Spannende Geschichte(n)

Uta Elisabeth Sürmann und der theologische Parlamentarismus
Foto: Andreas Schoelzel
Foto: Andreas Schoelzel
In ihrer Dissertation erforscht Uta Elisabeth Sürmann in Münster das Phänomen studierter Theologinnen und Theologen in deutschen Parlamenten seit 1848. Da tut sich ein Kosmos von Geschichten auf.

Was unterscheidet die katholische Kirche von der evangelischen? Als Kind einer ökumenischen Ehe war ich bereits früh an systematischen und kirchengeschichtlichen Fragen interessiert und bin quasi in beiden Kirchen beheimatet: Ich trat bei den evangelischen Pfadfindern ein, bin aber zur katholischen Firmung gegangen. Nach dem Abitur habe ich ein Jahr in einer evangelischen Kirchengemeinde in Schweden mitgearbeitet. Begeistert von diesem Arbeitsfeld beschloss ich, evangelische Theologie zu studieren, auch um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Konfessionen besser zu verstehen.

Da ich zunächst nicht entschieden war, ob ich später einmal ins Pfarramt möchte, habe ich nach den ersten Theologiesemestern noch ein Studium der Politikwissenschaft aufgenommen. Im Politikstudium habe ich mir bewusst gemeinsame Themen von Kirche, Theologie und Politik gesucht und mich mit dem kirchlichen Arbeitsrecht, mit Migrationspolitik und mit Fragen des Kirchenasyls beschäftigt. Die praktische Arbeit an dieser Schnittstelle von Kirche und Politik habe ich dann in einem Praktikum in der Dienststelle des Bevollmächtigten des Rates der EKD in Berlin kennengelernt. Dort arbeite ich auch heute mit und bin für den Dialog mit den Jugendverbänden der Parteien beauftragt. Spätestens durch meine Examensarbeit zu den „Kirchenartikeln“ der Weimarer Reichsverfassung, die 1949 auch ins Grundgesetz übernommen wurden, wusste ich, dass ich Lust auf eine Promotion in diesem Themenfeld habe.

Es traf sich dann sehr gut, dass mir Professor Arnulf von Scheliha eine Forschungsstelle anbot, die mir in Verbindung mit einem Projekt des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ meine Promotion ermöglicht. In diesem Exzellenzcluster forschen etwa 200 Geistes- und Sozialwissenschaftler aus 20 Fächern zum Verhältnis von Religion und Politik quer durch die Epochen und Kulturen. Das Spektrum reicht von der antiken Götterwelt über Judentum, Christentum und Islam in Mittelalter und früher Neuzeit bis hin zur heutigen Situation in Europa, Amerika, Asien und Afrika.

Bei unserem Projekt handelt sich um eine empirische Untersuchung über evangelische Theologinnen und Theologen, die seit 1848 Abgeordnete in deutschen Parlamenten gewesen sind. Im Prinzip untersuchen wir das Phänomen, dass Menschen, die einen theologischen Beruf ausüben, gleichzeitig Berufspolitiker werden, und uns interessiert, inwieweit es Wechselwirkungen zwischen ihren theologischen und parteipolitischen Überzeugungen gibt. Zunächst wollen wir es statistisch angehen, also möglichst komplett erheben, wie viele Menschen mit abgeschlossenem Theologiestudium bisher in den Parlamenten saßen, sowohl auf Reichs- oder Bundesebene, wie auch in den verschiedenen deutschen Ländern. Es gibt zwar einige wenige Untersuchungen zu Pfarrern als Parlamentarier, aber noch keine umfassende Erhebung, die theologische Berufe in Schule und Universität mitberücksichtigt, und schon gar nicht für Theologen in den Länderparlamenten. Da gilt es, eine ganze Menge alter Abgeordnetenhandbücher zu wälzen - zum Glück sind sie heute teilweise schon digitalisiert. Diese Recherchen sind sehr interessant, da offenbart sich ein ganzer Kosmos unterschiedlichster Lebensgeschichten.

Meine Dissertation, die ich vor gut einem halben Jahr begonnen habe, befasst sich zum einen mit diesen statistisch empirischen Fragen. Dabei hoffe ich darauf, dass mir die anwachsende Datenbank unseres Exzellenzprojektes zunehmend hilft, große Linien zu erkennen. Bisher stellt es sich so dar, dass Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Endphase des Kaiserreiches, vorwiegend liberale Theologen in den Parlamenten arbeiteten, in der Weimarer Republik dann viele Konservative und erst nach 1949 fallen Theologinnen und Theologen, die der Sozialdemokratie nahestanden, ins Gewicht. Mal sehen, inwieweit dieser Eindruck bestätigt wird.

Zum anderen werde ich in meiner Arbeit drei konkrete Personen detailliert untersuchen: Aktuell beschäftige ich mich mit Rudolf Otto (1869-1937), jenem systematischen Theologen, der 1917 mit seinem Buch „Das Heilige“ weltberühmt wurde. Wenig bekannt ist, dass er von 1913 bis 1919 als Abgeordneter der Nationalliberalen Partei dem Preußischen Abgeordnetenhaus angehörte. Mit der Erforschung seines Nachlasses habe ich bereits begonnen. Zudem werde ich mich näher mit Magdalene von Tiling (1877-1974) befassen, die für die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) von 1921 bis 1930 im Preußischen Landtag und ab 1930 dann sogar im Reichstag saß. Als eine der ersten bedeutenden deutschen evangelischen Theologinnen vertrat sie dezidiert konservative Positionen. Anders als beispielsweise Rudolf Otto, lehnte sie die Frauenordination ab. Schließlich forsche ich zu Heinrich Albertz (1915-1993), der nach dem Zweiten Weltkrieg Parlamentarier im Landtag von Niedersachsen und Berlin war und 1966/67 in der heißen Phase der Studentenunruhen zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt wurde. Nach seinen politischen Ämtern kehrte er ins Pfarramt zurück.

Die gänzlich verschiedenen Biografien dieser Personen sind an sich schon sehr spannend, aber darüber hinaus interessiert mich auch die Fragestellung, wie sich Protestantismus und Demokratie langsam „anfreunden“. Wir machen uns heute meist gar nicht klar, dass das ein langer und komplizierter Prozess war. Erst vor gut dreißig Jahren erschien die bahnbrechende Demokratiedenkschrift, in der sich die EKD eindeutig zum Staat des Grundgesetzes bekannte. Heute versteht sich die evangelische Kirche als eine große Befürworterin, ja eine stabilisierende Kraft unserer liberalen Demokratie. In „Konsens und Konflikt“, dem jüngst erschienenen Impulspapier der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD wird sogar - meines Erachtens mit Recht - für eine kontroverse Debattenkultur geworben. Mit Andersdenkenden gilt es, sachlich zu streiten, und die evangelische Kirche warnt gerade davor, diesem Konflikt vorschnell aus dem Weg zu gehen.

Wenn man die vergangenen 170 Jahre betrachtet, war das längst nicht immer so, da wurden monarchische und diktatorische Staatsformen mit dem christlichen Glauben ideologisiert. Und das macht die Theologinnen und Theologen, die damals ins Parlament gegangen sind, so interessant. Warum waren sie bereit, in den demokratischen Strukturen mitzuarbeiten, obwohl sich ihre Kirche oft dagegen gewehrt hat - es gab sogar Zeiten, in denen Kirchenleitungen parlamentarisches Engagement von Theologen verboten haben. Das sind spannende Themen, und ich freue mich auf viele Entdeckungen!

weiter zum Projekt XIII

Uta Elisabeth Sürmann

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