Von allen Seiten umgeben

Theologie und Transzendenzerfahrungen in der digitalen Welt
Kölner Dom (2007). Foto: Thorsten Nerling
Kölner Dom (2007). Foto: Thorsten Nerling
Ist der Cyberspace zukünftig der Ort, an dem Transzendenzerfahrungen gemacht werden? Die Theologin Johanna Haberer ist skeptisch. Auf jeden Fall sollten sich Kirche und Theologie in dieser rasanten Entwicklung für hierarchiefreie Kommunikation, Transparenz und Partizipation einsetzen, fordert die Professorin für Christliche Publizistik in Erlangen.

Es gibt in der Geistesgeschichte schon seit der Antike den Versuch, gedanklich zu erfassen, wie das Phänomen zu beschreiben sei, dass der Mensch als einziges Lebenswesen in der Lage ist, sich selbst zu überschreiten, hin zu Gott, hin zu einer anderen Wirklichkeit, hin zum Guten, Wahren und Schönen. Der Mensch strebt nach Selbstüberschreitung, und er macht in dieser Dynamik - sich in andere Wirklichkeiten zu begeben - Erfahrungen, die ihn verändern.

Ein Mensch mit einer Transzendenzerfahrung kommt nie als der zurück, als der er gegangen ist. Transzendenzerfahrungen sind, seit das Christentum begann, sich in philosophischen Kategorien zu bewegen, die Beschreibung eines Erkenntnisweges in einen höheren Level, das Überschreiten einer Grenze, die in einen fundamental anderen Bereich führt, die Immanenz, die Grenzen des Körpers und der Sinne hinter sich lassend.

Es könnte sein, dass künftige Generationen, die mit den virtuellen Welten aufgewachsen sind und sich per Mausklick dorthin beamen können, ihre wesentlichen Transzendenzerfahrungen in der digitalen Welt machen. Die Erfindung der Vernetzung der Menschen und ihrer Bilder, ihrer inneren Welten rund um den Globus bedeutet eine Gewöhnung auf den Zugriff auf transzendente Welten ohne Anstrengung, ohne Eigenleistung und scheinbar ganz umsonst.

Man kann nicht sagen, dass die Erfinder des Netzes und der damit einhergehenden neuen Technologien sich der quasireligiösen Bedeutung dieser Erfindung nicht bewusst wären. Steve Jobs sprach von einer "Delle im Universum", die diese Technologie machen würde und der heutige Netzkritiker Jaron Lanier bezeugt in seinem neuen Buch, dass ihn die Ahnung der Ungeheuerlichkeit dieser Erfindung zum Beten getrieben habe.

Beten in Höhenangst

Lanier schrieb vor über zwanzig Jahren unter dem Titel Vertigo, das heißt übersetzt "Höhenangst", diesen Text: "Anfang des Jahres 1994 wachte ich eines Morgens um vier Uhr auf und schrieb die erste Fassung dieses Textes in Form eines Gebets ... Ich betete um ein zukünftiges Netzwerk, das demokratisch, schön und spirituell war. Normalerweise käme mir das Wort ,beten' im Zusammenhang von Informationstechnologie nie in den Sinn, aber ich weiß einfach nicht, was man angesichts einer derart bedeutenden Aufgabe, die soviel wundervolles Potenzial birgt, anderes tun soll. Diese Aufgabe ist unvermeidbar und gleichzeitig etwas, das viele nachfolgende Generationen nicht mehr ungeschehen machen können, wenn wir es falsch machen."

Dem entsprechen die Ansprüche, die heutige Weltkonzerne wie Google, Facebook und Apple aus dieser Erkenntnis ableiten. Der ehemalige CEO von Google, Eric Schmidt, prophezeit, dass die digitale Technologie, erst einmal den Kinderschuhen entwachsen, unsichtbar dauerhaft um uns sein werde und uns von allen Seiten umgeben werde, so wie das in Psalm 139, 2-5 von Gott gesagt wird: "Ich sitze oder stehe, Du weißt es, Du verstehst meine Gedanken von ferne, ich gehe oder liege so bist Du um mich und siehst alle meine Wege. Denn es ist kein Wort auf meiner Zunge, das Du Herr nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir." Und nicht nur die totale Überwachung durch einen Konzern wird hier prognostiziert, sondern auch die totale Erlösung.

Man werde mit dieser Technologie alle Probleme der Welt lösen, schwärmt Eric Schmidt, und er verschweigt auch nicht den Preis: "Wir sind die erste Generation von Menschen mit einer unauslöschbaren Akte. Da Informationen dazu tendieren, ans Licht zu kommen, sollten Sie also nichts abspeichern, das Sie nicht irgendwann in einer Anklageschrift oder auf der Titelseite einer Zeitung lesen wollen (...). In Zukunft wird das nicht nur auf jedes geschriebene und gesprochene Wort zutreffen, sondern auch auf jede Internetseite, die Sie besuchen, auf jeden "Freund" in Ihrem Netzwerk, auf jedes "Like" und auf alles, was Ihre Freunde tun, sagen und veröffentlichen."

