Teufel, Zwerge, Kuriositäten

Vor 200 Jahren erschienen die „Deutschen Sagen“ der Brüder Grimm
Foto: Bildarchiv Uther
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Zu Lebzeiten der Brüder Grimm waren die „Deutschen Sagen“ kein Verkaufserfolg. Und auch heute noch, zweihundert Jahre später, stehen sie im Schatten der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“. Zu Unrecht, wie der Germanist Hans-Jörg Uther erläutert.

Als 1816 und 1818 die beiden Bände der Deutschen Sagen herauskamen, waren Jacob und Wilhelm Grimm in der wissenschaftlichen Welt keine Unbekannten mehr. Wiewohl sie erst 31 und 30 Jahre alt waren, hatten die Brüder bereits gemeinsam die beiden Bände der Kinder- und Hausmärchen zusammengestellt, die Zeitschrift Altdeutsche Wälder herausgegeben, programmatische Aufrufe zum Aufsammeln altdeutscher Poesie veröffentlicht und innerhalb ihres großen Korrespondentennetzes verbreitet. In einer Reihe ausführlicher, oftmals äußerst kritischer Rezensionen hatten sie ihr erstaunliches Wissen auch den in der Materie nicht Bewanderten eindrucksvoll vor Augen geführt und ihre Konkurrenten mit beißendem Spott überzogen.

Mit dem Namen der Brüder Grimm verbunden ist die noch heute häufig zu vernehmende Ansicht, Sagen würden vom Volk überliefert. „Ein Lesebuch“, so heißt es im Vorwort 1816, „soll unsere Sammlung gar nicht erst werden, in dem Sinn, daß man alles, was sie enthält, hintereinander auszulesen hätte.“ Stattdessen empfehlen die Brüder Grimm „unser Buch den Liebhabern deutscher Poesie, Geschichte und Sprache [...] im festen Glauben, daß nichts mehr auferbaue und größere Freude bei sich habe als das Vaterländische.“ Denn geschichtliche Ereignisse, wichtige allgemeine Einstellungen und Bräuche seien auf diese Weise über viele Jahrhunderte bewahrt worden.

Doch ist die Überlieferung und Vermittlung der Sagen viel komplizierter, als es uns die Brüder Grimm glauben machen wollten. Auch muss die von ihnen behauptete Funktion der Sage als eine Betrachtung historischer Prozesse im Bewusstsein des Volkes kritisch hinterfragt werden.

Die meisten Sagenfassungen dürften auf Jacob Grimm zurückgehen, der sich noch in späterer Zeit mit Sagen beschäftigte und Erzählstoffe und Motive als Belege vor allem für seine noch lange nachwirkende Deutsche Mythologie von 1835 nutzte. Die meisten Sagenvorlagen stammen aus gedruckten Sammlungen und der Literatur des 16. bis 18. Jahrhunderts. In weit stärkerem Maße als ihre Vorgänger hatten die Brüder Grimm ihrer Sammlung aber auch mündliche Überlieferungen als Quellen zugrunde gelegt. Tatsächlich waren die Sagen den Brüdern schriftlich mitgeteilt worden, selten unter Bezug auf eine Gewährsperson, manchmal jedoch unter Hinweis auf eine andere schriftliche Vorlage oder mit der Beteuerung, diese Sage sei noch heute in jener Gegend zu hören.

Eine grobe Zuordnung der Texte zu den verschiedenen Quellenbereichen ergibt: Über 200 Texte sind der Chronikliteratur und anderen historischen Werken entnommen, etwa 125 Texte stammen aus der Kuriositätenliteratur und aus regionalen Landesbeschreibungen überwiegend des 17. und 18. Jahrhunderts, rund 50 Texte sind die komprimierte Fassung eines längeren Volksbuches. Bei etwa 70 Texten oder Textabschnitten des ersten Bandes und fünf Texten des zweiten Bandes ist - mit allen Vorbehalten - über mehrere Vermittlungsinstanzen hinweg eine Herkunft aus mündlicher Überlieferung anzunehmen.

