Atem für die Nachfolge

Das Vaterunser und die biblische Tradition
Morgengebet: Kinder in der Evangelischen Waldschule Eichelkamp in Wolfsburg. Foto: epd/ Jens Schulze
Morgengebet: Kinder in der Evangelischen Waldschule Eichelkamp in Wolfsburg. Foto: epd/ Jens Schulze
Das Vaterunser ist das berühmteste Gebet der Christenheit. Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum, zeigt die Verankerung des Gebets Jesu in den biblischen Schriften. Und er glaubt, dass das Vaterunser gute Chancen hat, als Friedensgebet neu entdeckt zu werden.

Zweimal steht das Vaterunser in den Evangelien: einmal, in einer Kurzversion, bei Lukas (11,1–4), und einmal, in einer Langversion, bei Matthäus, mitten in der Bergpredigt (6,9–13). Zweimal spielt Paulus auf das Vaterunser an: einmal im Römer-, einmal im Galaterbrief; beide Male schreibt er, dass der Geist die Gläubigen ansporne, „Abba“ zu rufen, in der aramäischen Muttersprache Jesu (Römer 8,15; Galater 4,6). Das Vaterunser ist, von Jesus vorgegeben und tief in der Urkirche verwurzelt, das Grundgebet der Christenheit. Heute gerät es zwar mehr und mehr in Vergessenheit. Gleichzeitig hat es aber neue Chancen, als Friedensgebet entdeckt zu werden, das auch Juden und andere Menschen mitsprechen können, die nicht zur Kirche gehören, aber an Gott glauben. Es ist gut, aus der Routine herauszukommen, mit der das Gebet traditionell gesprochen wird, und die Dramatik zu erkennen, in der es entstanden ist.

Paulus schreibt im Römerbrief von der bedrängten Kreatur, die unter der Last des Todes ächzt und stöhnt, aber sich nicht artikulieren kann: Ihr Schrei bleibt stumm, so laut er auch gellt (8,19–22). Es ist die Aufgabe derjenigen, die an Jesus Christus glauben, diesen Schrei so zu artikulieren, dass er gehört werden kann. Aber sie stecken selbst mittendrin im Schlammassel: „Was wir beten sollen, wissen wir nicht.“ Gott sei Dank, so Paulus, sind sie nicht allein auf sich gestellt; sie haben den Geist empfangen, der für sie „eintritt mit unaussprechlichen Seufzern“ (8,26), also mit einer Sprache, die das Geheimnis Gottes wahrt und gerade dadurch die Not der Menschen, ja der ganzen Schöpfung zum Ausdruck bringt. Das Vaterunser, das mit dem Schrei Jesu in Gethsemane beginnt: „Abba, Vater“ (Markus 14,36), bringt die Hoffnung derer zur Sprache, die bitten, weil sie Hilfe brauchen: Der Hunger nach Brot nagt, das Leiden an eigener und fremder Schuld schmerzt, die Versuchung des Bösen ist groß. Im Vaterunser kommt die Not zum Ausdruck, die beten lehrt, aber deshalb nicht schon überwunden ist. Im Vaterunser kommen die Menschen zu Wort, die sprachlos sind, weil sie nicht wissen, wo Gott in ihrer Not und Schuld zu finden ist.

Als Sohn vor Gott

Nicht weniger dramatisch ist der Kontext des Galaterbriefes: Dort stellt sich Paulus die Biographie eines Menschen vor, der als kleines Kind unmündig ist und unter der Vormundschaft anderer steht, aber schließlich doch erwachsen wird, frei und unabhängig (Paulus hat als Kind seiner Zeit patriarchalisch gedacht). Er stellt sich den Menschen als „Sohn“ vor Gott vor, dem er sich verdankt, und das selbstbewusst zum Ausdruck bringen kann, indem er kraft des Geistes „Abba“ ruft (3,26–4,7). Die Geschichte seiner Unfreiheit ist nicht vergessen. Sie kommt im Gebet zum Ausdruck, als Dankbarkeit für das Geschenk einer Befreiung, die verpflichtet.

