Verheerend

Linker Antisemitismus
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Ein lesenswertes Buch, das den Finger in noch immer offene Wunden legt.

Das Thema ist sperrig, die Herangehensweise auch – und trotzdem ist man schnell gefangen. Das Thema: Es geht um den „Antisemitismus der Linken“. Spohr ist ein recht junger Journalist und Historiker, der derzeit in Hamburg promoviert. Sehr lange war das Thema so etwas wie ein Tabu in der linken Szene. Nach dem Motto: Wir Linken sind die Guten und können gar keine Judenfeinde sein, denn das sind nur die Faschisten oder Nazis. Diese Lebenslüge funktionierte in der linken Szene Jahrzehnte lang. Doch spätestens mit dem Sieg Israels im Sechstagekrieg 1967 wurde in der Linken eine Judenfeindlichkeit überdeutlich, die sich hinter einem angeblich harmlosen Antizionismus nur noch notdürftig versteckte.

Spohr spürt diesem schmerzhaften Thema schonungslos nach – und benutzt dabei einen Kniff: Mit einer Genossin (denn Spohr versteht sich als Teil der linken Szene) hat er in den vergangenen Jahren insgesamt acht Gesprächsabende mit zwei jüdischen linken Aktivisten, nämlich Klaus Rózsa und Wolfgang Seibert, organisiert. Die beiden eloquenten älteren Herren waren Jahrzehnte lang in der linken Szene Deutschlands und der Schweiz aktiv und haben einen gewissen Namen in ihr.

Rózsa und Seibert werden ausgiebig und in wörtlicher Rede bei den selbstkritischen Veranstaltungen der Szene zitiert – vor allem darüber, wie sie den Antisemitismus im linken Milieu sehr lange nicht realisiert oder verdrängt haben. Das liest sich lebendig und wirkt ehrlich. Rózsa etwa erzählt von den Schweizer Trotzkisten, zu denen er damals gehörte: „Antisemitische Tendenzen waren dort schon vorhanden, sie sind es heute noch bei vielen Trotzkisten aus der Zeit, die ich noch kenne. Die sind mir einfach damals nicht aufgefallen oder waren mir relativ wurscht, weil ich das Jüdischsein ja mit Religion gleichsetzte. Und ich hab’ gesagt, ‚Religion interessiert mich nicht, also ist es mir eigentlich auch wurscht, wenn über Israel geschimpft wird.‘“

Das teilweise langjährige Verdrängen des Antisemitismus in der eigenen, linken Szene war auch eine Art Verrat: an den jüdischen Familien der Autoren, die zu großen Teilen im Holocaust ermordet wurden. So sieht es Seibert, und es belastet ihn noch heute: „Ich weiß einfach nicht, was ich damals gemacht habe. Man kann das auch nicht entschuldigen mit jugendlichem Leichtsinn oder irgendwas, das war einfach Ignoranz, das war’ne unglaubliche Ignoranz. Und mir ist völlig klar, was ich damit angerichtet hab’, wie ich meine Großeltern beleidigt habe, wie ich ihnen Schmerzen zugefügt hab’ mit dem, was ich tat.“

Das Buch von Johannes Spohr ist sichtbar in die linke Szene hinein geschrieben. Das merkt man am Duzen aller Beteiligten, am Duktus (Beispiel: „herrschaftlich Subjektivierter“) und an der Dringlichkeit, mit der eine Diskussion über den Antisemitismus in der Linken eingefordert wird – so lautet der Schlussappell: „Schafft mehr Irritationen!“ Die Lektüre lohnt sich jedoch nicht nur für die Leserinnen und Leser, die sich dieser Szene nahe fühlen. Vor allem der einführende Aufsatz von Johannes Spohr und Nina Röttgers zur Genese des Buches und zur Geschichte des Antisemitismus in der westdeutschen Linken ist so knapp wie stimmig. Auf rund 20 Seiten und in klaren Worten gelingt es, diesen linken Irrweg zu beleuchten, der vor allem deshalb so fatal gut funktionieren konnte, da Israel lediglich als kapitalistisch-imperialistischer Staat gesehen wurde – und die vielfache Judenfeindlichkeit hinter der Israelkritik verdrängt wurde.

So ist diesem Buch eine breite Leserschaft zu wünschen – und den Machern dafür Respekt zu zollen, den Finger in eine immer noch offene Wunde gelegt zu haben.

Philipp Gessler

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