Ideengeschichte

Über den Teufel
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Dieses Buch ist ein großes Stück Ideengeschichte. Aber was geschichtlich ist, hat – wie Flasch feststellt – auch ein Ende.

Der berühmte Mediävist und Kenner von Philosophie und Theologie des Mittelalters Kurt Flasch hat vor Kurzem dem Publikum mitgeteilt, warum er kein Christ mehr ist (siehe zz 4/14). Gleichwohl hat er sich intensiv mit dem Satan befasst und eine Biographie des Teufels geschrieben. Dieser Lebenslauf ist für Flasch abgeschlossen; der Teufel ist tot. Er hatte freilich ein abwechslungsreiches Leben und trat in allen drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – unter verschiedenen Namen wie Satan, Luzifer und Hillel sowie in unterschiedlichen Gestalten und Funktionen auf – als gefallener Engel, Widersacher Gottes oder gar als Herrscher der Welt.

Obwohl man über Tote beziehungsweise Totgesagte nur Gutes sagen soll, nimmt Flasch sich die Freiheit, diese religiöse Figur und ihre Lebensstadien aus posthumer Perspektive ironisch darzustellen; damit vertragen sich analytische Genauigkeit und interpretatorischer Tiefsinn durchaus. Im abendländischen Kulturkreis begann der Teufel seine Karriere in der hebräischen Bibel als Ankläger und Verleumder: Im Buch Hiob tritt er „als eine Art inoffizieller Mitarbeiter Gottes“ auf. Und auch später wird er als Widersacher Gottes niemals eine vollkommen selbstständige Existenz gewinnen – das hätte das religiöse Weltbild von der Allmacht des allmächtigen Schöpfers gesprengt.

Einen Höhepunkt seiner Machtstellung erlangte der Teufelsglaube Flasch zufolge bei Paulus und bei Augustin: dort als der „Herr der Welt“, dessen Herrschaft, nicht aber dessen Existenz, mit Kreuz und Auferstehung Christi beendet ist, hier durch Augustins realistische Deutung, die an die Stelle der Bildvorstellung vom Versucher, Verleumder und vom Höllenfeuer trat. Während des 12. und 13. Jahrhunderts vollzog sich eine Entmaterialisierung der monströsen Person zum reinen Geist. Auch wenn Thomas von Aquin es beim „Sexismus“ der Erbsündenlehre, bei Teufelspakt und Höllenfeuer beließ, erlitt der Teufel seitdem einen schrittweisen Kompetenzverlust – mit Zwischenphasen durch die Gegenkräfte der Reformation. Rationalismus, Aufklärung und selbst die orthodoxe Lehre, dass nur der gute Gott allmächtig sei, nagten an seiner Autorität. Unter der grausamen Herrschaft des Hexenwahns hatte der Teufelsglaube noch einmal Konjunktur, aber auch diese furchtbare kulturelle Epidemie konnte der allmählichen Verdrängung des Teufels in die Nische von Minderheiten nicht widerstehen. Den kulturellen Mainstream bestimmten nach Flasch im Wesentlichen vier Faktoren:

Bei europäischen Intellektuellen verstärkte sich das Misstrauen gegen die dogmatischen Argumente der sich gegenseitig verurteilenden Kirchen. Die literarische Kritik und strenge Philologie schwächten den Glauben an Legenden und Wundergeschichten. Die individualisierte Frömmigkeit stärkte die Skepsis; freilich aber auch die Höllenangst. Die Rationalität der Naturbetrachtung raubte dem Glauben an die Personalität des Bösen seine Überzeugungskraft. Dieses Buch ist ein großes Stück Ideengeschichte. Aber was geschichtlich ist, hat – wie Flasch feststellt – auch ein Ende. Und an diesem Ende wird der Teufel eine literarische Figur. So ist es nicht erstaunlich, aber eindrucksvoll, dass Kurt Flasch allein siebzig Seiten seines Buches auf Rousseau und Goethes Faust verwendet. Der Teufel ist zur Dynamik des „herrischen Sehnens“ nach mehr geworden, das sich in Gier, Wachstum und Ausbeutung von Mensch und Natur niederschlägt. Flaschs neue Biographie des Teufels bietet ein kenntnisreiches historisches Tableau, ist kurzweilig zu lesen, demoliert den christlichen Glauben keinesfalls und zeichnet besonders in der Meditation über Goethes Mephisto ein ausdrucksstarkes Bild von der schleichenden Selbstzerstörung der wissenschaftlich-technischen Kultur. Sehr lesenswert.

Hans Norbert Janowski

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