Erfrischend

Nächstenliebe zweimal neu
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Ist das Thema Nächstenliebe nicht abgegriffen? Schon ein flüchtiger Blick in die Bücher belehrt uns eines Besseren.

Gleich zwei Bücher zur Liebe in einem Jahr, genau genommen zur Nächstenliebe, wie man den im Neuen Testament dominant verwendeten griechischen Begriff „agape“ übersetzt – zum einen Nächstenliebe von Thomas Söding, und Liebe als Agape von Oda Wischmeyer. Ist das Thema nicht abgegriffen? Schon ein flüchtiger Blick in die Bücher belehrt uns eines Besseren. Für den fachfremden Leser ebenso wie für Insider ist die Lektüre gleichermaßen bildend wie erfrischend. Auf je eigene Weise gelingt es beiden Autoren zum Zentrum der neutestamentlichen Ethik vorzustoßen und dabei vielfältige Anregungen für den gegenwärtigen Diskurs zu geben.

Die evangelische Neutestamentlerin, Oda Wischmeyer, und der katholische Neutestamentler, Thomas Söding, wissen, wovon sie schreiben. Beide sind seit vielen Jahren Experten in Sachen Nächstenliebe des frühen Christentums. Und gerade das macht ihre Bücher besonders wertvoll. Hier werden reife Früchte langer Denkprozesse mit profunder Quellenkenntnis und in der Souveränität weiser Elementarisierung präsentiert. Dabei verbindet beide Bibelwissenschaftler eine ähnliche Leidenschaft: Sie wollen „die fundierenden Texte des Christentums (…) in die gegenwärtigen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten“ bringen (Wischmeyer) und dabei das „Herzstück christlicher Ethik“ (Söding) wieder neu zum Schlagen und Leuchten bringen.

Dass dies eigens betont werden muss, liegt an der eigenartigen Tendenz in Theologie, Kirche und Bibelwissenschaft, sich vom Fremden, wie zum Beispiel von Plutarchs Dialog über die Liebe, oder Kristevas psychoanalytischem Liebesbegriff oft mehr angezogen zu fühlen als von den Schätzen der eigenen Tradition. „Die Nächstenliebe ist im gesellschaftlichen Ethikdiskurs sprachlich und sachlich auf das fromme bzw. kirchlich-caritative Abstellgleis geschoben worden“, schreibt Oda Wischmeyer.

Dabei erliegen die Autoren aber keineswegs der Gefahr, das Pendel zu stark ins Extrem frühchristlicher Isolation zu bewegen. Beide Bücher sind bemüht, die historischen Kontexte des Liebeskonzepts auszuleuchten. Das Liebesgebot stammt aus der Bibel Israels und erfreut sich in frühjüdischer Zeit allgemeiner Beliebtheit. Dies kann uneingeschränkt anerkannt werden, ohne deshalb den Befund relativieren zu müssen, dass die Nächstenliebe bei Jesus, Paulus und in 25 (von 27) Schriften des Neuen Testaments eine zentrale Bedeutung erlangt, die weit über die Umwelt und jüdischen Wurzeln hinausgeht. „Im Ganzen ist das Neue Testament ein Buch der Nächstenliebe“, so Söding.

Söding wählt dann auch eine kanonische Herangehensweise: Nach einem einleitenden Teil und einem eigenen Kapitel zum „barmherzigen Samariter“, dem Beispiel-Gleichnis der Nächstenliebe im Lukasevangelium, werden die verschiedenen Schriften und Schriftengruppen des Neuen Testaments (Johannesevangelium, Paulus, Jakobusbrief) je eigens untersucht. Besonders lesefreundlich ist dabei die stets gleiche Vorgehensweise unter sieben Leitfragen: Wer ist der Nächste? Was ist Nächstenliebe? Wie zeigt sich die Nächstenliebe? Wer fordert die Nächstenliebe? Wer ist zur Nächstenliebe gerufen? Wie verhalten sich Nächstenliebe und Selbstliebe zueinander? – und: Welchen Stellenwert hat die Nächstenliebe? Auf diese Weise wird die jeweilige Akzentsetzung verschiedener Schriften wie „Feindesliebe“ bei Matthäus oder „Liebe als Tugend“ bei Petrus/Judas herausgearbeitet, ohne die Einheit dieser Vielfalt bezogen auf das Neue Testament aus dem Blick zu verlieren, die im abschließenden Kapitel auch nochmal anhand der Leitfragen zusammengefasst wird. Wischmeyer entscheidet sich eher für einen systematischen Ansatz, der zwar auch dem Profil einzelner zentraler frühchristlicher Einzelschriften und -texte sogar über den Kanon hinaus entspricht. Aber ihre Intention ist es primär, „das Liebeskonzept des Neuen Testaments so neu dar(zu)stellen, dass es sich in der aktuellen Diskussion um Liebe Gehör verschaffen kann“. Hierbei werden zum Beispiel die sprachlichen und literarischen Formen, wie Metaphern und Erzählungen, oder die „Koordinaten des Liebeskonzepts“, wie Subjekte und Beziehungen, feinsinnig herausgearbeitet. Besonders anregend sind Kapitel 5 „Gegenentwürfe“ und Kapitel 6 „aktuelle Entwürfe“, in denen das neutestamentliche Konzept von Liebe in Beziehung zu zeitgenössischen antiken, wie auch zu aktuellen kulturwissenschaftlichen Ansätzen gesetzt wird.

Beide Bücher zeigen viele Übereinstimmungen, aber auch manche Akzentverschiebungen, die zum weiteren Nachdenken anregen. So möchte Wischmeyer zwischen Eros und Agape eine scharfe Trennungslinie ziehen, während nach Söding die Agape-Liebe den Eros und die Freundschaft einschließt. Arbeitet Söding vorrangig die ethische Dimension der Nächstenliebe heraus, so bemüht sich Wischmeyer immer wieder, die theologische, soziale und institutionelle Dimension des Agape-Konzepts zu betonen, was auf die unterschiedlichen konfessionellen Hintergründe hindeuten mag.

Ein echtes Highlight bietet Wischmeyer im Schlusskapitel ihres Buches, in dem das neutestamentliche Konzept ins Gespräch mit Entwürfen aus der Soziologie, der Psychoanalyse, der Philosophie und Ethik gebracht wird. Sie verschafft damit einer Stimme im Konzert der interkulturellen Debatten Gehör, die in der Tat „eine religiöse, intellektuelle und ethische Herausforderung (darstellt), sowohl an andere Religionen im globalen Maßstab als auch an eine westliche Kultur, die sich als postreligiös definiert“.

Durch die unterschiedlichen Ansätze haben beide Bücher einen komplementären Wert, der den aktuellen Stand zur Liebesethik des Neuen Testaments durch eine gut lesbare Darstellung einem breiteren Publikum erschließt und den interkulturellen Dialog vom – oft vergessenen – biblischen Zentrum christlicher Agape-Kultur her bereichert.

Ruben Zimmermann

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