Im gleichen Boot

Gemeinsame Projekte verbinden Kirchenmitglieder und Konfessionslose
n Mecklenburg-Vorpommern haben Kirchen und Schulministerium „Tage Ethischer Orientierung“ eingerichtet. Dazu gehört diese Paddeltour (Foto), bei der die Schüler lernen, Verantwortung zu übernehmen. Foto: epd
n Mecklenburg-Vorpommern haben Kirchen und Schulministerium „Tage Ethischer Orientierung“ eingerichtet. Dazu gehört diese Paddeltour (Foto), bei der die Schüler lernen, Verantwortung zu übernehmen. Foto: epd
Die evangelische Nordkirche, die die alten Bundesländer Hamburg und Schleswig Holstein umfasst und ein neues, das stark entkirchlichte Mecklenburg-Vorpommern, hat eine Arbeitsstelle „Kirche im Dialog“ eingerichtet. Was beim Dialog mit Konfessionslosen, die die DDR geprägt hat, zu beachten ist, zeigt die Religionswissenschaftlerin Claudia Wustmann, Referentin der Arbeitsstelle.

In der Geschichte der evangelischen Kirche finden sich verschiedene Konzepte, wie Konfessionslosigkeit einzuordnen und zu deuten ist, wie mit Menschen außerhalb der Kirche umgegangen werden muss und was die steigende Zahl Konfessionsloser für die Kirchen bedeutet. Konfessionslosigkeit, verstanden als Nichtmitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft, ist bekanntlich ein Phänomen der Moderne. Denn erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Kirchenaustritt, zumindest in Preußen, rechtlich möglich. Die Bemühen um Konfessionslose ist von der „Heidenmission“ früherer Zeiten zu unterscheiden, als Angehörigen anderer Kulturkreise das Christentum nahegebracht werden sollte. Jetzt geht es um Menschen, die sich bewusst gegen die Kirche entschieden haben und meist - aber nicht immer - auch gegen das Christentum. In der DDR stellten sich die Fragen drängender als in der Bundesrepublik, da die Konfessionslosigkeit dort bekanntlich vom Staat massiv gefördert wurde. In dem in den Siebzigerjahren erschienenen „Glaubensbuch“ Aufschlüsse widmet sich eine Arbeitsgruppe des DDR-Kirchenbundes den besonderen Fragen und Problemen, denen sich Christen in der DDR stellen mussten. Und die hier vorgeschlagenen Konzepte können fast unverändert auf heute übertragen werden. Denn schon damals konnte es nicht einfach darum gehen, die Menschen für die Kirche und den Glauben zurückzugewinnen. Vielmehr sollte es ein vordringliches Ziel sein, als Kirche überlebensfähig zu werden und die christliche Religion in einer Umgebung lebendig zu halten, die ihr ablehnend oder indifferent gegenüber steht. Und um das dauerhafte Überleben des Christentums zu sichern, bedarf es sowohl der Rückbindung an eine Institution als auch der gesellschaftlichen Teilhabe. Das „Glaubensbuch“ plädiert für eine „Kirche in Bewegung“, die Offenheit des Fragens ohne fertige Antworten, eine Kirche, die sich immer wieder erneuert, eine ecclesia semper reformanda. Denn die Kirche habe eine gesellschaftliche Verantwortung. Man könne nicht isoliert leben und Probleme nicht sehen wollen: Das individuelle Wohl anzustreben, reiche nicht aus. Ein vorrangiges Mittel, diese Verantwortung wahrzunehmen, seien Begegnungen. Dazu gehöre auch, und hier sehe ich einen Unterschied zu missionarisch-evangelistischen Bemühungen, Menschen bedingungslos anzunehmen und als „Belohnung“ keine Veränderung von ihnen zu erwarten. Über die Frage, welches Interesse die Kirche daran hat, mit Menschen in Kontakt zu kommen, ohne sie als Mitglieder gewinnen zu wollen, besteht in der Kirche kein Konsens. Das Problem: Es gibt zwei etablierte Formen kirchlicher Kommunikation mit Nichtchristen. Mit anderen Religionsgemeinschaften führt man einen Dialog, der dem Austausch unter ebenfalls religiösen Menschen dient. Nichtreligiösen Menschen begegnet man dagegen mit einer missionarisch-werbenden Haltung. Ein Dialog mit Konfessionslosen, denen oftmals jedes Grundinteresse an religiösen Fragen fehlt, erscheint dagegen vielen schwierig. Denn hier muss zunächst eine andere gemeinsame Basis, müssen Anknüpfungspunkte gefunden werden.

