätzlich in die Bredouille.

Nicht besser steht es um die Theorien der Selbstoffenbarung Gottes von Karl Barth und seinen Schülern. Die vom Augustinermönch Luther dem Protestantismus mitgegebene Sündenverbiesterung wurde in der reformierten Tradition nochmals verschärft. Der frühe Barth ist davon nahezu besessen, und es hat viele tausend Seiten Schreibarbeit und zärtlichen Druck von Charlotte von Kirschbaum bedurft, um diese Verbiesterung minimal aufzuhellen. Bibeltheologisch ist diese Sündenverbiesterung zumindest im Alten Testament gar nicht zu haben, und deshalb läuft die trinitarische Dynamisierung der Offenbarungsgeschichte stotternd ins Leere.

Jesus als Weisheitslehrer

Man kann es nicht deutlich genug sagen: Wir Systematischen Theologen, die wir uns gerne als Elite verstehen, müssen bei den alttestamentlichen Theologen nachsitzen, denn ihrer exegetischen Revolution ist es zu danken, dass wir jetzt nachmetaphysisch das protestantische Schriftprinzip retten können: Es geht um die Performanz der Erzählungen, die religiöse Grunderfahrungen inszenieren. In dieser Lesart ist Jesus der Weisheitslehrer schlechthin, der in einer nicht kleinmütigen Selbstinterpretation sich durchaus besser als die Elite der alttestamentlichen Weisheitslehrer deutet: „Hier ist mehr als Salomo“ (Lukas 11,31). In einem hoch inspirierenden Essay hat der Neutestamentler Reinhard Feldmeier gezeigt, dass in dieser Selbstdeutung Jesu Auftriebskräfte stecken, die die Rede von der Gottessohnschaft nahelegen. Ob man von der Weisheitstheologie her die Trinitätslehre reformulieren kann, ist eine offene Frage. Zwingend nötig ist dieser Schritt für mich nicht.

Eine Theologie, die auf die Trinitätslehre ausdrücklich verzichtet, macht sich nicht schuldig an einer christologisch-soteriologischen Verkürzung und beschränkt die Selbstoffenbarung Gottes nicht auf Kreuz und Auferstehung. Die Verkürzung, die das „Geschehen Jesu“ dadurch erleidet, wird weder der Vielfalt der biblischen Texte noch der religiösen Erfahrungen gerecht. Und die häufig erhobene Behauptung, nur ein trinitarischer Gott sei ein barmherziger Gott, bleibt blanke Beteuerung. Sehr grundsätzlich überarbeiten müssen wir künftig das Formular der traditionellen Heilsgeschichte, denen sich die dynamisierten Trinitätstheologien übereifrig und vorkritisch angedient haben.

Klaas Huizing

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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