Leichenverbrennung am Ufer

Flüsse genießen vor allem in Indien noch eine starke religiöse Verehrung
Hindus beim Gottesdienst zu Ehren des Ganges. Foto: dpa/ Rajesh Kumar Singh
Hindus beim Gottesdienst zu Ehren des Ganges. Foto: dpa/ Rajesh Kumar Singh
Die Vergöttlichung von Flüssen zeigt sich in vielen Kulturkreisen. Die Marburger Religions-wissenschaftlerin Adelheid Herrmann-Pfandt geht dem Phänomen auf den Grund und schildert auch die Riten, die am Ganges vollzogen werden.

Wie alle großen Naturphänomene, Sonne, Berge, Seen und Wälder, sind auch die Flüsse seit Menschengedenken Träger numinoser Ausstrahlung und Gegenstand religiöser Verehrung. Das ist nicht nur der Fall, weil Flüsse beeindruckende Naturschauspiele bieten, von Wasserfällen über Stromschnellen, Überschwemmungen bis zu riesigen Mündungsdeltas, sondern auch, weil sie das lebenswichtige Wasser mit sich führen und dadurch zu Lebensadern menschlicher Kultur wurden.

Unter den frühen Hochkulturen zeigen das mesopotamische Zweistromland, das Niltal in Ägypten und das indische Industal besonders deutlich die Bedeutung der Flüsse für die menschliche Kulturentwicklung. In Mesopotamien, dem Schauplatz der frühesten Hochkultur der Menschheit, lokalisieren einige Forscher sogar den Garten Eden, das alttestamentliche Paradies.

In vielen antiken Kulturen wurden die Flüsse vergöttlicht. Die Ägypter verehrten als Gott Hapi die Nilflut, die den fruchtbaren Schlamm für die Landwirtschaft brachte. In Mesopotamien war Tigris ein Flussgott, in Rom der Tiberinus, im römischen Germanien Rhenus (Rhein) und Danuvius (Donau). Antike Flussgötter wurden meist in liegender männlicher Gestalt dargestellt, manchmal aber auch als Mischwesen aus Mensch und Fisch. Seit dem Barock wurden diese Darstellungen als Allegorien der Flüsse wieder populär, und weitere Flüsse erhielten in dieser Zeit symbolische Flussgötter, wie die Oder, lateinisch Viadrus, mit ihrem gleichnamigen Flussgott. Wie die antiken Flussgötter wird auch er in der lokalen Kunst als entspannt sitzender bärtiger Mann dargestellt. In der rechten Hand hält er ein Ruder, das die Schiffbarkeit des Flusses symbolisiert.

Unter den vier traditionellen Elementen ist das Wasser das reinigende Element, das sowohl materielle als auch spirituelle Unreinheit abwäscht und durch die Reinigung den Menschen für die Begegnung mit der Gottheit bereit macht. Religionen wie der Islam schreiben eine rituelle Reinigung mit Wasser vor, bevor man beten darf.

Das wichtigste Wasserritual des Christentums, die Taufe, ist ebenfalls eine symbolische Reinigung von Sünden und mit einem heiligen Fluss verbunden, dem Jordan. In ihm erhielt Jesus Christus seine Taufe durch Johannes den Täufer, während der Heilige Geist - wie auf vielen Bildern durch die Jahrhunderte dargestellt - in Gestalt der Taube aus dem Himmel in ihn einging. Seither ist der Jordan auch deswegen für viele Gläubige heilig, weil sein Wasser mit dem heiligen Körper des Erlösers in Berührung gekommen ist. Manche glauben sogar, dass aufgrund dessen alles Wasser auf der Erde geheiligt worden sei. Qasr al-Yahud, der Ort im heutigen israelisch-jordanischen Grenzgebiet, wo man Jesu Taufe lokalisiert, ist seit Jahrhunderten ein Ziel für christliche Pilger und Taufwillige.

Eine Weltgegend, in der heilige Flüsse größte Bedeutung haben, ist der indische Subkontinent. Sieben Flüsse Indiens gelten als heilig, angeführt vom Ganges, der von den Indern als Göttin angesehen und liebevoll „Mutter Ganga“ genannt wird. Die Ganga entspringt im westlichen indischen Himalaya auf über 4000 Metern Höhe, durchfließt einen großen Teil Nordindiens und mündet zwischen Kolkata und Dhaka in einem riesigen Delta in die Bucht von Bengalen. An der Ganga liegt Varanasi, die heiligste Stadt des Hinduismus. Ein Blick auf das religiöse Leben dort macht viele Aspekte der Flussverehrung in Indien deutlich.