Massive Berührungsängste

Die Arbeitsstelle „Kirche im Dialog“ der Nordkirche, weist darauf hin, dass die Kirche als sozialer Akteur Teil der Gesellschaft ist und auch auf dieser Basis kommunizieren kann. Statt den Dialog nur zwischen Religionen zu führen, ist er auch zwischen verschiedenen Gliedern der Gesellschaft nötig. Der Antrieb, Kirchenferne und Konfessionslose stärker mit in den Blick zu nehmen, liegt unter anderem in dem Wunsch begründet, als Kirche auch für die Einzelnen wieder relevanter zu werden. Die gesamtgesellschaftliche Relevanz der Kirche bestreiten die meisten ja gar nicht. Nur wissen viele nicht, wofür sie persönlich Kirche brauchen sollten. In Ostdeutschland, und das heißt für unsere Arbeitsstelle im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, müssen zunächst die teilweise massiven Berührungsängste zu Kirche und Religion abgebaut werden. Durch einen gelingenden Dialog mit Konfessionslosen wird die Kirche in die Lage versetzt, die Außenperspektive auf sich selbst wahrzunehmen. Und dabei kann sie einiges lernen, sich verändern und flexibel bleiben. Zum Beispiel kann die Kirche lernen, ihre Anliegen so zu formulieren, dass sie der heutigen Lebenswirklichkeit entsprechen und auch von Kirchenfernen verstanden werden. Der Verlust religiöser Sprache und religiöser Bildung in großen Teilen der Bevölkerung geht einher mit dem Bedeutungsverlust christlicher Sinnstiftungsangebote. Christliche, kirchliche Sprachformen und Sprachformeln empfinden viele wie eine Fremdsprache, die sie nicht entschlüsseln können. Aber ein bewusst geführter Dialog kann gegenseitiges Verstehen wieder möglich machen. Notwendig ist dafür ein klares Profil der Kirche, das jedem deutlich macht, wofür sie steht, Werte, die nicht verhandelbar sind, weil sie im Glauben an einen letzten Grund wurzeln, der sich menschlichem Zugriff entzieht. Ebenso erschließt sich potenziellen Dialog- und Kooperationspartnern der Sinn einer Vernetzung und Zusammenarbeit nur dann, wenn die Kirche ihren Mehrwert deutlich machen kann. Der christliche Glaube ist der kirchliche Markenkern. Momentan besteht die Gefahr, dass der Wunsch der Kirche, auch von konfessionslosen Menschen verstanden zu werden, einer Selbstsäkularisierung Vorschub leistet. Der Dialog muss vor allem an der Basis geführt werden, von Kirchengemeinden, die mit säkularen Partnern konkrete Aufgaben in den Blick nehmen, wobei jeder die ihm eigenen Ressourcen einbringt. Die Kirche hat viel zu bieten - auch denjenigen, die ihr nicht angehören wollen. Aber es gilt, Räume zu schaffen, wo dies erfahren wird. Man darf nicht mit vorgefertigten Angeboten kommen, sondern muss zunächst fragen: Was suchen und brauchen die Menschen, und was kann die Kirche beitragen? Dabei muss man sich klarmachen: Die Leute kommen nicht von allein. Auch eine Einladung reicht nicht aus. Vielmehr muss ein deutliches Eigeninteresse an einer Veranstaltung und einem Projekt bestehen. Wird die Frage „Was habe ich davon?“ nicht befriedigend beantwortet, kommt niemand. Dialogfördernde Modellprojekte lassen sich nicht von Ort zu Ort übertragen. Dafür hängt zu viel von der jeweils spezifischen Situation und den jeweils handelnden Personen ab. Erfolgreiche Projekte mit einer guten Öffentlichkeitswirkung können aber Inspiration und Ansporn sein, auch selbst die Kirchenmauern zu verlassen. Und natürlich kann man aus den andernorts gemachten Erfahrungen lernen. Grundsätzlich müssen die Begegnung mit Konfessionslosen in urbanen und ländlichen Räumen aber auf unterschiedliche Weise erfolgen und die jeweiligen historischen, milieubedingten und religiös-weltanschaulichen Rahmenbedingungen berücksichtigen. Zuvor muss man sich bewusst machen, dass die Öffnung nach außen, so wichtig und notwendig sie auch ist, bedeuten kann, dass aufgrund knapper Ressourcen - finanzieller, zeitlicher, personeller - auf etwas anderes verzichtet werden muss, von dem die Kerngemeinde bisher profitiert hat. Am besten plant man so, dass sowohl Engverbundene als auch Kirchenferne integriert werden. Ein weiterer Punkt, der unbedingt beachtet werden muss, ist die Vermeidung einer Haltung, die Konfessionslosen eine defizitäre Weltdeutung zuschreibt. Diese Einstellung kann leicht entstehen, wenn man Angebote für andere macht. Dietrich Bonhoeffers Anliegen, „Kirche für andere“ zu sein, wird deshalb besser modifiziert in „Kirche mit anderen“. Es geht also darum, gemeinsam mit außerkirchlichen Kooperationspartnern Angebote zu entwickeln, von denen alle Beteiligten profitieren. Das verteilt nicht nur die Arbeit auf