Meisterwerk

Castellio auf Deutsch
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Nicht im Traum konnte Castellio daran denken, dieses Vermächtnis zu veröffentlichen. Nach 500 Jahren liegt es endlich in deutscher Sprache vor.

Das lateinische Sprichwort „Habent sua fata libelli“, auf Deutsch: Bücher haben ihre Schicksale, trifft auf das Meisterwerk des protestantischen Humanisten Sebastian Castellio (1515–1563) zu, des Calvin-Gegenspielers und Vorkämpfers der religiösen Toleranz. Nicht im Traum konnte Castellio daran denken, dieses in seinem Todesjahr abgefasste, unvollendet gebliebene Vermächtnis zu veröffentlichen. So blieb ihm nur die Hoffnung, dass die Grundgedanken irgendwann ihren Weg machen würden. „De arte dubitandi et confidendi, ignorandi et sciendi“, so der lateinische Titel, wurde erst 1981 vollständig veröffentlicht und liegt seit dem Castellio-Gedenkjahr 2015 in deutscher Übersetzung vor, aufgeschlüsselt mit Überblick verschaffender Einführung und sorgfältigen Anmerkungen von Hans-Joachim Pagel, angereichert mit etlichen abgebildeten Manuskriptseiten samt deren maschinenschriftlicher Transkription.

Castellios „Kunst des Zweifelns“ tritt seiner berühmten Streit- und Sammelschrift „Über Ketzer und ob man sie verfolgen soll“ von 1554 ebenbürtig zur Seite. Sie enthält die Summe des aufgeklärten theologischen Denkens des großen Bibelübersetzers und Bibelauslegers. Er erörtert, „woran man zweifeln und worauf man vertrauen muss, was nicht zu wissen erlaubt und was zu wissen geboten ist“. Der Zweifel an bestimmten theologischen Auffassungen drängt sich Castellio auf, sofern sie anderen Ansichten widersprechen und ihre Vertreter einander den wahren Glauben absprechen und sich bis aufs Blut bekämpfen, obwohl sich alle auf die Heilige Schrift berufen. Würde man in sich selbst Zweifel an den eigenen Ansichten zulassen, wäre man nicht so unduldsam gegenüber Andersdenkenden. Man dürfte dann Leute mit anderen Auffassungen nicht der Ketzerei beschuldigen, selbst wenn man ihnen nach gründlicher Prüfung, bei aller „christlichen Bescheidenheit“, doch „Irrlehre“ im Sinn von irrigen, irrtümlichen Meinungen bescheinigen müsste, wie es Castellio gegenüber der katholischen Transsubstantiationslehre und der lutherischen Konsubstantiationslehre unternimmt.

Zunächst legt er seine Wahrheitskriterien und hermeneutischen Grundsätze dar. Danach konkretisiert er sie an den Streitfragen „Trinität“, „Glaubensverständnis“, „Gerechtigkeit“ (mit ausführlichen Erörterungen über die Sündenvergebung und das durch Gottes Geist gewirkte Leben im Sinn Jesu, das mehr sei als eine bloß „angerechnete“ Rechtfertigung), „Gnadengabe Christi“ sowie „Abendmahl“.

Castellios Zweifel richten sich vor allem auf Auffassungen, die mit Einfluss und Macht ausgestattete Personen und Gruppen vertreten und Andersdenkenden gewaltsam aufzuzwingen versuchen, und auf Auffassungen, die gegen Vernunft und Erfahrung stehen, aber bei all ihrer Absurdität von ihren führenden Vertretern mit der Forderung nach blindem Glauben vorgebracht werden. Castellio erkennt die Autorität der Bibel an. Er will aber durch einen sachgemäßen Umgang mit ihr das Übel der innerchristlichen Zerstrittenheit an der Wurzel packen. Jeder holt aus der Bibel heraus, was ihm passt, weil er sich am Wortlaut einzelner Stellen festklammert, denen aber der Wortlaut anderer Stellen entgegensteht. Nicht alles in der Bibel sei aber in voller Wucht göttliche Offenbarung. Manches etwa sei die ganz persönliche Meinung der jeweiligen Autoren. Zudem sei vieles bildlich und nicht im eigentlichen Sinn gemeint.

Wie ist die Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden? Der eine Maßstab ist Vernunft und Sinneserfahrung, der andere der Gesamtsinn der Bibel. Beide Maßstäbe passen zusammen, denn die Vernunft ist „Gottes Tochter“, wie das der großartige „Hymnus auf die Vernunft“ schildert. Und in den von Castellio skizzierten christlichen Fundamentalartikeln überschneiden sich Vernunft, Sinneserfahrung und Heilige Schrift: Unumstößlich sind das Sein des alles bedingenden und leitenden Gottes, seine Güte und Gerechtigkeit, unsere Pflicht zum Tun des Guten und der Ausblick auf das ewige Leben. Ferner misst Castellio die Glaubenslehren an der „Geradheit des Herzens“, der gelebten Liebe, die sich aus ihnen ergibt. Auf Spitzfindigkeiten, etwa in der klassischen Trinitätslehre, verzichtet er, weil sie für normale Menschen unverständlich seien und für die Lebenspraxis nichts ausrichteten.

Sebastian Castellio: Die Kunst des Zweifelns und Glaubens, des Nichtwissens und Wissens. Alcorde-Verlag, Essen 2015, 402 Seiten, Euro 38,–.

Andreas Rössler

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