Gottes Gedächtnis

Über die Würde des Menschen an den Grenzen seiner Autonomie
Foto: Michael Uhlmann
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Mit dem Phänomen der Demenz wird eine Chance eröffnet, in einer radikalen Weise neu über den Menschen nachzudenken. Es fordert dazu auf, an das biblisch-reformatorische Verständnis zu erinnern und dessen Konsequenzen zu bedenken, sagt die Tübinger Theologieprofessorin Elisabeth Gräb-Schmidt.

Dement werden wir alle.“ Dieser Satz eines Neurobiologen erschreckt uns, selbst wenn die Wissenschaft ihn nicht mehr in diesem Umfang für zutreffend hält. Es spricht sich darin aber nicht nur eine Prognose aus, sondern dieser Satz ist zugleich eine Mahnung an unser Selbstverständnis. Woran machen wir dieses fest? An unseren geistigen Leistungen?

Für ein an Intellekt und Rationalität gebundenes Verständnis des Menschen ist das Phänomen Demenz besonders bedrohlich. These des vorliegenden Beitrages hingegen ist: Demenz ist nicht nur eine Krankheit, auf die wir therapeutisch reagieren sollen und können. Mit dem Phänomen der Demenz wird uns eine Chance eröffnet, in einer radikalen Weise über das Verständnis des Menschen nachzudenken. Es fordert uns auf, an das biblisch-reformatorische Verständnis des Menschen zu erinnern und dessen Konsequenzen neu zu bedenken. Das biblische Menschenbild gemahnt uns daran, dass wir den Menschen nicht in allen seinen Facetten wahrnehmen, wenn wir ihn nur über die geistigen Fähigkeiten bestimmen. Der Mensch ist eben nicht nur Intellekt in einer Hülle des Körpers. Körper und Geist bilden vielmehr eine unhintergehbare Einheit. Für diese steht der Begriff Leib. Indem der Mensch Leib ist, schließt dies seine Zerbrechlichkeit, sein Leiden und seine Endlichkeit ein.

Das Verständnis der Person als vernunftbegabtem Wesen hat zwar eine lange – auch christliche – Tradition, ist aber in christlicher Hinsicht problematisch. Denn es droht eine Vereinseitigung dessen, was den Menschen ausmacht, wenn das Verständnis von Person nur auf die Vernunft, die Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen bezogen wird. Der Mensch ist nicht nur Vernunftwesen, er ist immer auch Leib. Er hat nicht nur einen Körper, über den er durch seinen Intellekt verfügen kann, sondern er ist sein Körper. Dieser bestimmt immer schon den Menschen, auch seinen Intellekt. Das wird spätestens dann deutlich, wenn wir erkennen: Der Mensch hat nicht nur ein Erinnerungsvermögen im Gehirn, er hat auch ein solches in seinem Körper, er hat daher ein Leibgedächtnis. So formuliert es der Heidelberger Neurologe und Psychologe Thomas Fuchs aufgrund seiner neurobiologischen Untersuchungen. Gegenüber dem einseitigen an Rationalität orientierten Verständnis unserer abendländischen Tradition hat er ein Verständnis des Menschen gefordert, das von einer leib-seelischen Einheit ausgeht und den herkömmlichen Dualismus zwischen Körper und Geist verneint. Mit dieser Verneinung tritt der Leib in den Blick und mit ihm seine Vergänglichkeit, seine Schwäche und Krankheit. Der Leib des Menschen symbolisiert somit, dass die Bruchstückhaftigkeit menschlichen Lebens wesentliches Kennzeichen irdischer Existenz ist.

Diese Einsicht in die Fragmentarität und Zerbrechlichkeit unseres Lebens fordert eine Revision des traditionellen Verständnisses des Menschen als Person. Gerade in der Begegnung mit Demenz wird nach außen hin sichtbar, dass unser Leben nichts Ganzes ist. Sie fordert uns heraus, das Leben in seiner Bruchstückhaftigkeit anzunehmen. Sie verweist zugleich auf die Ambivalenz des Menschen, ja mehr noch, sie bildet sie ab.