Die Informanten der Grimms stammten ausnahmslos aus sozial gut gesicherten Verhältnissen und sind in der Regel akademisch vorgebildet. Sie hatten die von ihnen gesammelten Texte bereits sprachlich und inhaltlich gefiltert, was umso näher lag, als nicht wenige der Korrespondenzpartner sich auch selbst literarisch betätigten. Eine weitere, teilweise kräftige sprachliche Überarbeitung erfuhren die brieflich mitgeteilten Texte danach durch die Brüder Grimm. Dabei wurden subjektive Stellungnahmen vermieden, war doch den Brüdern Grimm gar nicht daran gelegen, die Sagen individuellen Überlieferungsträgern zuzuordnen. Schließlich hatte der starke romantische Einfluss von dem Wesen der Volkspoesie dazu geführt, Sagen möglichst ihre Individualität abzusprechen und ihre Inhalte als kollektive Überlieferung erscheinen zu lassen. Daher begnügten sich die Brüder Grimm keineswegs mit dem bloßen Ausschreiben von Texten: Jede Vorlage ist also mehr oder weniger sprachlich bearbeitet. Das dabei zu konstatierende Bestreben zur Erzähllogik und zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit durch den stringenten Gebrauch des Indikativs und formelhafter Einschübe, wie auch durch die Reduktion von Einleitungs-, Überleitungs- und Schlusspassagen führte zu einer Re-Mythisierung der Inhalte. Diese Bearbeitungsprinzipien sind durchgängig erkennbar und ohne weiteres auf das Gesamtkorpus der Sagen zu übertragen.

Es ist gut vorstellbar und aufgrund von Textvergleichen nachzuvollziehen, wie auf diese Weise die ursprünglichen Funktionen und Intentionen der Texte unkenntlich gemacht wurden oder als ins Gegenteil verdreht erscheinen. Die 585 Sagen sind regional allen deutschen Sprachgebieten zuzuordnen, wenngleich eine Ungleichgewichtigkeit bei der Berücksichtigung einzelner Regionen zu registrieren ist. So gibt es eine ungewöhnlich hohe Zahl von Sagen aus dem Harz. Fast 50 Sagen stammen aus Österreich, und nahezu ebenso viele aus der Schweiz.

Im Vorwort zu den Deutschen Sagen schreiben die Brüder Grimm 1816 über den Unterschied zwischen Sage und Märchen: „Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer [...]; die Sage, von einer geringern Mannigfaltigkeit der Farbe, hat noch das Besondere, daß sie an etwas Bekanntem und Bewußtem hafte, an einem Ort oder einem durch die Geschichte gesicherten Namen.“ Diese hohe Bewertung der Kreativität und der geschichtlichen Dimension der Volkspoesie musste überraschen und wie eine radikale Umkehr und Aufwertung der von den gebildeten Schichten verachteten Volkskultur erscheinen, galten doch Sagen, Märchen, alte „Fabuln“ und anderes von dem „gemeinen Mann“ Erzähltes bis weit ins 18. Jahrhundert hinein als Altweibergeschwätz, das bestenfalls nur mündlich weitergegeben werden könne.

Die von den Brüdern Grimm vertretene Auffassung wurzelt in der romantischen Idee, es habe einst eine Volksüberlieferung gegeben: In literarischen Zeugnissen und Geschichtsquellen der Vorzeit sei Geschichte noch greifbar. Aus denen müsse man die „Wahrheit“ erst herausfinden und fragmentarische Erzählungen unter Zuhilfenahme von Vergleichen zu einem Ganzen rekonstruieren. Im Vordergrund stehe zuvor der poetische Wert, dann der geschichtliche, und erst dann der sprachliche Wert. „Die älteste Geschichte jedwedes Volkes ist Volksage.“ Diese Einschätzung der Brüder Grimm spiegelt eine zu Beginn des 19. Jahrhunderts von vielen Historikern und Philologen geteilte Bewertung schriftlicher Quellen, die sich nur darin unterschied, in welchem Maße zeitgenössische Sammler in den Sagen Spuren der Geschichte zu finden glaubten oder Sagen - wie die Brüder Grimm - als Reflexion historischer Vorgänge im Bewusstsein des Volkes auffassten.