mehrere Schultern, sondern erzeugt auch Aufmerksamkeit. Menschen, die die Kirche nicht kennen oder keinen Bezug zu ihr haben, kennen vielleicht die Kooperationspartner. Und das mindert Ängste vor Vereinnahmung und Vorurteile. Ich wies bereits darauf hin, dass kirchenferne Menschen eine andere Perspektive haben. Und dieser Umstand kann den binnenkirchlichen Diskurs sehr bereichern. Sie stellen andere Fragen, spiegeln, dass sie die religiöse Sprache schwer oder nicht verstehen, und fordern zur Reflexion des eigenen Glaubens heraus. Das bedeutet auch, die anderen so anzunehmen, wie sie sind - auf Augenhöhe, ohne Veränderungsabsicht - und deren je eigene Weltsicht zu akzeptieren. Grundsätzlich lässt sich vieles vom bereits etablierten und vielerorts funktionierenden interreligiösen und interkulturellen Dialog lernen: Man spricht auf der Basis der Überzeugung miteinander, bei aller Verschiedenheit viele Gemeinsamkeiten zu haben und dass ein Austausch beide Seiten bereichert. Es geht um gegenseitige Wertschätzung und nicht darum, den Dialogpartner auf die eigene Seite zu ziehen. Wenn die Kirche akzeptiert, dass Konfessionslosigkeit eine gewählte und zu respektierende Weltsicht ist, muss der Dialog mit Konfessionslosen genauso geschehen wie der mit Angehörigen anderer Konfessionen und Religionen. Last but not least möchte ich noch einige grundsätzliche Dinge zu bedenken geben: Bei der Beschäftigung mit der Frage, wie die Kirchen mit konfessionslosen, auch religiös desinteressierten Menschen in Kontakt treten und einen gelingenden Dialog führen kann, stellt man schnell fest, dass es nicht an Ideen und Konzepten mangelt. Aus meiner Erfahrung in der Arbeitsstelle „Kirche im Dialog“ erscheinen mir viele davon vielversprechend. Aber aus einer Reihe von Gründen hat es ein Umsetzungsproblem gegeben. So hat sich als Hauptaufgabe der Arbeitsstelle herausgestellt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche von der Notwendigkeit eines Dialoges zu überzeugen. Woran liegt das? Zu einem Gutteil daran, dass viele nach wie vor in volkskirchlichen Strukturen denken, an denen sie nicht gerüttelt sehen möchten. Nun kann man, wie das neuerdings gern getan wird, unter Volkskirche eine Kirche verstehen, die für alle da sein will. Eigentlich meint es aber doch eine Kirche, die von der Mehrheit des Volkes getragen wird und die Religiosität großer Teile des Volkes repräsentiert, so wie die Volksparteien den politischen Willen großer Bevölkerungsteile repräsentieren wollen. Doch auch sie verlieren an Boden. Und von einer Volkskirche im Sinn einer Mehrheitskirche kann man allenfalls noch in Teilen Deutschlands sprechen. Mancher mag das bedauern, aber es entspricht schlicht der postmodernen Realität. Und man kann und muss lernen, damit umzugehen. Zur Postmoderne gehört ein individualisierter Lebensstil, der dazu führt, dass viele kirchliche Angebote gelegentlich nutzen, eine feste Bindung aber ablehnen. Doch wenn akzeptiert wird, dass die Kirche für viele Menschen nur punktuell Bedeutung hat und nicht für das gesamte Leben, wird deutlich, dass der vielbeschworene Relevanzverlust gar nicht so groß ist. Weil aber die vorhandene Wahlfreiheit, die im Übrigen auch von Kirchenvertretern geschätzt wird, zur Konkurrenz vieler Anbieter um Ressourcen führt, müssen kirchliche Angebote dringend besser beworben werden. Sie haben in der Wahrnehmung Kirchenferner nämlich keine Sonderstellung, sondern stehen auf einer Ebene mit anderen. Das Argument, beim Glauben handle es sich um mehr als Freizeitgestaltung und Hobby, verfängt deshalb nicht, weil es einzig auf subjektiver Wahrnehmung beruht. So manches Hobby, und das gilt nicht nur für den vielzitierten Fußball, ist ebenfalls eher Weltanschauung und taugt durchaus zur Selbsttranszendierung. Was bleibt als Fazit? Die Kirchen sind nach wie vor gut aufgestellte Organisationen, für deren Angebote auch in Zukunft eine zumindest hinreichende Nachfrage zu erwarten ist. Es kommt jetzt darauf an, durch vielfältige Vernetzungen eine stabile Position in einer funktional pluralistischen Gesellschaft zu finden und dafür zu sorgen, dass sich die kirchliche Relevanz auch denen erschließen kann, die weder den christlichen Glauben teilen noch an einer Mitgliedschaft interessiert sind. Dazu bedarf es einer klaren, unverwechselbaren Botschaft einerseits und flexibler, an die Bedürfnisse eines individualisierten Lebensstils angepasster Strukturen andererseits.

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Claudia Wustmann

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