Wörter auf Reisen

Gedichte von Michael Krüger
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Krügers neue Gedichte sind ein mitunter lakonisches, nicht verklärendes und sinnlich schmeckendes Brevier der Andacht des Augenblicks.

Michael Krüger eröffnet seinen jüngst erschienenen neuen Gedichtband mit einem Nachtrag. Wozu? Zur Poetik: „Gedichte sind mißtrauisch, / sie behalten für sich, was gesagt werden muß. / Sie gehen durch geschlossene Türen / ins Freie und reden mit den Steinen. / Sie führen uns fort.“

Die Reisen, die damit verbunden sind, führen über Stock und Stein zu Bäumen und Steinen. Zu Bienen und zur Musik. Sie führen ebenso durch aller Herren Länder nach Berlin und wieder hinaus nach Warschau und schließlich durch halb Europa. In manchem Innehalten blitzt der jung geblieben-liebende Gedankenschmeichler auf. Manches Fortgehen offenbart einen Wortestreichler, der im Behüten durch Wörter verwahrt, wovon die Augen Abschied nehmen müssen. Manchmal bricht die Wirklichkeit in diese Sorgsamkeit hinein, wie dann, wenn die Arme kraftlos werden, denn „Die Zeitung ist schwer, / als hätte das Böse Gewicht“.

Dieser Schwere sind die Worte ein stützender Stock. Oft aber steht das sinnende Ich einfach auf und geht in ihnen davon, als seien sie Flügel. Dabei geben sich die Beobachtungen und die wie Lerchen aufsteigenden Erkenntnisse geschwisterlich die Hand, wie etwa in der schönsten hier gefundenen Frage „Wer sagt denn, der Himmel / sei leer, und weltarm sei einer, / der sich unter ihm krümmt / unter Aufsicht der Sterne?“

Nicht sich setzen, wohl aber stehenbleiben ist eine Stärke dieses schönen schmalen Bandes. Stehenbleiben und ganz auf Empfang gehen wie am 8. Mai 2013 „Wenn mich nicht alles täuscht, / hat Gott sich in meinem Apfelbaum versteckt. (…) Ich kann Gott lachen hören. / Da halten selbst die Vögel den Schnabel.“ So offenbart sich Michael Krüger allweil vertraut und ebenso wieder gehäutet als Meister der ankernden Schwebe.

Auf zwei Beinen und mit festem Schuhwerk steht er im Zeitlauf, für den er wenig dramatische Überhöhung übrig hat, auch wenn der sich selbst so wichtig nimmt. Flüchtige, aber klar konturierte Mosaike huschen mit dem wechselnden Licht über das Papier – Mosaike, die szenisch und stilistisch von einer Alltäglichkeit koloriert sind, die die eigene rühren und berühren. Sie ist durchdrungen von dem Urvertrauen in die paragraphenfreie Gesetzmäßigkeit von Werden und Vergehen, von dem Gespür für eine Zeit, in der die eigene nur Gast ist.

Die immer wieder aufscheinende Vorliebe für Steine teilt Michael Krüger mit dem polnischen Dichter Zbigniew Herbert. Die zu den Bäumen – zu Bergahorn, Weißdorn, Linde, Apfel-, Nussbaum und Kiefer – offenbart einen Dichter auf der Suche nach wurzelnder Beständigkeit. Einen Dichter mit dem Traum vom Ankommen im Reisen.

Die europäische Reise durch Polen und Transsilvanien hinunter zu den Ländern entlang des Mittelmeeres ist als viertes und letztes Kapitel der Gedichte dieses Bandes mit „Verpaßte Gelegenheiten“ überschrieben. Es ist ein Reigen, der, mit Sehnsucht und Sattheit illustriert, an die Postkarten des Malers Franz Marcs erinnert. Manches Mal wünscht man sich ein längeres Verweilen, mitunter spürt man eine Unruhe, die weiter treibt und Worte liegen lässt. Worte, die auf dem Grund der Tasse liegen, die nicht ausgetrunken ist.

Michael Krügers neue Gedichte sind ein mitunter lakonisches, nicht verklärendes und sinnlich schmeckendes Brevier der Andacht des Augenblicks. Sie sind eine Schale Äpfel für den „Unterhalt der Seele“. Am Ende dieses kleinen Lobgesangs darauf noch ein Krügerscher „guter Vorsatz“ für den eigenen Stillstand im Alltag: „Ich beginne ein neues Notizbuch / für Fragen, die keine Antwort brauchen. / Wie lange hält sich der Schnee / auf den Zweigen des Vogelbeerstrauchs?“

klaus-martin bresgott

Klaus-Martin Bresgott

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