Pharao Georg, Kain und Abel

USA: Das Alte Testament inspirierte vor 240 Jahren die Revolutionäre und die Demokratie
Bei einem Trauergottesdienst in Charleston stimmte Präsident Barack Obama den Choral "Amazing Grace" an. Foto: dpa/ David Goldman
Bei einem Trauergottesdienst in Charleston stimmte Präsident Barack Obama den Choral "Amazing Grace" an. Foto: dpa/ David Goldman
Die nordamerikanische Revolution war kein säkulares Ereignis, wie manche US-Historiker behaupten. Wie sehr religiöse Vorstellungen eine wichtige Rolle gespielt haben und welche es waren, zeigt Ulrich Rosenhagen. Der evangelische Pfarrer stammt aus Hessen, hat in Heidelberg über "öffentliche Theologie in der amerikanischen Revolutionsepoche" promoviert und ist Co-Direktor des Instituts für das Studium der Abrahamitischen Religionen an der Universität von Wisconsin-Madison.

Für den renommierten Harvard-Historiker Bernard Bailyn, der mit seinem Werk The Ideological Origins of the American Revolution 1967 in der Historiographie der amerikanischen Revolution einen Paradigmenwechsel eingeleitet hat, spielen religiöse Vorstellungen bei der amerikanischen Revolution nahezu keine Rolle. Zentrale Funktion haben stattdessen die Schriften einer Gruppe englischer Oppositioneller des 18. Jahrhunderts, in denen eine radikale, die bestehenden Denkmuster aufbrechende republikanische säkulare Idelogie entworfen wird. Und in der Nachfolge der Deutung Bailyns ist aus der amerikanischen Revolution ein säkulares Ereignis geworden. Aber ihre Deutung als ein von religiösen Traditionen und Ideen kaum berührtes Ereignis ist falsch. Denn die protestantischen Glaubensvorstellungen der Kolonisten verschwanden nicht für ein paar Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit. Religiöse Antriebe und Energien wurden nicht einfach durch eine säkular-politische Ideologie ersetzt. Bailyn und die ihm nachfolgenden Forscher konzentrierten sich in ihren Deutungen zu sehr auf den in elaborierten Flugschriften verdichteten Diskurs einer kleinen kolonialen Elite. Und dadurch entgingen ihnen die massiven Verschiebungen und Einstellungsveränderungen im religiösen Alltagsbewusstsein. Doch das revolutionäre Amerika war eine vor allem oral geprägte Kultur, die auf biblischen Erzählungen, protestantischen Glaubenstraditionen und Semantiken beruhte.

Der Zusammenhang von Religion und Revolution ist in den vergangenen zwanzig Jahren noch einmal neu in das Blickfeld der amerikanischen Geschichtsforschung gerückt. US-Forscher fragen mittlerweile verstärkt nach den Deutungen des Konflikts mit England, die durch Glaubensvorstellungen angeleitet wurden, sowie nach der Funktion von Theologie und religiöser Semantik im Diskurs der Revolution. Religion erscheint dabei als eine Art Grammatik, mit der die Weltereignisse strukturiert und letztgültig erklärt werden. Theologie und Glaubenssprache sind hier nichts Festes oder Vorgegebenes, sondern erschließen sich erst diskursiv in der Erfahrung der politischen Krise. Religion wirkt sich auch nicht einfach traditionserhaltend aus, sondern als dynamische und kreative Kraft bei der Deutung des Konflikts zwischen Mutterland und Kolonien. Das English Patriot's Creed, das 1776 im Massachusetts Spy, einer Zeitung radikaler Kolonisten, gedruckt wurde, hat seine Vorlage im Apostolischem Glaubensbekenntnis der antiken Christenheit. Es enthält 15 kurze Sätze, die alle mit "Ich glaube" einsetzen. In der Mitte des Bekenntnisses steht die "unschätzbare Freiheit" und der "wahre Glaube", den die ersten puritanischen Siedler "mit ihrem Blut erkauft haben". Das Bekenntnis bündelt das Selbstverständnis der Revolutionäre und versucht, den englisch-amerikanischen Konflikt als Teil einer großen gottgelenkten Geschichte zu begreifen. Letztlich verschmelzt es dabei traditionelle Glaubensvorstellungen von der Vorsehung und Herrlichkeit Gottes mit dem Wohlergehen der neuen amerikanischen Nation.