Mehr als sieben Kilometer ziehen sich am westlichen Ufer des Flusses die sogenannten Ghats entlang, Treppen, die von den Tempeln und Häusern der Stadt ans Ufer führen. Schon vor Sonnenaufgang kommen viele Gläubige, um im Fluss zu baden und der Göttin Ganga ihre Verehrung darzubringen. Den Tag über strömen immer mehr Pilger herbei, und jeder von ihnen muss mindestens einmal im Fluss gewesen sein. Große Gruppen von Frauen baden am Ufer in ihren farbenprächtigen Saris und schaffen es danach, sich neu einzukleiden, ohne auch nur einen einzigen Zentimeter mehr Haut zu zeigen, als es nach indischer Sitte schicklich ist. Gruppen von Gläubigen finden sich zusammen, um „Bhajans“, religiöse Hymnen zu singen oder dem Vortrag religiöser Texte auf Sanskrit zu lauschen. Yogapraktizierende vollziehen ihre Übungen und stehen auch schon einmal länger auf dem Kopf. Heilige Kühe wandern am Ufer entlang. Tempelglocken läuten unablässig. Ein Brautpaar besucht den Fluss an seinem Hochzeitstag, sie im roten Seidensari mit Goldborte, er mit kunstvoll geschlungenem Hochzeitsturban. Und über den Fluss hinweg sieht man auf einen kargen, unbewohnten Landstrich. Er gilt als unheilig. Dort zu leben oder zu sterben wäre ein Unglück. Und der Gegensatz sticht die Heiligkeit des „richtigen“ Ufers umso mehr heraus.

In Varanasi, diesem heiligsten aller Plätze, zu sterben, gehört zu den Wunschträumen jedes gläubigen Hindu, und es gibt Unterkünfte, in denen Sterbende aus allen Teilen Indiens ihren Tod erwarten. Am Mahakarnika-Ghat werden auf großen Scheiterhaufen rund um die Uhr Tote verbrannt, deren Asche dann in den Fluss gestreut wird. Wer in Varanasi stirbt und wessen Asche nach der Verbrennung in die Ganga gestreut wird, hat gute Chancen, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten erlöst zu werden. Kinder unter fünf, berufsreligiöse Personen und Arme, deren Familien sich keinen Scheiterhaufen leisten können, werden nicht verbrannt, sondern direkt in den Fluss geworfen.

Für uns Westler, die ein keimfreies Sterben gewohnt sind, bietet Varanasi eine Möglichkeit zur Begegnung mit dem Tod, wie sie selten vorkommt. Die Verbrennung geschieht sichtbar: Nur ein verkohltes Tuch trennt den Toten von den Blicken der Zuschauer. Und wenn der Schädel in der Glut zerspringt, hört man das Knacken. Gleichwohl erzeugt dies, wie viele Menschen aus dem Westen berichtet haben, kein Grauen. Als ich selber vor Jahren nachts durch Varanasi ging und unverhofft auf die brennenden Scheiterhaufen des Mahakarnika-Ghat traf, erlebte ich ein Gefühl tiefen Friedens - der Tod erschien als integraler Bestandteil des Lebens.

Vereinigung von Feuer und Wasser

Die Verbrennungsstellen am Ganges und anderen heiligen Flüssen der Hindus sind leider auch Objekte eines ungesunden Interesses westlicher Touristen. An einem relativ schmalen Fluss in Nepal habe ich einmal Touristen beobachtet, die mit riesigen Teleobjektiven die Scheiterhaufen auf der anderen Seite des Flusses in allen Einzelheiten filmten, ohne auf die Trauernden Rücksicht zu nehmen.

An verschiedenen Orten am Gangesufer, darunter auch in Varanasi, findet abends, bei Dunkelheit das Aarti-Ritual statt, eine an die Flussgöttin gerichtete Verehrungszeremonie, bei der zum Gesang von Hymnen große Leuchter mit brennenden Öllampen geschwenkt werden. Die Gegensätze Wasser und Feuer werden bei diesem Ritual vereinigt. Eine bekannte Sanskrit-Hymne, die ich bei dieser Gelegenheit des Öfteren gehört habe, lautet folgendermaßen: „Du bist meine Mutter, und mein Vater bist du,/ Du bist mein Freund, und mein Verwandter bist du,/ Du bist mein Wissen, mein Reichtum bist du,/ Du bist mein Alles, mein Gott, mein Gott.“ Manchmal setzen die Gläubigen im Verlauf des Flussrituals kleine aus Blättern gebastelte Boote in das Wasser, die mit Blumen und Lämpchen geschmückt sind und den Verstorbenen gelten. Auf dem langsam und stetig fließenden Wasser sind sie noch von weitem zu sehen und geben dem Fluss das Aussehen einer lebendigen Milchstraße.