Ein geliehenes Leben

Dabei liegt die grundlegende Bedrohung durch Demenz gerade auch im Aufmerksammachen auf die Ambivalenz menschlichen Daseins. Denn diese steht prinzipiell gegen unsere selbst errichteten Vorstellungen von Glück, von Vollkommenheit, vom Heilsein unseres Lebens. Sie steht unseren eigenen Zielbestimmungen im Wege. Sie steht jedoch für die Unabgeschlossenheit und Unvollkommenheit unseres irdischen Lebens überhaupt. In ihr manifestiert sich, dass das irdische Dasein viele Höhen und Tiefen hat, sein Weg dynamisch ist, aber das Ziel nicht in ihm selber liegt. Dennoch hat dieses Leben ein Ziel. Doch dieses ist verborgen.

In der Anerkennung der leiblichen Dimension des Menschseins erkennen wir das Leben als ein Geschenk, über das wir nicht verfügen, und über das wir in seiner Letztgültigkeit nicht bestimmen können. Es ist geliehenes Leben, das weder uns noch den Anderen gehört. Die Verwirklichung unseres Lebens folgt damit keineswegs dem Muster irdischen Glücks oder Vollkommenheit, weder ökonomischem Gewinnstreben noch wissenschaftlichem Fortschritt oder politischem Gerechtigkeitssinn, ja nicht einmal moralischer Vollkommenheit. Wir empfangen unser Leben, und wir bleiben auf den Anderen angewiesen. Nach christlichem Verständnis ist dies jedoch kein Mangel. Vielmehr wird ein Gegengewicht gesetzt, das uns zur Besinnung kommen lässt, das uns hilft, frei und offener zu werden in der Begegnung mit Krankheit und Brüchen in unserem Leben.

Wenn wir unser Leben in Blick nehmen wollen in seiner Unvollkommenheit, in seinem Scheitern, in seinen Brüchen, in seiner Bruchstückhaftigkeit, ja sogar in der Durchkreuzung unserer Ziele, ist es das Kreuz, das uns Christen zu denken geben muss. Im Kreuz Jesu Christi begegnen wir der symbolischen Verdichtung der prinzipiellen Bruchstückhaftigkeit unseres Daseins, der Durch-Kreuzung unserer Lebensentwürfe, des Abbruchs unserer Bemühungen um Integrität. Unsere Sinnvorstellungen werden brüsk und radikal irritiert. Das Kreuz steht für die Torheit unserer Lebensweisheit, unserer Sehnsüchte und Sinnsuche, unseres Wunsches nach Vollendung und ganzheitlichem Dasein. Die Güte unseres Lebens liegt nicht in unserer Hand. Sie ist verborgen, verborgen unter dem Kreuz. Gerade so wird das Leben reich in seinen vielfältigen Erscheinungen und in seinen Etappen bis zum Lebensende. Nicht das zum Ziel kommen unserer Vorstellungen macht unser Leben ganz, sondern das Loslassen können und das Anverwandeltwerden unseres alten Lebens hin zum neuen Leben. Wir bekommen das Ziel unseres Lebens zugeteilt.

Die Verborgenheit von Sinn und Ziel des Menschen im Kreuz wird offenbar durch den wahren Menschen in Jesus Christus. Das Kreuz Jesu Christi ist ein Zeichen dafür, dass die Unabgeschlossenheit und Unvollkommenheit zu unserem Leben nicht nur dazu gehört, sondern dass diese es ganz und gar bestimmen. Jesu Auferstehung aus dem Kreuzestod ermöglicht uns aber, nicht auf das Scheitern in unserem Ende zu blicken. Im Kreuz selbst wohnt die Verheißung neuen Lebens. Sie befreit all jene, die ihr Leben als Sackgasse, als Scheitern, als nutzlos und unbrauchbar empfinden und es nach menschlichen Maßstäben auch als solches begreifen müssen, zu einem neuen Anfang. „Damit ein Anfang sei, ist der Mensch geschaffen worden“. Dieses Wort Augustins bewahrt seine Leuchtkraft gerade an den Menschen, die sich nicht mehr von der Erinnerung, von ihrem Gedächtnis und seinen Zielvorstellungen leiten lassen können, sondern deren Leben mehr und mehr darin besteht, jeden Tag aufs Neue ganz von vorn anfangen zu müssen. Ihnen verheißt es, das auch zu dürfen.