Auch die alljährliche Erinnerung an das Boston Massacre vom 5. März 1770, bei dem britische Soldaten in Notwehr fünf Bürger erschossen, lässt den kreativen Umgang mit religiöser Sprache und Tradition erkennen. So deutet John Hancock, der in in der Old South Church in Boston die Gedächtnisrede zum vierten Jahrestag des Massakers hält, die britische Besatzung unter Bezug auf eine Vision des Propheten Habakuk. In Hancocks Rede vermengt sich der Kampf der Kolonien um Freiheit und Unabhängigkeit mit dem neuenglischen Dissenterprotestantismus. Hancock interpretiert den Kampf gegen England als einen, der direkt dem Willen Gottes untersteht. Amerika rückt an die Stelle des alttestamentlichen Gottesvolkes und wird als "amerikanisches Israel" angesprochen. Folgt man Hancocks Interpretation, müssen sich die Kolonisten im März 1774 noch auf eine gewisse Phase göttlicher Züchtigung einstellen. Anhand biblischer Eschatologie wird den Patrioten in der Old South Church aber zugesichert, dass Gott Amerika am Ende in die Freiheit führen wird, so wie er das zuvor mit dem Volk Israel getan hat. Auf diese Weise wird das amerikanische Freiheitsstreben als Verlängerung der Heilsgeschichte Israels gedeutet.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Predigten, die in der Revolutionszeit gehalten wurden. Damals waren die meisten in den Kolonien zirkulierenden Druckerzeugnisse Predigten. Ein typischer neuenglischer Kirchgänger hörte in seinem Leben im Durchschnitt um die siebentausend (!) Predigten. Pointiert werden die Puritaner Neuenglands daher auch als "Volk des Wortes" bezeichnet. Insbesondere die Predigten zu Fasten- und Danktagen, zur Musterung der örtlichen Milizen sowie die einmal jährlich gehaltenen Wahltagspredigten sind dabei von Bedeutung. Diese Predigten zu besonderen Anlässen wurden in der Regel in großer Auflage gedruckt, in den Gemeinden verlesen und schichtenübergreifend rezipiert. Sie erinnerten die Kolonisten immer wieder daran, dass bei dem Konflikt mit England Gottes Schöpfungsordnung und die von ihm geschenkte Freiheit auf dem Spiel stand. Während die Kolonisten also um Freiheit und Nation kämpften, konnten sie versichert sein, dass sie unter dem Geleit des Gottes der Bibel standen. Wenn es am Ende der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung heißt, dass der Kontinentalkongress sich "mit festem Vertrauen auf den Schutz der göttlichen Vorsehung" von England lossagt, dann war dieser Glaube an Gott, der in die Geschichte eingreift, über Jahre in Predigten vorbereitet worden.

Das vielleicht beste Beispiel einer luziden religiösen Letztbegründung ist die Flugschrift Common Sense des Quäkers Thomas Paine. Sie wurde im Januar 1776 in Philadelphia veröffentlicht und bald an zahlreichen Orten nachgedruckt. Innerhalb eines Jahres wurden 150.000 Kopien in 25 Editionen verkauft. Die Schrift ist durchtränkt von Bibelzitaten, religiösen Bildern und Metaphern. Paine bediente sich einer populären religiösen Symbolik, um den Konflikt mit England zu analysieren und auf einen allerletzten Begründungshorizont hin zu transzendieren. Die Argumentation von Common Sense zielte darauf, die Unabhängigkeit Amerikas als einzig mögliche Konfliktlösung aufzuweisen.

So verbindet Paine äußerst geschickt die biblische Exoduserzählung mit der Situation der Kolonisten in den Monaten vor der Unabhängigkeit. Den englischen König Georg II. bezeichnet er dabei als "verstockten, bösartigen Pharao Englands". Im Gegensatz zu dem, was das biblische Israel nach seinem Exodus erlebt habe, seien die Kolonisten, trotz der Flucht ihrer Vorfahren von Europa nach Amerika, immer noch in Abhängigkeit und Sklaverei gefangen, durch die Briten. Zur Unterstützung der Argumentation greift Paine später auch auf die tief im dissenterprotestantischen Bewusstsein eingegrabene Metapher der Sintflut zurück. Denn Amerika befinde sich, wie Noah nach der Sintflut, in der einzigartigen Situation, "die Welt noch einmal neu zu beginnen". Paine erinnert zudem daran, dass der Entdeckung Amerikas die Reformation vorausging. Damit habe Gott den protestantischen Emigranten Europas einen besonderen Schutzraum einrichten wollen. Amerika war so von Anfang an als eine ökumenische "Bruderschaft aller europäischen Christen" gedacht. Hier seien alle Christen "Kinder derselben Familie" und könnten ihren Glauben frei ausüben.

