Traurig

Leben auf der Flucht
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Der Roman klagt nicht an. Er schildert. Er versucht, erzählend genau zu sein.

Was bedeutet Leben im Übergang? Richard denkt, dass Flüchtlinge in ihrer Heimat vor ihrer Flucht doch wohl einen „ausgefüllten und überschaubaren Alltag“ hatten und dass sie nun in einen „nach allen Seiten offenen, gleichsam zugigen Alltag“ geraten seien. Richard hat sich ein Forschungsprojekt ausgedacht. Als gerade emeritierter Professor für Altphilologie will er das Leben dieser Menschen im Übergang wissenschaftlich dokumentieren und aufbereiten. – So beginnt der neue Roman von Jenny Erpenbeck wie eine unterhaltsame Story über einen Neuruheständler. Dabei spielt eine Rolle, dass auch Richard noch auf der Suche ist, wie er seinen eigenen Übergang in die Zeit ohne berufliche Pflichten hinbekommen soll.

Richard interviewt nach gründlicher Vorbereitung Menschen, die auf der Flucht bei uns angekommen sind, denen aber das eigentliche Ankommen und Hineinkommen in das Leben die Gesellschaft verweigert wird. Er ist auf die große Gruppe aufmerksam geworden, die bis April 2014 den Oranienplatz in Berlin mit Zelten besiedelte und deren Schicksal öffentliches Aufsehen erregte. Der Roman knüpft an die tatsächlichen Ereignisse an. Bei den Interviews zeigt sich, dass für alle ein „ausgefüllter und überschaubarer Alltag“ meist lange zurück liegt, wenn sie ihn denn überhaupt je hatten. Die Männer verbindet, dass sie schließlich Arbeit in Libyen fanden. Aber durch den Libyenkrieg 2011 verloren sie dort alles und wurden in Boote nach Europa verfrachtet. Die Überfahrt über das Mittelmeer – ein Überlebenskampf. Die Aufnahme in Italien – ein Schock. Schließlich die Reise nach Deutschland, wo kein Bleiberecht gewährt wird, weil Italien Eintrittsland in die EU ist.

Aus dem wissenschaftlichen Interviewer wird mehr und mehr ein Hörender und Sehender. Das Projekt tritt in den Hintergrund. Der erst Distanzierte wird Begleiter und Freund. Es entstehen persönliche Beziehungen. Richards eigene Geschichte verwebt sich mit der der Menschen, die er ins Gespräch gezogen hat. So bleiben auch Enttäuschungen nicht aus. Dazu erlebt Richard die Tristesse des Alltags in einer Flüchtlingsunterkunft und die Menschen, die unbedingt arbeiten wollen und es nicht dürfen. Er sieht die Ausweglosigkeiten.

Erpenbeck führt mit Richard den Leser immer weiter an die Schicksale heran, und auch in das hinein, was europäische und deutsche Regelungen für Geflüchtete bedeuten können. „Richard versteht: Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen.“

Auch wirtschaftliche Zusammenhänge kommen in den Blick. Einer ist aus Niger geflohen, wo der französische Staatskonzern Areva im großen Stil Uran abbaut und den Müll auf Weideland verkippt. Das ist nur ein Beispiel für eine von vielen Fluchtursachen. Überhaupt: Die Afrikaner müssten doch eigentlich ihre Probleme zu Hause lösen, bekommt Richard zu hören. Er denkt an seine eigenen begrenzten Möglichkeiten, wenn er Veränderungen in seinem Umfeld erreichen möchte. Der Roman klagt nicht an. Er schildert. Er versucht, erzählend genau zu sein. Der Roman ist eine Geschichte vom Übergang. „Gehen, ging, gegangen“ – traurig, aber zutreffend für viele, die hier nicht ankommen dürfen, so beschreibt es Jenny Erpenbeck einfühlsam und nüchtern. Die Alternative wäre: Kommen, ankommen und ein Leben miteinander führen.

Andreas Flade

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