Offene Zukunft

Mit diesem Anfang wird auf die Schöpfung verwiesen, darauf, dass unser menschliches Leben Teil einer umfassenderen Geschichte Gottes mit den Menschen ist. Nicht in unserem Vollbringen, sondern in unserem Anfangenkönnen liegt unser Heil, jeden Tag neu. Unsere Leistungen der Vergangenheit fügen sich allesamt in eine Zukunft, die das Neue verheißt. Diese Zukunft steht allen offen. Es ist die christlich-eschatologische Hoffnung, die uns verheißt, dass Krankheit und Tod nicht das letzte Wort haben, sondern allein Gottes Beziehung zu uns. Durch Jesu Christi Tod und Auferstehung wird uns diese Beziehung zu Gott aufs Neue ermöglicht. Sie wird durch ihn, der Symbol der Bruchstückhaftigkeit unseres Lebens und der Durchkreuzung unserer Lebensentwürfe ist, neu gestiftet.

Die letztgültige Identität des Menschen steht daher noch aus. Sie liegt nicht in unserem Wollen und unseren eigenen Zielvorstellungen, sondern sie manifestiert sich in Gottes Beziehung zu uns. Diese gilt Menschen in der Blüte ihres Lebens ebenso wie Menschen mit Demenz. Denn die Beziehung zu Gott besteht unabhängig davon, ob wir sie erwidern oder nicht. Sie wird uns zuteil. Unsere Identität gewinnen wir daher in und durch Jesus Christus, den wahren Menschen.

Demenz wird damit zum doppelten Symbol: zum Symbol des Absterbens des alten Menschen, aber auch zum Symbol der Freiheit der Kinder Gottes, die sich uns im Anfang der Schöpfung mitgeteilt hat. Sie besteht allein in der Beziehung Gottes zum Menschen. Sie ist es, die dem Menschen seine Gottebenbildlichkeit und Würde verleiht. In der dadurch gewonnenen Freiheit, nicht in bestimmten Fähigkeiten und Eigenschaften, erweist sich die Gottebenbildlichkeit. Sie wird uns als geschenkte Freiheit gerade an den Rändern unserer Autonomie bewusst. Sie kann uns daher auch einen Weg zur Annahme des Lebens in seiner Bedürftigkeit und seiner Bruchstückhaftigkeit bahnen. Mit der Wertschätzung unseres endlichen, schwachen, verletzlichen Leibes erfahren wir etwas von der Verschiedenheit der Gaben, die Starke und das Schwache, die Helfenden und die Hilfe Benötigenden zu einem Ganzen eint.

Die Begegnung mit Demenz legt die Verletzlichkeit und Endlichkeit unseres Lebens offen. Sie ist eine Mahnung an unser Selbstverständnis und erfordert, über das Menschsein in einer nie dagewesenen Radikalität nachzudenken. Identität und Kontinuität unseres Lebens hängen nicht an uns, sondern darin, dass wir im Gedenken Gottes unseren Platz haben. Dieses Selbst ist dann auch nicht dem Vergessen anheim gegeben, sondern es wird in aller Lückenhaftigkeit des eigenen Gedächtnisses in Gottes Gedächtnis hineingenommen und in Gottes Geschichte mit uns. In Gottes Gedächtnis wird gerade aus den Bruchstücken unseres Lebens, gerade auch aus seinem Scheitern etwas Ganzes und Gelungenes. Gott bürgt mit seinem Gedenken gegen unseren Gedächtnisverlust. Das ist das Wunder seiner Schöpfung.

Selbst die Bruchstücke unseres Lebens gewinnen in seinem Gedächtnis teil an diesem Schöpfungswunder, ganz ohne unsere eigenen Gedächtnisleistungen, ganz ohne eigene Zielverfolgungen, einfach dadurch, dass wir uns an seinem Angesprochensein genügen lassen. Solche Hinwendung Gottes in seinem Anruf und Aufruf lässt das Vergessene, das Abgebrochene, das Gescheiterte nicht verloren gehen. Sie gibt gerade ihm einen Ort.

Im Achten auf den Anderen nehmen wir seine Würde wahr. Sie liegt im leiblichen Bezogensein aufeinander, im Anspruch aneinander, im Angesprochensein und im Antworten. Mit anderen Worten: Sie liegt in der manifesten Achtsamkeit, die wir einander schulden. Unser Leben bleibt aufgehoben in unseren Beziehungen, deren Grundlage die Gottesbeziehung bleibt.

