Brillant

Protestantische Dogmatik
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Diese Festschrift eröffnet einen faszinierenden Einblick in die vielfältige Produktivität und Lebendigkeit gegenwärtiger protestantischer Theologie und Dogmatik.

Die Gattung der Festschrift hat in den vergangenen Jahrzehnten viel von ihrem einstigen Glanz eingebüßt. Zu sehr häuften sich äußerlich gewichtige, aber innerlich uninspirierte Schwarten, in denen lediglich ungenutzte Abfallprodukte aufgefrischt und zu einem bunten Strauß zusammengebunden wurden. Doch was eine solche akademische Dankesgabe leisten kann, wenn die Herausgeber ein attraktives Konzept entwickeln und die Autoren es mit originellen Beiträgen zum Leben erwecken, zeigt sich in der vorliegenden Festschrift zum 70. Geburtstag von Ulrich Barth, dem emeritierten Hallenser Ordinarius für Dogmatik und Religionsphilosophie.

Ulrich Barth zählt zweifellos zu den profilierten und wirkmächtigen Theologen des beginnenden 21. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt seines Werkes steht die systematische Entfaltung einer Religionstheorie, die die Religion - verstanden als Erfahrungsdeutung im Horizont des Unbedingten - im Zentrum des menschlichen Selbst- und Weltumgangs verankert. Die in den Siebzigerjahren beginnende Renaissance des Religionsbegriffs findet in seinen problemgeschichtlich wie interdisziplinär weit ausgreifenden Studien ihren unbestrittenen systematischen Höhepunkt. Barth stellt sich damit zugleich in die Tradition eines aufgeklärten Protestantismus, für den Glaube und Vernunft, Tradition und Gegenwart, Religion und Kultur keine Gegensätze darstellen, sondern der sich vielmehr der unverzichtbaren und lebensdienlichen Prägekraft protestantischer Christentumskultur im Horizont der modernen Welt und Gesellschaft verpflichtet weiß.

Mit der intellektuellen Kraft und gedanklichen Brillanz seiner Schriften hat sich Barth zahlreiche Anhänger erworben. Die unnachahmliche Intensität und Leidenschaft seiner geradezu legendären Nachwuchsarbeit hat zudem in Halle eine kleine Barth-Schule entstehen lassen. Die Festschrift legt davon auf beeindruckende Weise Zeugnis ab. Denn hier wird auf hohem Niveau und zugleich jeweils überaus eigenständig auf den Bahnen Ulrich Barths weitergedacht. Unter der Herausgeberschaft von Roderich Barth (Gießen), Andreas Kubik (Osnabrück) und Arnulf von Scheliha (Münster) haben sich mehr als zwanzig Schüler, Weggefährten und Kollegen zusammengetan, um die Fruchtbarkeit und Erschließungskraft der Barthschen Religionstheorie für das Gebiet der materialen Dogmatik zu erproben. Jedem Autor wurde ein dogmatischer locus zugeteilt. Der Gesamtaufriss gliedert sich in die fünf Teile ‘Der Schöpfer und sein Ebenbild’, ‘Die Kreatur’, ‘Jesus Christus’, ‘Leben im Geist’ und ‘Ewiges Leben’. Im Ergebnis bietet die Festschrift so eine arbeitsteilig zusammengefügte - und gerade deshalb überaus facetten- und perspektivenreiche - Dogmatik im Entwurf.

In der Durchführung weisen die einzelnen Beiträge durchaus unterschiedliche Schwerpunkte und Akzente auf. Eher theologiegeschichtlich orientierte Analysen wechseln sich mit prinzipientheoretischen Blaupausen, eher gegenwartshermeneutisch ausgerichtete Erkundungen mit materialdogmatischen Detailskizzen ab. Dennoch lassen sie in ihrer Gesamtheit die Konturen eines dogmatischen Programms erkennen, das sich nicht auf eine bloße Fortschreibung reformatorischer Lehrformeln beschränkt, sondern vielstimmig, originell und überaus anregend daran arbeitet, den dogmatischen Traditionsbestand, am Maßstab des Kriteriums religiöser Sinn- und Erfahrungsdeutung, einer kritischen, die lebensförderliche Kraft der christlichen Religion neu ins Licht stellenden Umformung zu unterziehen.

Dem Leser eröffnet diese Festschrift einen faszinierenden Einblick in die vielfältige Produktivität und Lebendigkeit gegenwärtiger protestantischer Theologie und Dogmatik. Für den Jubilar ist sie der farbenreich reflektierende Spiegel seines Wirkens als akademischer Lehrer, das in der prägenden, zu eigenem Denken anspornenden Kraft seinesgleichen sucht.

Martin Laube

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