Ein Kunststück

Das Talent Gottfried Benn
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Was der Verlag bescheiden „Handbuch“ nennt, ist eine veritable Enzyklopädie, die Benns gesamten Kosmos in Entstehung, Forschung und Deutung abbildet.

Monsieur Teste“ hieß eine Figur, die der Dichter Paul Valery Anfang des vergangenen Jahrhunderts erfand. Ein intellektueller Phänotyp. Leidenschaftlich beobachtet dieser Analytiker der Gleichzeitigkeit im Zerfall von Altem die Geburt von Neuem. In chaotischen Phänomenen findet er geheime Antriebe des Lebens. Er ist ein Herold des reinen Geistes, seine Waffe die Analyse, sein Heil die Präzision. Bedeutungslos ist Tradition, Geschichte nicht final. In der Physik zerbarst die Illusion von der Einheit der Natur. Relativität und Komplementarität traten an deren Stelle. Eine alte Welt war in die Luft geflogen. Eine neue nicht in Sicht. Das war die Stunde der Dichter. Eine taumelnde Zeit erfand sich als Kunstform den Expressionismus. Das war Gottfried Benns Stunde. In diesem inspirierten, kühl sezierenden jungen Berliner Arzt aus einem brandenburgischen Pfarrhaus steckte viel „Monsieur Teste“. Ein singuläres literarisches Talent nahm Maß.

Diese Bewegung zeichnet mit filigraner Akkuratesse das Buch nach. Benns Weg in die Sprache, den schockierenden Einstand und die rasante Entfaltung seines poetischen und essayistischen Universums. Der Pathologe bei Tag und Dichter bei Nacht stieg mitten in der Zeit des großen Schlachtens ins Joch des Schöpferischen. „Erkenne die Lage“! Das trieb ihn an. Und: „Es gibt nur zwei Transzendenzen: mathematische Lehrsätze und das Wort als Kunst“. Benns „Transzendenz“ ist rätselhaft – bis heute.

Was der Verlag bescheiden „Handbuch“ nennt, ist eine veritable Enzyklopädie, die Benns gesamten Kosmos in Entstehung, Forschung und Deutung abbildet. Ein herausgeberisches Kunststück von Christian M. Hanna und Friederike Reents. Chapeau! Umsichtig werden 42 Spezialisten dirigiert, die sich mit intimer Kenntnis zu Benn-Themen en détail äußern – „Ausdruckswelt“ oder „Wallungswert“ oder „absolutes Gedicht“? Genannt werden sollten pars pro toto nur Helmuth Kiesel, der souverän Benns hochartifiziell eingesetzte „Schreibweisen und Techniken“ entschlüsselt. Meisterlich. Im Buch fehlt nichts Relevantes, keine andere Lesart, keine Kontroverse, auch Benns vorübergehendes faschistisches Gefasel nicht. Wichtig: Sein in Marbach verwahrter Nachlass ist nicht vollständig erschlossen. Weitere Funde sind sehr wahrscheinlich.

Wie erklärt sich Benns unverminderte Präsenz? Ist es die Faszination über die von ihm beanspruchte Totalität der Kunst, sein kunstreligiöser Anspruch? Sein Glaube an die Veränderbarkeit der Dinge über Poesie und „absolute Prosa“? „Überwältigend unbeantwortbar!“ Benns „Artistenevangelium“ bleibt ein überragendes Massiv. „Artistik ist der Versuch der Kunst, innerhalb des Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben, (…) einen neuen Stil zu bilden, gegen den Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust.“ Das klingt normativer als zeitgenössische Poetologien. Hier liegt der hermeneutische Schlüssel zum gesamten Werk. Das wundervolle Buch führt zur Begegnung mit einer Kunst von erhabener Schönheit – „Unsterblichkeit im Worte und im Laut“.

Harald Nehb

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