Sakramentale Gemeinschaft

Besondere Bedeutung hat bei Paine die Brudergeschichte von Kain und Abel. Sie lieferte in den Kolonien seit dem Boston Massacre ein Grundmuster zur Analyse des englisch-amerikanischen Konflikts. Direkt nach dem Massacre hatte der kongregationalistische Pfarrer an Bostons Old North Church, John Lathrop, eine Predigt mit dem Titel: "Unschuldiges Blut schreit zu Gott von den Straßen Bostons" gehalten, die später weit verbreitet wurde. In ihr machte Lathrop die Ereignisse im Kontext des alten Bruderkonflikts transparent. Den britischen Soldaten wurde die Rolle Kains, des älteren Bruders und Täters, zugewiesen. Die erschossenen Bostoner verband Lathrop dagegen mit dem jüngeren Bruder und Mordopfer Abel. So wie dessen Blut "zu Gott schrie", war es jetzt das Blut der Neuengländer, dass Gott rührte.

Vor dem Hintergrund der Ereignisse von Lexington, bei denen im April 1775 die ersten Kolonisten von britischen Soldaten im Kampf getötet wurden, deutete Paine die Brudererzählung neu. Gemäß der biblischen Erzählung hatte Gott Abels Opfer angenommen, das von Kain dagegen abgelehnt. In Common Sense erschien Abels fromme Existenz vor Gott somit gerechtfertigt, Kains Leben jedoch als Abwendung von Gott. Erst das Motiv der Eifersucht des von Gott zurückgewiesenen Erstgeborenen erklärte folglich die Ereignisse von Lexington. Die Erzählung des Brudermords verwandelte Paine somit in ein gemeinamerikanisches Bekenntnis zum frommen und gottgefälligen Leben in der neuen Welt.

Auf dem Höhepunkt von Common Sense findet sich auch noch die kühne Vorstellung Amerikas als einer durch einen besonderen Ritus gestifteten sakramentalen Gemeinschaft. Wie Brot und Wein sollten eine Krone, eine Kopie der Magna Carta sowie eine Bibel auseinandergebrochen und in allen Kolonien verteilt werden. Und ganz am Ende der Flugschrift flicht Paine noch raffiniert eine lukanische Kreuzigungsszene in den Text ein. In Paines Darstellung bittet Christus jedoch nicht um Vergebung für seine Peiniger, sondern um Vergebung für jener Amerikaner, die der Unabhängigkeit noch zweifelnd gegenüberstehen.

Die herangezogenen Textbeispiele zeigen, wie wichtig religiöse Ideen und Semantiken für den Diskurs der US-Revolution waren. Religion erweist sich hier als außerordentlich kreative Kraft, mit der die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse immer wieder neu und vor dem letztgültigen Horizont der Akteure gedeutet werden. Und welche Schlüsse lassen sich nun aus den Beobachtungen am Textmaterial ziehen?

Die Vereinigten Staaten sind die erste moderne westliche Demokratie. In ihrer Mitte steht neben der Verfassung die Bill of Rights, ein Katalog unveräußerlicher Freiheitsrechte. Ihr erster Artikel bestimmt die institutionelle Trennung von Staat und Kirche. Und es wird der Schutz der freien Religionsausübung des Einzelnen festgelegt. Diese Errungenschaften können jedoch nicht losgelöst von den religiösen Ideen und der religiösen Kommunikation der Epoche verstanden werden. Ja, es ist vollkommen unmöglich, ein säkular-politisches Antriebsmoment vom breiten religiösen Bewusstsein der Zeit zu trennen. Ein genauerer Blick auf die religiöse Kommunikation und öffentliche Theologie der Revolution lehrt vielmehr: Religion hat in Amerika von Anfang an freiheits- und demokratieförderlich gewirkt. Die amerikanische Unabhängigkeit, Republik- und Nationsbildung sind so im Grunde auch erst als Konsequenz eines protestantischen Freiheitsstrebens wirklich einsichtig.

Literatur

Ulrich Rosenhagen: Brudermord, Freiheitsdrang, Weltenrichter. Religiöse Kommunikation und öffentliche Theologie in der amerikanischen Revolutionsepoche. Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2015, 370 Seiten, Euro 99,95.

Ulrich Rosenhagen

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