Gelehrte und Glaubensflüchtling

Olympia Fulvia Morata – ein weibliches Wunderkind des 16. Jahrhunderts
In Schweinfurt erinnert heute ein Denkmal an Olympia Fulvia Morata, eine außergewöhnliche Frau. Foto: Tourist-Information Schweinfurt
In Schweinfurt erinnert heute ein Denkmal an Olympia Fulvia Morata, eine außergewöhnliche Frau. Foto: Tourist-Information Schweinfurt
Ihr Konterfei ziert die Broschüre zum Europäischen Stationenweg, der von November 2016 bis Mai 2017 den Spuren der Reformation durch Europa folgt. Als eine von vier Frauen steht Olympia Fulvia Morata (1526–1555) für die weibliche Seite der Reformation. Sonja Domröse, Pastorin in Stade, blickt auf ihr Leben.

Bereits als junges Mädchen formuliert Olympia Fulvia Morata ihr Lebens-programm: „Es war stets meine Überzeugung, dass die Studien das Beste und Vorzüglichste von dauerndem Bestand seien und dass unser Geist durch nichts besser ausgebildet wird, als durch Unterweisung in den Wissenschaften. Wenn also die Wissenschaft einen solchen Vorrang besitzt, wie wird mich dann Spindel und Nadel … vom Umgang mit den gefälligeren Musen abbringen können. Spinnrocken und Spindel sollen die Kraft haben, mich zu überreden, wo sie doch keine Sprache besitzen?“

Weg von der typisch weiblichen Betätigung drängt es sie in die Welt der Wissenschaft. Für eine junge Frau des sechzehnten Jahrhunderts ein sehr ungewöhnlicher Lebensplan. Und Olympia Fulvia Morata wird ein sehr ungewöhnliches Leben führen. Woher rührt dieses Vertrauen, auch als Frau die Welt erobern zu können und die engen Fesseln des als schicklich Angesehenen abzulegen? In einer profunden Bildung von Kindesbeinen an und einem Vater, der die Talente der Tochter erkennt und systematisch fördert.

Als Olympia Fulvia Morata ihr Lebensprogramm formuliert, beherrscht sie bereits perfekt die antiken Sprachen und dichtet in formvollendetem Griechisch und in lateinischer Sprache. Sie hält mit 15 Jahren öffentliche Vorlesungen und wird von ihren Zeitgenossen als weibliches Wunderkind verehrt.

Olympia kommt im Jahr 1526 im italienischen Ferrara als Tochter des Humanisten Peregrinus Fulvius Moratus und seiner Frau Lucrezia Gozi zur Welt. Olympias Vater ist ein gelehrter und weltoffener Mann, der früh die Begabung seiner Ältesten erkennt und sie unterrichtet. Denn Peregrinus Moratus ist ein gefragter und geachteter Lehrer. Er unterrichtet am Hof Latein und Griechisch, die Söhne des Herrschers sind seine Schüler. Sein engster Freund ist Coelio Secundo Curione, und dieser Mann wird auch im Leben seiner Tochter Olympia eine wichtige Rolle spielen. Curione ist einer der ersten Italiener, der sich für die evangelische Lehre begeistert. Er macht seinen Freund Moratus mit den Lehren der Wittenberger Reformatoren vertraut, gemeinsam lesen sie deren lateinische Schriften.

Das reformatorische Feuer, das in ihrem Vater entfacht war, spürt auch Olympia Fulvia Morata. Genauso wie die Konsequenzen der neuen Glaubensüberzeugungen: Der Freund der Familie, Curione, muss Italien verlassen und lebt fortan in der Schweiz.

Olympia verbringt einen Großteil ihrer Jugend im Herrscherpalast in Ferrara. Die 13-Jährige wird die Studiengefährtin der ältesten Herzogstochter Anna, beide erhalten eine vorzügliche Ausbildung. Olympia beeindruckt in dieser Zeit den Hof mit ihrer Gelehrtheit. Ihre Vorlesungen datieren aus dieser Zeit, ebenso wie ihre Gedichte und Anmerkungen zu Homer und Cicero, die verschollen sind. Es ist die Zeit, in der ihr als weiblichem Wunderkind die volle Aufmerksamkeit des Hofes und der Gelehrten zuteil wird.

Der erste tiefe Einschnitt in dieses, bis dahin ganz von Studien und dem höfischen Treiben geprägte Leben ist die Krankheit des Vaters. 1548 verlässt Olympia den Hof, um die Pflege ihres todkranken Vaters zu übernehmen, der bald darauf stirbt. Olympia bittet Curione nun, ihr eigener väterlicher Freund zu werden. Der nimmt diese Aufgabe dankbar an und wird einer der wichtigsten Begleiter Olympias und der spätere Herausgeber ihrer Werke. Ihm ist es zu verdanken, dass ihr Werk der Nachwelt überliefert ist und wir es heute kennen.