Die Evangelien erzählen, in welchen Situationen Jesus das Vaterunser gelehrt hat. Es sind kritische Momente. Nach der Bergpredigt gibt es, auch im Jüngerkreis, die harte Versuchung der Heuchelei: nicht nur in der ebenso primitiven wie populären Form, Wasser zu predigen und Wein zu trinken, sondern in der viel subtileren und gefährlicheren Form, die eigene Frömmigkeit und Gerechtigkeit zur Schau zu stellen und sich dadurch – unter der Maske der Demut – hoch aufs Podest zu stellen (Matthäus 6,1–18). Je weniger die Heuchelei bewusst ist, desto schlimmer ist sie. Da Menschen Probleme bei anderen meist eher erkennen als bei sich selbst, lenkt Jesus den Blick auf Juden, die eine Synagoge oder eine Straßenecke zur religiösen Showbühne machen, und auf Heiden, die „plappern“, weil sie denken, dass sie mit vielen Worten die Götter gnädig stimmen können (6,5–7). In Wahrheit aber geht es um die Selbsterkenntnis und Selbstkritik der Jünger. Sie müssen sich prüfen, ob sie auch im „stillen Kämmerlein“ beten können, wenn niemand ihnen zuschaut. Die wenigen Worte des Vaterunsers reichen, um sich – mit anderen, nicht vor ihnen – Gott zu öffnen. Desto schlimmer ist es, wenn sie ihrerseits zur Plapperei werden und der Selbstdarstellung dienen, wie es allzu oft der Fall ist.

Bei Lukas fragt einer der Jünger, nachdem sie gesehen haben, wie Jesus gebetet hat: „Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger zu beten gelehrt hat“ (11,1). Aus dieser Bitte spricht nicht Neugier, sondern Not. Die Jünger wünschen sich, beten zu können, wie Jesus betet, aber sie wissen, dass sie es nicht können, wenn sie nicht von ihm angeleitet werden. Die Jünger können sich nicht eigene Gebete ausdenken, weil sie die passenden Worte nicht finden. Jesus muss ihr Lehrer sein, und das Evangelium überliefert die Frage, damit nur ja nicht der Eindruck entsteht, das Vaterunser verstehe sich von selbst oder sei den Jüngern von Jesus aufgedrückt worden. Es soll ihnen vielmehr helfen, in der Not des Betens, die sie mit aller Welt teilen, nicht unterzugehen.

So wenig das Vaterunser die Not verkennt, in der Menschen beten, so sehr ist das Gebet ein Ausdruck der Freude und Dankbarkeit, eine Beziehung zu Gott zu haben. Lukas lässt gleich auf das Vaterunser zwei kurze Gleichnisse Jesu folgen: zuerst vom Freund, der um Mitternacht seinen Nachbarn bittet, ihm etwas zu geben, damit er einen Gast bewirten kann und, aus welchen Motiven auch immer, Erfolg hat. Dann vom Vater, der seinem Sohn, der von ihm einen Fisch oder ein Ei haben möchte, gewiss keine Schlange und keinen Skorpion gibt (11,5–8. 11–13) – moralische Selbstverständlichkeiten, die Hoffnung auf mehr machen sollen, Hoffnung auf Gott, ohne die Menschen zu verachten. Für die Jünger, denen Jesus Worte schenkt, in denen sie Gott bitten können, ist das Vaterunser ein Glück. Nach der Apostelgeschichte bildet das Beten, an dem die Urgemeinde festhält, ein starkes Bindeglied der Urgemeinde und eine feste Brücke zur ganzen Stadt, die den Gläubigen hohe Anerkennung zollt (2,42). Und das Vaterunser ist der Nerv dieses Betens.

