Großer Wurf

Plädoyer für Resonanz
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Hartmut Rosa tritt mit seinem mutigen Überbietungsgestus eine entspannte Nachfolge der Kritischen Theorie an, die auf Alarmismus und Hysterie weitgehend verzichtet.

Das mächtige Buch ist ein großer Wurf. Ich betone das auch deshalb, weil alle führenden Feuilletons mit Ausnahme der Neuen Züricher Zeitung das Buch eher mäkelig besprachen. Alle Abwertungen haben dem Erfolg des Buches nicht schaden können, inzwischen ist es bereits in der vierten Auflage erschienen. Erfolg beim Publikum wird die intellektuellen Kunstrichtereliten kaum beeindrucken, weil sie sehr grundsätzlich dem Ansinnen skeptisch gegenüberstehen, ein solitärer Autor könne in der ausdifferenzierten Wissenschaftskommunität anhand einer zentralen Vokabel eine glückende Weltbeziehung beschreiben.

In seinem Opus magnum setzt der in Jena Soziologie lehrende Hartmut Rosa mit einem anthropologischen Knaller ein: Der Mensch ist ein Antwortwesen. Rosa weiß sich mit diesem Vorschlag komfortabel unterstützt durch die Phänomenologie von Levinas, über Merleau-Ponty, Waldenfels bis hin zum Vertreter der Neuen Phänomenologie, Hermann Schmitz, der bereits vor Jahrzehnten den Leib als Resonanzkörper in einer Umgebung definierte. Nur folgerichtig bestimmt Rosa die Grundelemente menschlicher Weltbeziehung zunächst als körperliche Weltbeziehung, sodann als Weltaneignung und Welterfahrung, unterscheidet emotionale, evaluative und kognitive Weltbeziehungen und bestimmt Resonanz und Entfremdung als Basiskategorien einer Weltbeziehungstheorie. Als Theologe liest man elektrisiert den zweiten Teil über die Resonanzsphären und Resonanzachsen, denn Rosa nennt deren drei in einer Aufgipfelung: horizontale Resonanzachsen: Familie als Resonanzhafen, Freundschaft, Politik; diagonale Resonanzachsen: Objektbeziehungen (Dinge), Arbeit, Schule, Sport und Konsum und schließlich die vertikale Resonanzachse: Religion, Natur, Kunst und Geschichte. Ein dritter Teil fängt die Angst vor dem Verstummen der Welt ein, inventarisiert Gewinne und Folgekosten der Modernisierung. Das Buch schließt mit einer kritischen Theorie der Weltbeziehung, die auch Konturen einer Postwachstumsgesellschaft skizzieren will. Rosa, der mit Studien zur Beschleunigung und Steigerungslogik in der Moderne bekannt wurde, kann prompt glückliches Leben als „steigerungsunabhängiges Leben“ qualifizieren.

Ob Rosa mit seinem mutigen Überbietungsgestus sich zurecht als legitimer Erbe der Kritischen Theorie installiert, ist eine zweitrangige Frage. Er träte zumindest eine entspannte Nachfolge an, die auf Alarmismus und Hysterie weitgehend verzichtet und eher von einem reflektierten Optimismus getragen wird. Geschätzt bei den Kritikern werden zunächst und zumeist die Alarmisten. Rückfragen habe ich – nach einem Oberseminar zum Buch – etliche: Ob etwa Resonanz als Antwortbeziehung gegenüber emotionalen Inhalten wirklich stets neutral bleibt. Ob der Begriff Resonanz nicht manchmal überfordert ist, um auf alle Probleme zu antworten. Ob der Katholizismus eine stärkere Resonanzachse für die Gegenwart als der Protestantismus im Angebot hat. Und – sehr viel grundsätzlicher: Ob die Soziologie das ideale Fach für eine Theorie der Resonanz ist, denn Rosa nennt die Resonanzerfahrung „unverfügbar“ – ein in der Theologie nicht ganz unbekannter Topos. Rosa muss sich die Stimmen aus anderen Gebieten leihen, um verständlich zu machen, wie Resonanz funktioniert. Sowohl namentlich die Theologie als auch Philosophie, Germanistik, Musikwissenschaft, Geschichtswissenschaft als auch Kunstwissenschaft haben Textcorpora oder Kompositionen oder Bildarchive im Angebot, die Resonanz inszenieren.

Damit ergeht zugleich das Angebot für einen weiterführenden Diskurs zum Thema Resonanz über Fächergrenzen hinaus.

Klaas Huizing

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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