Als die 22-Jährige nach dem Tod des Vaters an den Hof zurückkehren will, ist die einst so Bewunderte in Ungnade gefallen. Zwei Jahre nach diesen Vorkommnissen kann Olympia dieser neuerlichen Wendung ihres Lebens sogar Positives abgewinnen. Curione schreibt sie: „Gott hat sich nämlich in unserem Unglück gnädig gezeigt, ja, ich bin sogar froh, dass mir das alles widerfahren ist; denn wenn ich länger am Hof geblieben wäre, wäre es um mich und mein Heil geschehen gewesen … Und so habe ich mich ganz den theologischen Studien zugewendet; ein Zeugnis dafür sind die Gedichte, die ich im letzten Jahr gemacht habe.“

Sie lernt in dieser Zeit den deutschen Arzt Andreas Grundler kennen, der aus Schweinfurt stammt. Nur wenige Zeit später heiraten die zwei. Es muss eine sehr glückliche und erfüllte Ehe gewesen sein. Davon zeugen Briefe, die Olympia ihrem Mann nach Deutschland schickt, als dieser auf der Suche nach einer Anstellung in seine Heimat reist. Für einige Monate von ihm getrennt, schreibt ihm seine Frau: „Verliebt, getrennt und auch noch ungewiss zu sein, wo das Geliebte lebt, ist rechte Seelen-Pein.“

Ein erster lateinischer Dialog entsteht, in dem Olympia sich selbst und ihre Freundin Lavinia della Rovere als Gesprächspartnerinnen auftreten lässt. Im fiktiven Gespräch mit ihrer Freundin bekennt sie sich zu ihrem Wissensdurst und sieht darin eine göttliche Fügung. „Gott hat es so gewollt, er gab mir diese Neigung, diese brennende Liebe zum Studium; er tut nichts von ungefähr, sondern ordnet alles nach seiner unendlichen Weisheit. Und vielleicht darf mein Wissen einmal zu seinem Ruhme und mir dadurch zum schönsten Lohn gereichen.“

1550 bricht das Ehepaar Grundler/Morata nach Deutschland auf, einer noch ungewissen Zukunft entgegen. Denn das Klima für evangelisch Gesinnte hat sich in Ferrara merklich verschlechtert, der erste evangelische Laienprediger ist kurz zuvor auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.

Olympia, mittlerweile 24 Jahre alt, fällt es schwer, ihre Mutter und ihre drei unversorgten Schwestern zurückzulassen. Ihren achtjährigen Bruder Emilio, dessen Erziehung und Unterricht in ihren Händen liegt, nimmt sie mit. Andreas Grundler erhält vom Rat der Stadt Schweinfurt sofort ein Angebot, sich dort als Arzt niederzulassen. Die kleine Familie bezieht sein Elternhaus und richtet sich ein. Für Olympia, der Deutschland gänzlich fremd ist, bietet die Bibliothek ihres Vaters ein Stück Heimat in der Fremde. Trotz beträchtlicher Kosten hat sie seine Bücher über die Alpen bringen lassen und baut sich nun eine eigene Bibliothek auf.

In den Schweinfurter Jahren bereitet Olympia Fulvia Morata die Sorge um die Mutter und die zurückgebliebenen Schwestern den größten Kummer. In zehn von insgesamt 16 ihrer Briefe aus dieser Zeit ist von der Sehnsucht nach ihrer Familie im fernen Land die Rede. „Wahrlich, wenn Deutschland mir nicht diesen Trost gäbe, dass ich hier die theologischen Bücher lesen darf, auf die ich in Italien hätte verzichten müssen, dann könnte ich die Sehnsucht nach den Meinen nicht ertragen.“

Seine geistige Freiheit in Deutschland bedeutet dem Ehepaar Grundler/Morata sehr viel. So lehnen sie ein lukratives Angebot für einen Lehrstuhl im österreichischen Linz ab, das Andreas Grundler unterbreitet wird. Sie befürchten beide, im katholischen Linz in ihrem Bekenntnis zum evangelischen Glauben eingeschränkt zu werden.