Matthäus hat die Bergpredigt unter das Vorzeichen der Seligpreisungen gestellt, die mehr als irdisches Glück, nämlich himmlisches, verheißen (5,3–12). Man kann die Seligpreisungen und das Vaterunser direkt nebeneinanderlegen und die starken Resonanzen heraushören: Die eigene Armut vor Gott nicht zu verschweigen, die Trauer nicht zu überspielen, Gewalt zu überwinden, nach Gerechtigkeit zu hungern und zu dürsten, barmherzig zu sein, ein reines Herz sich zu bewahren, Frieden zu stiften und lieber Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun – die Seligpreisungen weisen nach klassischer Auslegung einen Weg der Nachfolge. Und das Vaterunser verleiht den nötigen Atem – und wer mit den Worten Jesu betet, wird von den Seligpreisungen berührt. Sie reden das Elend nicht schön, sondern öffnen die Augen dafür, dass Gott inmitten der menschlichen Miseren gegenwärtig ist, um sie zum Guten zu wenden: Das Beste kommt noch – wie das Vaterunser hoffen lässt.

Paulus verbindet im Galaterbrief die Freiheit des Glaubens (2,1–10), die Entdeckung des Ichs in der Liebe Jesu Christi (2,19f.), mit dem Abba-Gebet, das tiefes Vertrauen und echtes Bekenntnis ist. Im Römerbrief bringt der Apostel nicht nur seinen Glauben zum Ausdruck, das „Reich Gottes“ sei „Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ (4,17), wie das Vaterunser es erwarten lässt. Er betet auch, dass „der Gott der Hoffnung“ die Leserinnen und Leser mit „Freude und Frieden“ erfülle (15,13), so als ob er selbst das Vaterunser anwende. Denn das Gebet zum Vater, das der Geist eingibt, lässt in allen Irrungen und Wirrungen – ohne jeden Trotz, aber in aller Zuversicht – erkennen, dass „Gott denen, die ihn lieben, alles zum Guten wirkt“ (8,28). Er wirkt es für sie, aber nicht ohne sie, sondern, wenn man den griechischen Text genau liest, mit ihnen. Das ist für Paulus das höchste Glück auf Erden.

Das Glück des Betens, das sich im Vaterunser sammelt, ist die Erleichterung darüber, kein Heuchler, kein Sklave, kein Unmündiger, kein Stummer mehr sein zu müssen – und auch die Erleichterung, es nicht in alle Ewigkeit bleiben zu müssen, wenn man es einmal wieder geworden ist. Das Glück des Betens ist der Segen, der anderen gespendet wird, weil alle, die beten, wie Jesus gebetet hat, Gottes Heil nicht für sich behalten, sondern weitergeben wollen. Im Kern ist das Glück des Betens die Erfahrung Jesu, der Gott unendlich nahe ist: einer Freundschaft, die nicht nur horizontal, sondern vertikal verläuft. Wer das Vaterunser betet, weiß sich von Gott bejaht und geliebt, wie die anderen Menschen auch. Geliebt ist nicht nur, wer betet; aber wer in der Nachfolge Jesu betet, erkennt, wie stark die Liebe Gottes ist.

Nach Matthäus und Lukas lehrt Jesus seine Jünger das Vaterunser auf dem Weg der Nachfolge, nach Matthäus noch in Galiläa, aber auf einem Berg (5,1f.), der weit ins Land schauen lässt, nach Lukas mitten auf dem Weg, als Jesus seine Augen schon nach Jerusalem gerichtet hat, wo er sterben und auferstehen wird (9,51). Nach dem Galaterbrief gehört der Ruf zum Abba in den Lebensentwurf von Menschen, die nicht aus Werken des Gesetzes gerechtfertigt sein wollen, sondern alles auf den Glauben an Jesus Christus setzen und deshalb die Losung beherzigen: „Wenn wir dem Geist leben, wollen wir auch dem Geist folgen“ (5,25). Im Römerbrief entwickelt Paulus die Perspektive eines Lebens der Gerechtfertigten, die der Gerechtigkeit dienen (8,9–11) in den Spuren Jesu, der Adams Ungehorsam durch seinen Gehorsam verwunden hat (Kapitel 5). Überall zeigt das Vaterunser an, dass Menschen aufgebrochen sind, um Gott zu suchen, aber noch lange nicht am Ziel angekommen sind.