Doch was genau umschließt der Begriff „Sage“? Die Bezeichnungen „Ortssage“ und „Historische Sage“ erscheinen als zu global und bündeln nicht die unglaubliche Fülle der dargebotenen Auswahl. Auch die Charakterisierung als „historisch“ bietet Anlass zu Missdeutungen, wenn anekdotenhafte Sagenschilderungen von historischen Ereignissen und Personen in den Rang authentischer Quellen gehoben werden. So stehen thematisch etwa Rechtssagen, Sensationsgeschichten, Baumeistersagen neben Bauplatzlegenden (das sind Kirchen- und Klostergründungssagen), Geschichten über das Wirken von Hexen, Teufeln, Zwergen und Riesen neben ikonographischen Sagen, wie Denkmalsagen oder Wappensagen, die den Ursprung oder das Vergehen eines Adelsgeschlechts begründen. Hinzu kommen Sagen über einzelne Berufe oder Stände. Eine Vielzahl von Sagen stellt geistliche und weltliche Kristallisationsgestalten, wie etwa Albertus Magnus, Karl den Großen oder den Straßburger Bischof Arbogast, in den Mittelpunkt und schreibt ihnen außergewöhnliche Fähigkeiten zu. Bei den Sagen mit Kristallisationsgestalten darf auch das Motiv des schlafenden Kaisers im Berg nicht fehlen, das gerade im 19. Jahrhundert in vielen Sagen mit Herrschergestalten in Verbindung gebracht wurde. Der Mythos sollte das Streben nach nationaler Einheit und imperialer Machtentfaltung nicht nur beleben, sondern rechtfertigen. Erzählungen sind aber auch Aufhänger für außergewöhnliche Erlebnisse und für die Schilderung von Zauber- und Hexenkünsten oder von Liebeszauber. Weitere Beispiele aus der Palette der durch die Magica- und Kuriositätenliteratur tradierten Glaubensvorstellungen bieten Sagen von Werwolfsverwandlungen, unverwundbaren Männern über Glücksbringer wie Heckpfennig, Springwurzel oder Alraune.

Eine weitere große Gruppe der Sagen ist der Legendenüberlieferung zuzuordnen, Erzählungen also, in denen dem Heiligmäßigen eine besondere Rolle zukommt. Dazu gehören so bekannte Legenden, wie etwa die vom Heiligen Bonifatius. Auch fehlt die bekannteste Luther-Anekdote vom Wurf mit dem Tintenfass nach dem Teufel nicht.

Mit ihren Sagensammlungen haben die Brüder Grimm keineswegs neuen Boden betreten und auch keine neuen Ideen entwickelt. Aber sie haben konsequent umgesetzt, was einige ihrer Zeitgenossen vorgedacht oder schon in Textsammlungen veröffentlicht hatten.

Zu Lebzeiten der Brüder Grimm waren Die Deutschen Sagen allerdings kein Verkaufserfolg. Gleichwohl sorgten die Brüder durch ihre rege wissenschaftliche Tätigkeit und eine umfangreiche Korrespondenz dafür, dass die intellektuellen Vermittler der Volkspoesie von der Existenz der von ihnen herausgegebenen Werke erfuhren. Nicht wenigen, darunter auch Goethe, hatten sie ein Exemplar ihrer Sagensammlung übersandt. Dies dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass einzelne Sagen der Brüder Grimm von akademisch Gebildeten und schriftstellerisch Tätigen aufgegriffen wurden. Entweder im Wortlaut, unter Namensnennung der Brüder, oder in neuer Überformung als romantische Sage. Als Epos und in neuer sprachlicher Gestaltung in Versform fanden die Erzählstoffe Eingang in die ersten Lesebücher, die Kalenderliteratur und in literarische Zeitschriften. Einzelne Sagen, wie die Geschichte vom Rattenfänger, vom Binger Mäuseturm oder den listenreichen Weibern von Weinsberg, verdrängen Fassungen desselben Stoffes aus anderen zeitgenössischen Sagensammlungen und werden zu Leitfassungen.

Für die Vermittlung mittelalterlicher Literaturdenkmäler stellen die Deutschen Sagen ein wichtiges Bindeglied zur Neuzeit mit der Umsetzung von Reimchroniken, Meisterliedern und Volksliedern in Prosaparaphrasen und der komprimierten Zusammenfassung von Volksbuchstoffen dar.

Im Vergleich mit der Beschäftigung der Kinder- und Hausmärchen verläuft die Erforschung der Deutschen Sagen insgesamt wie auch einzelner Quellen bis heute stiefmütterlich. Ein vermehrtes Forscherinteresse lässt sich erst seit einigen Jahrzehnten beobachten. Beachtung finden die Texte einerseits unter philologischen Gesichtspunkten. Andererseits gibt es eine wachsende Zahl von Untersuchungen zum Gehalt von Erzählungen, ihren Trägern und Vermittlern, dem jeweiligen Kontext, der Textfunktion und dem damit verbundenen Bedeutungswandel. Dahinter steht das Bedürfnis zu verstehen, welche konkreten Eingriffe innerhalb der Tradierung von Erzählstoffen deren Attraktivität und stete Revitalisierung über längere Zeiträume bewirken. Bis heute ist die Diskussion nicht abgerissen, ob es denn überhaupt einen kollektiven Produktionsprozess gebe oder ob nicht alles Tradierte einem ständigen Wandel unterliege, also stets eine individuelle Schöpfung sei - beeinflusst von sozialen und kulturalen Werten der jeweiligen Zeit.

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Hans-Jörg Uther

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