Über die Lage in Italien macht sich Olympia keine Illusionen. An Curione in Basel berichtet sie: „Du weißt ja selbst nur zu gut, wie gefährlich es dort ist, sich als Christen zu bekennen … Deswegen möchte ich trotz aller Sehnsucht nach den Meinen doch lieber in die entferntesten Länder reisen, als dorthin zurückkehren, wo der Antichrist so große Gewalt hat, gegen die Gläubigen zu wüten.“

Aber auch in Deutschland toben immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen zwischen der evangelischen und der katholischen Seite. Dabei wechselt mancher Protagonist öfter die Seiten, so dass die politische Lage verworren und unübersichtlich ist. Einer der übelsten Heerführer dieser Zeit ist Markgraf Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach, der sein Heerlager in Schweinfurt errichtet, woraufhin die Stadt von seinen ehemaligen Kampfgenossen belagert wird.

Schwere Zeiten

Auch für Olympia und ihre Familie brechen schwere Zeiten an. Ostern 1554 wird die Stadt erobert und beim großen „Stadtverderben“ geplündert und in Brand gesteckt. Nur knapp entgeht Olympia mit ihrer Familie dem Tod. Barfuß, nur mit einem dünnen Hemd bekleidet, ohne jegliche Habe, flieht sie aus der Stadt. Außer diesem zerfetzten Leinenhemd ist ihr nichts geblieben.

Bereits wenige Wochen später findet Andreas Grundler jedoch eine neue Anstellung in Heidelberg. Diesmal ist es endlich die ersehnte Professur für Medizin. Auch seine Frau soll hier zur „Zierde der Universität“ tätig werden und Griechisch lehren. So schreibt der Chronist und kurfürstliche Sekretär: „Beide wurden sie von unserem Fürsten hierher aufgenommen zur Zierde für unsere Universität, er, um sich der Medizin zu widmen, sie, damit sie den Umgang mit griechischen Texten lehre. Dies hat sie bis jetzt hinausgeschoben, da sie von Krankheit befallen ist. Ich hoffe dennoch, dass im Verlauf der Zeit der Verlust wieder aufzuholen ist.“ Olympia erholt sich aber nicht mehr von den Strapazen der Flucht. Die Monate in Heidelberg sind geprägt von immer neuen Schwächeanfällen. In ihrem letzten Brief an Curione schreibt sie: „Du sollst wissen, mein lieber Coelius, dass mir alle Hoffnung auf ein längeres Leben genommen ist. Alle die Medikamente, die ich gebraucht habe, helfen mir nicht mehr. Von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde erwarten die unseren nichts anderes, als dass ich von hier abscheide, und ich weiß wohl, dass dies der letzte Brief ist, den du von mir erhalten wirst. Ich habe alle Kraft verloren, ich habe keinen Geschmack an Speisen. Der Husten ist heftig und anhaltend. Schmerzen im ganzen Körper rauben mir den Schlaf. So bleibt mir nichts anderes, als dass ich den Atem aushauche.“

Andreas Grundler schickt diesen Brief erst nach dem Tod seiner Frau im Oktober ab und legt ihm eine Schilderung ihrer letzten Stunden bei: „Wenige Stunden vor ihrem Ende erwachte sie aus einem kurzen Schlummer und schien mir, von einer unbekannten Seligkeit erfüllt, ein wenig zu lächeln. Ich näherte mich ihr und fragte, warum sie so süß gelächelt habe: ‚Ich sah‘, antwortete sie, ‚noch im Schlafe einen Ort, der vom schönsten klarsten Licht erfüllt war‘. Da sie vor Schwäche nicht weiter sprechen konnte, sagte ich: ‚Wohlan, mein Weib, sei getrost, in jenem wunderschönen Lichte wirst du leben.‘ Da lächelte sie noch einmal, nickte ein wenig mit dem Kopf und sagte bald darnach: ‚Ich bin glücklich, ganz glücklich.‘ Weiter sprach sie nichts mehr bis zu dem Augenblick, da ihr Augenlicht schon verschwommen war: ‚Ich kann euch kaum mehr recht erkennen, es scheint mir aber alles rings umher voll der schönsten Blumen zu sein.‘ Das waren ihre letzten Worte, bald darauf hauchte sie wie in süßem Schlaf ihren Geist aus.“

Ihrer letzten Bitte entsprechend gibt Curione bereits 1558 in Basel ihre Werke und Briefe heraus, aus denen wir das Meiste von dieser ungewöhnlichen Frau wissen. Selbst Goethe gehörte zu ihren Lesern. So schreibt er in seinem Tagebuch 1828: „Las in den Briefen der Olympia Fulvia Morata und es ging mir über den eigentlichen, damaligen protestantischen Zustand ein ganz neues Licht auf.“

Sonja Domröse

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