Den Dinos zuhören

Über die Jugend, die zur Minderheit wird

„Wir sind zu jung für Rock’n Roll“, lautet die Zeile eines Liedes von „Kraftklub“. Zufällig schnappte ich sie im Radio auf. Wenn Sie - wie ich bis dahin - von der Band „Kraftklub“ noch nie gehört haben, sind Sie wie ich vermutlich keine zwanzig mehr. Womöglich mögen Sie trotzdem Rock’n Roll. Oder eben deshalb.

Offenbar ist das, was einst für Aufbegehren stand und den Rhythmus für jugendlichen Welteroberungsdrang vorgab, inzwischen eine Alte-Leute-Angelegenheit geworden; zumindest für den Texter jenes Liedes. „Wir sind zu jung für Rock´n Roll“: Merkwürdig und irgendwie tragisch. Nicht, weil Menschen der Musik ihrer Jugend meist lebenslang treu bleiben, oder weil man den Gesten und Gesichtern mancher Rockopas ansieht, dass sie das schon Jahrzehnte lang machen. Nein, tragisch wäre, wenn mit der Musik auch das, was sich einst in ihr ausdrückte, alt oder gar zu einem Privileg der Alten geworden wäre. Von denen so hartnäckig besetzt, dass die Jungen das Nachsehen hätten. Es stimmt: Jede neue Generation kämpft gegen den Widerstand der Etablierten. Aber während früher die Zeit und die Zahlen für die Jugend arbeiteten, ist diese inzwischen zur Minderheit geworden. Und sie wird es aufgrund des demographischen Wandels bleiben. Alter schützt vor Torheit nicht, heißt es. Gottlob auch nicht vor Kreativität und geistiger Frische. Aber wenn gelassene Abgeklärtheit und weise Erfahrung zu den Früchten des Alters gehören, dann sind der unverbrauchte Blick auf die Welt, dann sind Träume, Flausen, Mut und Lust zum Infragestellen unverzichtbare Gaben der Jugend.

„Egal, wo wir hinkommen, unsre Eltern war'n schon eher hier. Wir sind geboren im falschen Jahrzehnt, und wir sitzen am Feuer, hören zu, was die Dinos erzählen.“ So klingt es ironisch-selbstironisch im Lied von „Kraftklub“. Im entsprechenden Musikvideo nehmen vier ergraute Rüpel einem jungen Mann das Mikro ab und schubsen ihn von der Bühne. Das ist bewusst überzeichnet und demonstrativ frech - und ein gutes Zeichen dafür, dass sich die weniger werdenden jungen Menschen durchaus zu wehren wissen. Andererseits waren sowohl das Votum zum Brexit als auch die US-Präsidenten-Wahl Abstimmungen, bei denen die Weltsicht von Älteren über die der Jungen triumphierte. Und das, obwohl die Jungen am längsten mit den Folgen werden leben müssen. Mindestens letzteres gilt auch für die Entscheidungen von mehrheitlich ergrauten Parteitagen, Synoden und Vereinsvorständen. Dass man Altwerden und Altsein heute nicht mehr unwillkürlich mit Abstellgleis und Siechtum verbindet, ist ein Segen und eine der jüngsten Revolutionen der Rock’n-Roller.

Doch es bleibt die Frage, wie die älter werdende Mehrheit mit den Jungen umgeht. Wie viel Platz lässt eine erfahrungssatte Gesellschaft für Fragen und Träume? Wie viel Veränderung erlaubt eine Generation, die so viel verändert hat, dass sie meint, sie hätte dafür das Monopol? Zur Freude über die vielen neuen Möglichkeiten im Alter gehört in Kirche, Politik und Gesellschaft auch die Frage: Was tun, damit die jungen Alten die Jungen nicht alt aussehen lassen?

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Annette Kurschus ist Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und Herausgeberin von zeitzeichen.

Annette Kurschus

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