Und der Wikileaksgründer Julian Assange, der immer noch im Asyl der ecuadorianischen Botschaft in London sitzt, glaubt gar eine neue Religion zu identi?zieren. In seinem Interview mit der Theaterregisseurin Angela Richter formuliert er: "Nietzsche ist berühmt für seinen Ausspruch: Gott ist tot. Ich glaube aber, dass Gott wieder am Leben ist. Und dieser Gott ist der Nationale-Sicherheits-Massenüberwachungs-Internet-Gott. In den Vereinigten Staaten gibt es eine neue Staatsreligion: die Religion der Nationalen Sicherheit ... es gibt die heiligen Schriften, die niemals entweiht werden dürfen, das sind die klassifizierten Dokumente. Und es gibt unterschiedliche Orden, die den unterschiedlichen Sicherheitsfreigaben entsprechen. Man wird indoktriniert - wortwörtlich, indoktriniert ..."

Ins Quasi-Religiöse

Den damaligen Vordenkern und heutigen Kritikern der digitalen Technologie ist also völlig bewusst, dass sie sich mit dieser Technologie, die auf vielfältige Weise Transzendenz inszeniert, in die Sphären des Quasi-Religiösen hineinbegeben haben. Was aber Internet-Träumer der ersten Stunde heute aufschrecken lässt, ist, dass die Idee der Vernetzung aller mit allen, die Idee des Teilens von Wissen, Ideen, Gedanken und Meinungen jetzt in den Händen von Großkonzernen liegt, die nach den Regeln der Kapitalmärkte ihre Rendite steigen müssen und sich aus diesen Gründen zu Datenkraken entwickelt haben, die als so genannte Sirenenserver verdeckt und völlig intransparent, Informationen über die Menschen speichern, die sich den Netzwerken anvertrauen.

Auf diese Weise sind ungeheure Machtpotenziale entstanden, die sich selbst als Weltreiche mit Milliarden von Bewohnern verstehen. Auch hier konstatiert Lanier: "In der Geschichte der Staatsreligion wurden Menschen oft unter dem Vorwand unterdrückt, den Bedürfnissen dieser oder jener Gottheit zu dienen, obwohl sie in Wahrheit einer Elite von Priestern dieser Gottheit dienten. Das erinnert frappierend an die neue digitale Wirtschaft. (...) Die Auswirkung der neuen religiösen Vorstellung von der künstlichen Intelligenz gleicht in vielem den wirtschaftlichen Auswirkungen der alten Vorstellung, der Religion."

Einem solch totalen Anspruch mit einer totalitären Rückseite entspricht die schier totale Veränderung unserer gesamten Kommunikation, die in den vergangenen Jahren mit dieser Technologie schleichend Einzug in unseren Alltag gehalten hat. Kaum bewusst wahrnehmbar formatieren wir unser Verhältnis von Raum und Zeit neu. Wir kommunizieren in Sekundenschnelle über die ganze Welt, wir organisieren unser Wissen nach den Vorgaben von Algorithmen. Wir haben völlig neue Formen von Bildung hinzugewonnen, in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen nehmen der Computer und die spielerischen Formen, sich in neuen Universen zu bewegen, einen sich dehnenden Raum ein.

Unsere Beziehungen vervielfältigen sich schier unübersehbar, gestalten sich weltweit und anlassbezogen. Begriffe wie "Freundschaft" werden von sozialen Netzwerken besetzt. Es gibt neue Rituale, wie virtuelle Geburtstagsfeiern. Inklusion und Exklusion in die Gemeinschaft hängt von der Partizipation in bestimmten sozialen Netzwerken ab. Und auch die Begriffe von Geheimnis und Verrat werden neu definiert: Es wird zum Frevel, ein Geheimnis zu haben, und es gilt als Landesverrat, den Bürgern mitzuteilen, was Netzbetreiber und Geheimdienste tatsächlich über sie wissen.

Es ist wohl nicht übertrieben zu markieren, dass sich die menschlichen Ich-Konstruktionen und das Weltverhältnis mit dieser Technologie grundlegend verändert. Die Folgen spüren wir in ihrer Ambivalenz in den Kirchen ebenso wie in der Politik, der Schule, im Krieg, in den modernen Fluchtbewegungen und in der Form wissenschaftlichen Zusammenarbeitens.

Neuformatierung von Zeit und Raum

Christliche Theologie hat sich immer schon in der Kunst des Unterscheidens eingeübt und für Wachsamkeit geworben gegenüber irdischen Mächten, die totale Ansprüche auf das Leben der Menschen behaupten. Das gilt für Martin Luthers Revolte gegen die römisch-katholische Heilsökonomie, die das Leben des Einzelnen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ja bis in das Jenseits organisierte und verrechnete.

