In den Nebel

Die Reise eines Kriegsenkels
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Den Blick zurück in die Kindheit umgibt ein Nebel. Doch Matthias Lohre geht hinein und macht anderen Mut, es ebenso zu tun.

Dieses Buch könnte eine Anmaßung sein. Denn da schreibt einer über sich, seine ganz eigenen Gefühle, seine Familie und seine in der Psychoanalyse gewonnen Erkenntnisse. Doch diese subjektive Selbstbefragung soll mehr sein, als eine persönliche Lebensgeschichte. „Was ich zu erzählen habe, steckt voller Parallelen zu Millionen Beziehungen zwischen alten Eltern und ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern“, schreibt der Journalist Matthias Lohre zu Beginn seines jüngsten Buches. Denn es gehe eben nicht nur um Eltern und Kinder, sondern um die Beziehung zwischen Kriegskindern und Kriegsenkeln und darum, wie die traumatisierenden Kriegs- und Nachkriegserfahrungen der über Siebzig-jährigen noch immer in ihren Kindern nachwirken.

Damit ist die Spur gelegt, der Lohre wahrlich nicht als erster folgt. Bereits 2004 veröffentlichte Sabine Bode, ebenfalls Journalistin, ihren Besteller „Die vergessene Generation – die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“, dem zwei weitere folgten, die sich mit den „Nachkriegskindern“ und den „Kriegsenkeln“ beschäftigten. Viele der Symptome einer gestörten Beziehung, die Lohre beschreibt, wurden in Bodes Büchern bereits benannt. Eine Unmenge von Fallgeschichten zeigten, dass der Zweite Weltkrieg und die Verbrechen der Nazi-Zeit selbst bei denen noch immer Wirkung zeigen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren geboren wurden. Schuldgefühle, autoritäre Erziehung zum Kadavergehorsam und lebensbedrohliche Erfahrungen von Krieg, Flucht und Gewalt lebten gerade dadurch fort, dass diejenigen, die sie erlebt hatten, eben nicht darüber sprachen, sondern sie unbewusst durch beredtes Schweigen, absurd scheinende Regeln oder HB-Männchen gleiche cholerische Ausbrüche an die nächste Generation weitergaben. Was bei Bode etwas zu kurz kam, die historische und psychologische Analyse und Deutung, fand sich in den Folgejahren in einer Fülle von Fachbüchern zur Kriegskinderforschung.

Warum sollte man dann das Buch des 1976 geborenen Lohre lesen, der viele Jahre Politik-Redakteur der taz war und seit einigen Jahren für die Zeit und Zeit-Online schreibt? Weil es ihm tatsächlich gelingt, die Spannung zwischen persönlicher und Welt-Geschichte zu halten. Beginnend mit dem Tod des Vaters und dessen Auswirkungen auf die eigene Gefühlswelt, in der trotz allem beruflichen Erfolg Versagensängste vorherrschen und das stete Gefühl, nicht genug zu leisten. Von der Schwierigkeit, sich auf feste Beziehungen einzulassen, ganz zu schweigen. Den Blick zurück in die Kindheit umgibt ein Nebel, und Lohre entschließt sich dazu, in diesen Nebel hinzugehen. Er nimmt Kontakt mit Zeitzeugen auf, besucht einen Heimatforscher, nimmt seinen Leser mit auf die Reise in sein Heimatdorf, führt ihn an das elterliche Haus, das so viele beklemmende Erinnerungen weckt. Er setzt sich mit ihm an den Kaffeetisch des Onkels, der dem jungen Mann vorgeworfen hatte, sich zu wenig um seinen Vater gekümmert zu haben. Und der dann ganz anders ist, als befürchtet und zum wichtigen Informanten wird. Lohre mutet sich und seinen Lesern stets eine genaue Beschreibung seiner Gefühlswelt zu. Doch weil er dabei nie egozentrisch wird, schafft das Nähe und Verbundenheit, denn schließlich kennt man solche Gefühle ja.

Und genau das ist kein Zufall, sondern hat seine Ursachen in der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte der Deutschen. Immer wieder erweitert Lohe den subjektiven Blickwinkel durch Erkenntnisse der Psychologie und Geschichtswissenschaft. Er zieht den Bogen zurück zum Ersten Weltkrieg, der die späteren Kriegskinder schon bei ihrer Geburt zu Nachkriegskindern machte. Er beschreibt die gruselige Pädagogik der Johanna Haarer, die schon Säuglingen den Willen brechen wollte. Und dann sucht er nach Spuren dieser Erziehung bei seinen Eltern und sich selber, lässt uns gemeinsam mit sich und seiner Schwester eine Flasche Wein leeren und die in der Kindheit so oft gehörten Sätze aussprechen, die ohne Frage aus einer dunkleren Zeit stammen: „Ich glaub‘, dir geht’s zu gut.“ „Du kannst niemandem trauen.“ „Am besten ist, gar nichts zu hoffen, dann kann man nicht enttäuscht werden.“

Was Matthias Lohre über seine Familie herausfindet, ist nicht vordergründig spektakulär. Kein Kriegsverbrechen, keine Heldentaten, keine dramatischen Gewaltexzesse – stattdessen die nicht unübliche, aber folgenreiche Verstrickung einer Familie mit den Nazis. So macht Lohre den Kriegsenkeln, die die Last vorheriger Generationen noch in ihrem Leben spüren, Mut, sich davon zu befreien. Der Weg führt zunächst in den Nebel, doch der lichtet sich am Ende.

Stephan Kosch

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