Beispielhaft

Leben unter einem Dach
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Amirs Geschichte bei Sußebachs ist die Geschichte einer gelingenden „Integration“. Und zwar einer solchen, bei der sich beide Seiten verändern.

Diesem Buch sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen. Denn es erzählt nicht nur von zwei Männern mit zwei gänzlich unterschiedlichen Lebensgeschichten. Es erzählt von einer Annäherung, von Brücken zwischen Kulturen, vielleicht von so etwas wie Freundschaft. Henning Sußebach und Amir Baitar - der eine 44 Jahre alt, Redakteur der ZEIT in abgesicherten sozialen Verhältnissen mit Ehefrau, zwei Kindern und einem Einfamilienhaus am Rande von Hamburg; der andere 25 Jahre alt, Student aus einem syrischen Dorf am Euphrat, als Geflüchteter bei Sußebachs angekommen mit nicht mehr als einer kleinen Sporttasche und einer Plastiktüte. Was sie zusammengeführt hat? Der schreckliche Krieg in Syrien und die Aufnahmebereitschaft des Jahres 2015 in Deutschland.

Von dieser Stimmung ließen sich auch Henning Sußebach und seine Frau anstecken. Sie wagten das Experiment und nahmen Amir bei sich auf - sicher in bester Absicht, aber ohne eine genaue Vorahnung der Konsequenzen, die dieser Schritt haben sollte. Davon erzählen beide Männer in einer Art Dialog: ein Thema - zwei Berichte. Das Weltgeschehen hätten sie sich mit Amir ins Haus geholt, schreibt Sußebach. Und zu ergänzen wäre: das Weltgeschehen in Gestalt eines einzelnen Menschen aus Fleisch und Blut. In Gestalt eines jungen Mannes mit fremder Religion, fremder Lebensweise, fremd anmutenden Anschauungen.

Ebenso fremd nämlich, wie es das deutsche Familienleben für Amir ist mit einer Frau, die das Auto fährt, während der Mann das Rad nimmt, mit einem Ehepaar, das sich vor anderen küsst und einen lockeren Erziehungsstil pflegt, so ist Amir in vielerlei Hinsicht auch in den Augen seiner Gastfamilie fremd.

Es ist vor allem seine tiefe Religiosität, sein unbedingtes Festhalten an rituellen Vorschriften, die in der linksliberal orientierten deutschen Akademikerfamilie mindestens für Unverständnis sorgt, denn im Hause Sußebach spielt Religion offenbar kaum eine Rolle. Manchmal fühle sich die Familie angesichts von Amirs Gläubigkeit und seines Gebetsgemurmels ins Mittelalter zurückversetzt, bekennt Sußebach. Allerdings dürfte es das Verdienst des jungen Syrers sein, dass die Religion in der deutschen Familie überhaupt wieder zum Thema wurde - wenn Henning Sußebach auch am Schluss zu der Überzeugung gelangt: „Es gibt keinen Gott!“ Ausgerechnet ein Gläubiger mit seiner Gläubigkeit, so schreibt er, habe ihm den Glauben ausgetrieben.

Leben unter einem Dach heißt das Buch von Amir Baitar und Henning Sußebach. Dieses Leben unter einem Dach ist also nicht frei von (nicht nur sprachlichen) Missverständnissen und gegenseitigem Unverständnis. Auch die Rolle Sußebachs ist zumindest in den ersten Wochen nicht klar. Was ist er für Amir? Vermieter, Streetworker, Freund, Onkel, Bruder oder Vater? Sicher ein bisschen von allem.

Dass aus dieser außergewöhnlichen Beziehung ein gemeinsames Buch entstehen konnte, war nicht nur dem Beruf des einen Parts geschuldet, sondern ebenso der Geduld auf beiden Seiten und dem steten Bemühen um Verständnis für den jeweils anderen - auf intellektueller und emotionaler Ebene. Amirs Geschichte bei Sußebachs ist die Geschichte einer allmählichen Ankunft in der deutschen Gesellschaft. Sie ist - wenn man denn diesen technokratischen, überstrapazierten und letztlich nicht eindeutigen Begriff benutzen will - die Geschichte einer gelingenden „Integration“. Und zwar einer solchen, bei der sich beide Seiten verändern: der Neuankömmling und die, die ihn aufgenommen haben. Auch in dieser Hinsicht hat das Buch etwas Beispielhaftes: Es zeigt, wie es funktionieren kann, Fremdheit zu überwinden. Aber es zeigt auch, dass das nicht immer leicht ist.

Annemarie Heibrock

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