Vertrauen und Herzensbekenntnis

Das Vaterunser ist nicht nur auf dem Weg der Nachfolge entstanden, es weist auch in die Nachfolge ein, indem es selbst einen Weg des Glaubens beschreibt. Dieser Weg beginnt mit der Anrede „Vater“, die im Alten Testament verwurzelt und doch – oder besser: deshalb – charakteristisch jesuanisch ist. Sie bringt das Grundvertrauen und Herzensbekenntnis Jesu, des Juden, des Sohnes, zum Ausdruck und lädt deshalb alle, die ihm nachfolgen, ein, an dieser Gottesliebe Anteil zu haben. Die Anrede steht nicht nur vor dem ganzen Gebet, sondern auch vor jeder einzelnen Bitte. So führt der spirituelle Weg des Betens von der Anrede „Vater“ zum Namen, zum Reich, zum Willen Gottes und wieder zurück, aber auch zum Brot, zur Schuld, zur Versuchung, zur Erlösung der Menschen und wieder zurück. Durch die Bitten wird die Anrede ausgelegt, und durch die Anrede werden die Bitten ausgelegt.

Der erste Teil des Vaterunsers blickt auf das Du Gottes, der zweite auf das Wir der Menschen. Der Anfang bei Gott führt auf den Weg der Nachfolge. Gott selbst soll seinen Namen heiligen, sein Reich kommen lassen, seinen Willen erfüllen – und diejenigen mitnehmen, die beten, aber auch alle anderen, für die sie beten. Aus diesem Grund dürfen diejenigen, die Gott die Ehre geben, aber auch ihre elementaren Bedürfnisse, ihre großen Ängste, ihre schwere Schuld vor ihm zum Ausdruck bringen. Der Bezug auf den Namen, das Reich, den Willen des Vaters bewahrt vor der Verabsolutierung der eigenen Interessen und Defizite; der Bezug auf das Brot, die Schuld und Versuchung der Menschen bewahrt vor einer Gottesverehrung, die hohl wird, weil sie die Not und das Glück der Menschen übergeht. Der Wille Gottes, so die Matthäusversion, soll ja auf Erden verwirklicht werden, dort, wo Menschen mit Gottes Hilfe leben und immer an ihre Grenzen stoßen werden, ohne deshalb in ihrer Hoffnung desavouiert zu werden.

Nach Paulus wird das Vaterunser stellvertretend für alle gesprochen, die nicht selber sprechen können. Nach Matthäus hört das Volk am Fuß des Berges, was Jesus seine Jünger lehrt, auch das Vaterunser, und wird eingeladen, es mitzusprechen. Nach Lukas steht es im Ausstrahlungsbereich des Doppelgebotes der Gottes- und der Nächstenliebe, das aus der Tora zusammengestellt ist, und des Samaritergleichnisses, das einen Fremden, einen Erbfeind zum Vorbild erklärt (10,25–37).

Das Vaterunser schottet nicht ab, sondern lädt ein. Es leitet auf den Weg der Nachfolge; es definiert eine Schnittstelle für diejenigen, die in ihrer Not gleichfalls das Glück des Glaubens suchen. Das tägliche Brot, die menschliche Schuld und die Hoffnung auf Erlösung sind nicht speziell christliche, sondern allgemein menschliche Themen. Der Name, das Reich und der Wille Gottes sind in der Verkündigung Jesu keine abstrakten Größen, sondern konkrete Formen, denen er durch seine Sendung Inhalt gibt – aber so, dass er die Hoffnung Israels beherbergt, die ihrerseits für die Gottessuche der Völker geöffnet ist. Diejenigen, die das Vaterunser beten, ohne Christen zu sein, riskieren, in die Nachfolge Jesu einzutreten, und diejenigen, die es beten, weil sie Christen sind, riskieren dieselbe Nachfolge, die nicht in eine Nische, sondern unter Gottes Himmel auf Gottes Erde führt, wo sein Wille tausendfach missachtet wird und am Ende sich doch durchsetzen wird – wenn es wirklich Gottes Wille ist.

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Thomas Söding

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