Gegen Rassismus

Über ökumenisches Engagement
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Sjollema zieht die große Linie der ökumenischen Entwicklung in der Frage der sozialen Verantwortung als einer christlichen Bekenntnisfrage.

In der Zeit eines neuen religiös-ethnischen Rassismus und der wieder aufbrechenden Wunde in den USA ist es sehr nützlich, sich die Erfahrungen und Einsichten eines Lebens zu vergegenwärtigen, das an der Seite von Flüchtlingen und Unterdrückten im Widerstand gegen rassistische Verfolgung besonders gegen den zum politischen System gewordenen Rassismus der Apartheid geführt wurde.

Baldwin Sjollema hatte bereits Erfahrungen in der Unterstützung von niederländischen Indonesiern bei der Auswanderung in die usa und als Leiter des örk-Flüchtlingsbüros in Wien gesammelt, als der Ökumenische Rat ihn 1969 beauftragte, das „Programm zur Bekämpfung des Rassismus“ (PCR) aufzubauen. Dieses Programm sowie sein Sonderfonds unterstützten in den Siebziger- und Achtzigerjahren ebenso umstritten wie politisch wirksam den Widerstand von Befreiungsbewegungen und kirchlichen Gruppen im südlichen Afrika. Es rief zu einem Kredit- und Investitionsstop in Südafrika auf und wurde in seinen Aktivitäten von Kirchen, Bürgerinitiativen, Spenden und Boykottaktionen („Kauft keine Früchte aus Südafrika!“) gestützt.

Die Weltkonferenz für Kirche und Gesellschaft 1966 in Genf sowie die Vollversammlung des örk in Uppsala 1968 waren der Kairos für die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verantwortung von Christen im Widerstand gegen die Folgen des kolonialen Erbes Europas. Man hatte in der ökumenischen Bewegung erkannt: „Rassismus war nicht nur eine zwischen anderen Ungerechtigkeiten; hier handelte es sich um eine besondere christliche Häresie. Deshalb lag die besondere Aufgabe vor uns, von den Worten weg und zu solidarischem Handeln mit den rassistisch Unterdrückten zu kommen.“

Sjollema zieht die große Linie der ökumenischen Entwicklung in der Frage der sozialen Verantwortung als einer christlichen Bekenntnisfrage von 1925 (Stockholm) bis 1975 (Nairobi). Er zeichnet den Prozess von der Konsultation bis zur Konfrontation mit und in den Kirchen, besonders in Deutschland und Südafrika nach. Intensiv geht er auf die Konflikte zwischen Christenrat, Kirchen und Regierung in Südafrika ein – bis hin zur Freilassung Mandelas 1990, den Wahlen 1994 und der Arbeit der „Wahrheits- und Versöhnungskommission“.

Eingehend befasst er sich mit der damals heftig diskutierten Frage, ob christliche Kirchen und Gruppen Befreiungsbewegungen unterstützen dürfen, die im Grenzfall Gewalt anwenden. Im Dickicht der Debatte um das Recht auf nicht-terroristische Gewalt als „Gegengewalt“ wurde in der Regel um falsche Alternativen gestritten. „Für die Kirchen ging es“ – so Sjollema – „nicht um Gewalt oder Gewaltlosigkeit, sondern um Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, weil es ohne Gerechtigkeit keinen Frieden geben kann. Die Alternative zu Gewalt ist nicht Gewaltlosigkeit, sondern Gerechtigkeit.“

Mit diesem klaren Akzent versteht Sjollema „Widerstand als (seinen) Lebensentwurf“; und er hat diesen Weg mit weiser Geduld und undiplomatischer Klarheit ein Leben lang beschritten. Eindrucksvoll auch seine bewundernde, gleichwohl kritische Bilanz der Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission unter der Leitung von Bischof Tutu. Im Blick auf die heutige Lage besteht für ihn freilich Anlass festzustellen: „Es gibt einen generellen Mangel an Glaubwürdigkeit, der in der westlichen Welt leider zu großer Gleichgültigkeit und starkem Zynismus führt.“

Den gegenwärtigen Realitäten in Südafrika und anderswo gegenüber ist sein Fazit jedoch keineswegs resignativ. Baldwin Sjollema erinnert an Dietrich Bonhoeffers Einsicht, dass zwischen Bekenntnis und Widerstand eine untrennbare Beziehung besteht: „Worauf es am meisten ankommt, wenn wir dem Evangelium treu bleiben wollen, ist die Befreiung der Menschen und die Verteidigung von Werten, ohne die kein Leben möglich ist.“ Diese Erkenntnis steht als Leitstern über einem Berufsleben, das beharrlich und überzeugend Brücken über Gräben geschlagen hat, die wider allem Erwarten Versöhnung möglich machte.

Hans Norbert Janowski

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