An insgesamt vier heiligen Orten, die an Flüssen liegen, davon zwei am Ganges, findet zeitversetzt alle zwölf Jahre die sogenannte Kumbh Mela statt, die größte religiöse Versammlung der Welt. Innerhalb von zwei Monaten versammeln sich bis zu 30 Millionen Menschen an einem Tag, überwiegend Asketen und andere religiöse Funktionsträger. Sie baden im Fluss und vollziehen Rituale. Das Fest erinnert an die Herstellung des Unsterblichkeitselixiers durch die Götter, die eines der indischen Epen beschreibt. Angeblich ist es die einzige menschliche Versammlung, die man vom Mond aus wahrnehmen kann.

Ein Paradox, das sich mit der Ganga und auch anderen heiligen Flüssen in Indien verbindet, ist die Tatsache, dass ihr Wasser zwar spirituell als reinigend gilt, sie physisch aber zu den verschmutztesten Gewässern der Welt gehören. Der im Himalaya noch klare Strom wird spätestens, nachdem er das Industriegebiet von Kanpur passiert hat, zu einer grauschwarzen Brühe. Es ist für uns kaum nachvollziehbar, dass Hindus dieses Wasser noch als reinigend empfinden, dass jeder Pilger mehrfach in ihm badet, dass Wäsche in ihm gewaschen wird, dass Pilger kleine Fläschchen mit dem Wasser füllen, das sie wegen seiner heilenden Wirkung in ihre Dörfer mitbringen, und dass sogar Teewasser aus dem Fluss geschöpft wird. Die meisten Hindus sind fest überzeugt, dass die spirituelle Kraft der Göttin jegliche in den Fluss gelangte Unreinheit besiegt und ihnen deshalb nicht schadet.

Nur langsam kommen Politiker und Nichtregierungsorganisationen darauf, dass die Reinigungskraft des Flusses eine Grenze hat. Indiens Ministerpräsident Narenda Modi hat eine Ministerin für die Reinigung der Ganga ernannt. Aber von ihrem Wirken ist noch nicht viel zu merken. Vor kurzem wurden die Ganga und ihr Nebenfluss Yamuna sogar zu Personen mit Menschenrechten erklärt, um es juristisch leichter zu machen, sich für ihren Schutz einzusetzen. Gleichwohl ist das meiste Geld für die ökologische Sanierung der Flüsse in Kanälen versickert, die noch dunkler sind als die Flüsse. Noch immer versuchen viele Verantwortliche, sich mit spirituellen Argumenten über die dringend notwendige Sanierung von Indiens toten Flüssen hinwegzusetzen.

Kampf der Indianer

Auch für die Ureinwohner Nordamerikas, die sogenannten Indianer, sind das Wasser und die Flüsse von Anbeginn heilig gewesen. Seit der Eroberung durch die Europäer müssen die Indianer jedoch um Respekt für das lebenspendende Wasser kämpfen. Eine Maßnahme, die die verschiedenen Indianervölker mehr als alles andere auf die Barrikaden getrieben hat, war und ist der Bau der Dakota Access Pipeline. Sie verläuft fast zweitausend Kilometer von Nordwesten nach Südosten durch mehrere US-Bundesstaaten. Sie wurde mehrfach unter Gewässern, zum Beispiel dem Mississippi, hindurchgeführt und beschädigte dabei Landbesitzrechte und heilige Stätten der Indianer. Die zahlreichen Lecks bedrohen die Sauberkeit des Trinkwassers ständig. Nachdem zahlreiche Proteste zu einem Baustopp geführt hatten, ist der Bau der Pipeline unter Präsident Donald Trump sofort wieder aufgenommen und im April vollendet worden. Ähnlich wie in Indien zeigt sich ein Gegensatz zwischen der Heiligkeit des Wassers und ökologischen Notwendigkeiten auf der einen und industriellen Interessen auf der anderen Seite.

Nicht in allen Religionen ist die Heiligkeit des Flusses von großer Bedeutung. Der Buddha, dem es eher um die innere religiöse Wandlung als um äußere Rituale ging, bestritt, dass das Baden in einem Fluss die Reinigung von Sünden bewirken kann. Und in den drei monotheistischen Religionen konzentriert sich die Heiligkeit auf den einen Gott. Das verhindert eine so starke Verehrung eines materiellen Elements wie in Indien.

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Adelheid Herrmann-Pfandt

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Foto: Petra Schiefer

Adelheid Herrmann-Pfandt

Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt ist Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Marburg.


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