Das gilt ebenso für die Barmer Theologische Erklärung, die einer totalitären völkischen Ideologie eine Absage erteilte und sich in Christi Namen weltliche Herrschaftsansprüche über die Kirche verbat. Leider blieb die Barmer Erklärung bei der kirchenzentrierten Perspektive hängen und fühlte sich für den Rest der Menschen weniger verantwortlich. Eine verhängnisvolle Engführung. Es ist vielmehr Aufgabe christlicher Theologie, alle Ideologien in ihrer Übergriffigkeit zu entlarven, die mit einem totalen Erlösungsanspruch auf den Menschen auftreten.

Gegenüber solchen Ansprüchen auf das Leben des Menschen entwickelt die christliche Theologie ein kritisches Bewusstsein, das sie aus den Mustern biblischer Kommunikation ableitet. Christen setzen sich ein für eine hierarchiefreie Kommunikation auf Augenhöhe und auf Kommunikationsgerechtigkeit. Sie setzen auf Transparenz und Partizipation und halten fest, was sie aus den biblischen Quellen gelernt haben: dass irdische Macht ohne Kontrolle immer in den Missbrauch führt. Sie lehnen alle Visionen von der Normierung des Menschen ab. Sie glauben vielmehr, dass jeder Mensch ein Wunder ist und nicht verrechenbar und prognostizierbar, wie uns das Algorithmen vorspiegeln.

Christen halten weiter daran fest, dass jeder Mensch ein Unikat Gottes ist und nicht in ökonomischen Kategorien vernutzt werden kann, wie das die großen Internetgiganten tun, die alle User als Konsumenten und Werbezielgruppe verstehen. Sie halten daran fest, dass Gemeinschaft nicht in digitalen Netzwerken besteht und dass über Zugehörigkeit der Glaube bestimmt und nicht ein Netzanbieter. Christen sind überzeugt, dass jeder Mensch ein Recht auf eine geschützte Sphäre und ein Recht auf ein Geheimnis hat, das Gott hütet, und zu dem niemand Zugang haben darf. Und sie glauben, dass das Leben eines Menschen im letzten Gericht vor Gott aufgeblättert und dort in Liebe gewogen wird und nicht auf einem Datenfriedhof bei Facebook.

Es ist deshalb eine Aufgabe von Theologie und Kirche, die Transzendenzversprechen und Erlösungsangebote der digitalen Technologie theologisch einzuordnen und ideologiekritisch zu würdigen. Insbesondere gilt es, die Machtkumulation der so genannten Sirenenserver und Datenkraken wie Facebook und Google bewusst zu machen. Und es gilt die politischen Strömungen zu unterstützen, die eine Kontrolle der Internetgiganten einerseits und eine Zivilisierung der Netzkommunikation nach christlichen Regeln andererseits anstreben. Dazu gehören Klarnamen ebenso wie die Kontrolle von Shitstorms und eine Kultur der Entschuldigung, der Vergebung und des Neuanfangs. Dazu gehört auch der Widerstand gegen die Normierungen durch Gruppenzwang und die Versprechen auf Selbstoptimierung und Perfektion.

Unter diesen theologischen Perspektiven auf die neuen Formen von Kommunikation erhält der so trockene Begriff des Datenschutzes eine spirituelle Dimension: Ich habe das Recht zu wissen, was andere über mich wissen, das ist die eine Seite und ich werde nicht durch "Verkauf" beispielsweise meiner Gesundheitsdaten für günstigere Konditionen an Versicherungsunternehmen oder Arbeitgeber an der Entsolidarisierung einer Gesellschaft mitwirken, in der künftig Kranke bestraft, Gesunde belohnt und das gesamte Leben des einzelnen Menschen bis in den Schlaf hinein kontrolliert wird.

Die neue digitale Umgebung, die es uns erlaubt, Transzendenzerfahrungen ganz irdischer Art zu machen, sollte auch die Kirche ermuntern, das ganz andere des jüdisch-christlichen Gottes wieder erfahrbar zu machen: in seiner Unterschiedenheit und Fremdheit, mit seiner schöpferischen Einzigartigkeit, seiner voraussetzungslosen Gnade, mit dem Christus der Leib wird und dem Geist, der uns in Glaube, Liebe und Hoffnung vernetzt.

Literatur

Johanna Haberer: Digitale Theologie - Gott und die Medienrevolution der Gegenwart. Kösel-Verlag München, 2015. 208 Seiten, Preis: Euro 17,50 (siehe Rezension Seite 62).

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Johanna Haberer

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Johanna Haberer

Johanna Haberer ist Professorin für christliche Publizistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.


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