Brüche und Fragmente

Wir begegnen in der Demenz dem Selbst, das sich nicht aus den Leistungen gewinnt, sondern ganz und gar aus den Beziehungen, in denen wir stehen und durch die wir uns ganz und gar täglich neu bestimmen lassen. Gerade in der Verletzlichkeit des Lebens und in der Fürsorge, die diese erfordert, entdecken wir die Bedeutung der liebenden Hingabe an einen anderen Menschen, der uns braucht. Man begreift, dass das Leben etwas anderes sein kann als ein Kreisen um die eigene Selbstbestimmung. Die Wahrheit von Jesu Menschsein zeigt sich ganz konkret in dieser Sorge für den Menschen: „Ich bin nicht gekommen, um mir dienen zu lassen, sondern damit ich diene“ (vergleiche Markus 10,45).

Aufgabe von Theologie und Kirche ist es, dieses Verständnis des Menschen und seiner Würde ins Licht zu rücken und wegweisende Impulse zu geben für die Begegnung und Pflege der Demenzkranken. Spätestens dann wird klar: Die Pflegenden sind dabei keinesfalls nur die Gebenden, sondern auch die Nehmenden. Helfen muss nicht eine Einbahnstraße sein, Freude am Leben ist auf verschiedenen Ebenen wahrnehmbar. Ein Spaziergang im Park, ein gesungenes Lied, ein gesprochenes Gedicht, gehörte Musik, das Feiern des Abendmahls kann Erinnerungen wachrufen, die sich tief eingegraben haben, nicht nur ins Gehirn, sondern in die Tiefen des Leibes und der Seele. Sie können den Reichtum des Lebens wieder erfahrbar werden lassen.

Solche Erfahrungen helfen, längst vergessene Facetten wahrzunehmen, die zu diesem Menschen gehören und zu unserer Geschichte mit diesem Menschen. Es zeigt sich hier im Leben selbst, dass der Mensch nicht aufgeht in seiner Vernunftfähigkeit, in seinen kognitiven Eigenschaften: Ecce homo. Seine leibliche Dimension erscheint als etwas, das ihn trägt und das jetzt geradezu seine Identität bestimmt. Diese Identität ist ganz, selbst wenn unser Gedächtnis schwindet, selbst wenn wir uns nicht mehr erinnern an das, was war. Je eher wir uns auf solche Achtsamkeit einlassen, umso mehr kann ein Verhältnis der Gegenseitigkeit entstehen, das nicht nur dem Verstand, sondern den tiefer liegenden Zonen des Verstehens als denjenigen des Intellekts Aufmerksamkeit schenkt, dem Gefühl und Erleben. Diese Ebene kann helfen, auch in der Begegnung und Fürsorge demenzkranker Menschen eine Beziehung herzustellen, die über ein Gespräch nicht möglich wäre.

Demenz verliert mit dieser Sicht des Lebens und seiner Würde den Stachel der Vernichtung unseres Selbstseins, und wir erhalten die Chance, nicht mehr einem uns alle überfordernden Menschbild nachzujagen, das Leid und Schwäche verdrängt. Die Hinwendung zum Menschen lässt unsere Würde in der Gottesbeziehung und in der Beziehung zum Nächsten aufleuchten. Wenn wir die Hinfälligkeit und das Scheitern des Lebens nicht als Makel, sondern als Stufen im Lebensprozess hin zu seiner Vollendung begreifen, nur dann erkennen wir das Leben in seiner tiefsten Bedeutung. Unser Personkern erweist sich nicht als stabile Entität, die wir um jeden Preis festhalten müsse, sondern darin, dass wir freiwerden zur Hingabe, zur Preisgabe. Es schwinden unsere Abgrenzungsbemühungen, die uns unser Stolz und Hochmut einflüstert. Wir sind nicht isoliert auf uns gestellt, sondern mit dem Anderen verbunden in Angewiesenheit und Verletzlichkeit, aber auch in Freude. In dieser Angewiesenheit schwindet die Scham, die uns im Paradies von Gott und voneinander isoliert hat.

Dieser Isolation und den Brüchen gilt das Kreuz. An ihm zeigt sich, dass die Weisheit dieser Welt Torheit ist, an ihm zeigt sich, dass wir gerade in unserem Nicht-zu-Ende-kommen ins Ziel eingehen. In Gottes Gedächtnis sind alle Brüche und Fragmente aufgehoben, deren letzte der Tod ist. Dann erkennen wir: Der lebendige, geschundene, sterbliche Leib Christi ist der Leib, der aus dem Tode auferstanden ist, und wir erkennen, der Gott Jesu Christi ist ein Gott des Lebens und nicht des Todes.

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Elisabeth Gräb-Schmidt

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