Verflechtungen

Chronist durch ein Jahrhundert
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Mit raffinierten Zeitsprüngen und geschicktem Perspektivwechsel ist Delius ein großartiges Erzählstück von den Turbulenzen der vergangenen hundert Jahre gelungen.

Schreiben ist ordnen.“ Die Stimme des Deutschlehrers klingt der Erzählerin immer noch im Ohr, obwohl die Schulzeit der bald 50-Jährigen lange vorbei ist. Sie ist die „Liebesgeschichtenerzählerin“ in dem neuen Roman von Friedrich Christian Delius. Doch wer hinter diesem Titel Romantik und Herzschmerz erwartet, der irrt. Kein Wunder, ist Delius als Romancier doch immer Garant für nahezu dokumentarische Zeitgenossenschaft. So auch in seinem neuen Roman.

Marie von Mollwitz, geborene von Schabow, Mutter von vier Kindern und Ehefrau eines Gutsbesitzersohnes, nimmt sich Ende der Sechzigerjahre eine mehrtägige Auszeit in Den Haag, Amsterdam und Köln. Sie will in einem niederländischen Archiv einer Liaison des Prinzen von Oranien und späteren niederländischen Königs Wilhelm I. mit der Berliner Tänzerin Minna Hoffmann nachgehen. Die Vermutung liegt nahe, dass die aus dieser Liebschaft geborene Wilhelmine von Dietz eine Verwandte der Erzählerin war. Wenn das kein Stoff für einen Roman ist: Marie will die Geschichte dieser Amour fou erzählen. Doch während ihrer Reise in die Niederlande kommen ihr weitere erzählenswerte Liebesgeschichten in den Sinn, zum Beispiel die ihrer Eltern aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und ihre eigene.

Da ist zum Beispiel Maries Vater, dessen 80. Geburtstag sich nähert. Als U-Bootkapitän hat er im Ersten Weltkrieg mit seinen Torpedos wahrscheinlich Hunderte Menschenleben vernichtet. Nach dem Krieg, so berichtet die Tochter, wechselt er vom „Kaiser- zum Gottesgehorsam“ oder: von der wilhelminischen Rüstung in die pietistische: Er macht fortan das Evangelisieren zum Beruf. Doch tauscht der Vater vielleicht nur den „oberkommandierenden Kaiser ein in den oberkommandierenden Gott“? Woher kommt die religiöse Bekehrung ihres Vaters? Seine Stimme ist ihr immer wieder im Ohr.

Seinen Reiz hat dieser Roman auch als Zeitbild: die Zeit des Ersten Weltkriegs als Marineoffizier in einem U-Boot, die Nazizeit in der Bekennenden Kirche, deren jüngstes Mitglied die Erzählerin in Mecklenburg war, die russische Besatzung 1945 in Bad Doberan, aber auch die Zeit der aufbegehrenden Jugend der Achtundsechziger.

Mit raffinierten Zeitsprüngen und geschicktem Perspektivwechsel ist Delius ein großartiges Erzählstück von den Turbulenzen der vergangenen hundert Jahre gelungen. Aus der Liebesgeschichtenerzählerin wird die Chronistin eines zerstörten Jahrhunderts.

Friedrich Christian Delius: Die Liebesgeschichtenerzählerin.

Rowohlt Verlag, Berlin 2016, 205 Seiten, Euro 18,95.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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