Verräterische Sprache

Warum der Gebrauch von "alttestamentarisch" zu meiden ist
"Lügenpresse" hat seit einigen Monaten wieder Konjunktur. Ein Wort, das auch die Nazis gerne verwendeten – genauso wie "alttestamentarisch". Das Foto zeigt eine Pegida-Demonstration in Dresden. Foto: epd/ Matthias Schumann
"Lügenpresse" hat seit einigen Monaten wieder Konjunktur. Ein Wort, das auch die Nazis gerne verwendeten – genauso wie "alttestamentarisch". Das Foto zeigt eine Pegida-Demonstration in Dresden. Foto: epd/ Matthias Schumann
Wörter haben merkwürdige Konjunkturen. Warum zum Beispiel begegnet uns seit Jahren immer wieder "alttestamentarisch" und seit neustem sogar auch "neutestamentarisch", obwohl niemand Rudolf Bultmann als "Neutestamentarier" bezeichnen würde? Steckt mehr dahinter als Unbildung und Achtlosigkeit? Auf jeden Fall, meint der Theologe und Kunsthistoriker Andreas Mertin.

Die Worte, die wir verwenden, haben einen Zeitindex. Das ist uns eigentlich klar, auch wenn wir beim Sprechen oder Schreiben in der Regel nicht daran denken. Als auf den Pegida-Demonstrationen in Dresden das Wort "Lügenpresse" gebrüllt wurde, geschah dies nicht quasi unschuldig, weil es irgendwie nahelag, sondern das Wort wurde genutzt, weil es mit historischen Konnotationen aufgeladen ist - ob es den einzelnen Nutzern nun bewusst war oder nicht.

"Lügenpresse" hat eine interessante Geschichte: Als es zum ersten Mal verwendet wurde, bezeichnete es die Druckpresse, die die Flugblätter der Protestanten produzierte. Gängig wurde es aber erst in den Debatten um die Presse nach der Revolution von 1848. Erstmals waren Presseorgane nicht mehr der Zensur unterworfen und konnten daher ihre Meinung frei äußern - was ihnen dann den Vorwurf der "Lügenpresse" eintrug.

Besonders häufig verwendet wurde das Wort in den Kontroversen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dann wieder durch die Rhetorik führender Nazis. Niemand, der auf die Statistik der Verwendung dieses Wortes schaut, kann dabei von einem Zufall sprechen, zu eindeutig ist die zeitliche Bindung.

Bei manchen Begriffen wie etwa "Blut und Boden" ist der Zeitindex jedem Menschen unmittelbar klar. Aber bei anderen wird er erst auf den zweiten Blick deutlich. Zu letzteren gehören die Worte "alttestamentarisch" und neuerdings auch "neutestamentarisch". In der deutschen Sprache wird der wissenschaftliche Umgang mit den beiden Teilen der Heiligen Schrift mit den Worten "alttestamentliche" und "neutestamentliche" Exegese bezeichnet. Die damit befassten Professoren nennen wir Alttestamentler oder Neutestamentler. Niemand käme ernsthaft auf die Idee, Rudolf Bultmann als "Neutestamentarier" zu bezeichnen.

Herabsetzende Intention

Nach 1810 entwickelt sich aus dem Gedankengut einiger Romantiker wie Clemens Brentano und Wilhelm Hauff jedoch eine Sprachform, die das ursprüngliche Wort "alttestamentlich" mit herabsetzender Intention in "alttestamentarisch" änderte. Der erste Beleg stammt aus Brentanos 1811 geschriebenem Rheinmärchen: "So war das unglückliche Ende dieser neunmal neunundneunzig Braven; sie, die nicht der grausame Sündenbock der alttestamentarischen Glaubensgenossen hatte besiegen können, unterlagen den Sünden des jugendlichen Übermuts, die schon manchem Helden den Helmbusch geknickt haben; sie, die den langen Tag der Juden bezwungen hatten, wurden von einem kurzen Freudentage erdrückt und erblickten das Licht nicht wieder, welches ihnen mit der Lichtputze ausgelöscht worden."

Man wird in diesen Anfängen vielleicht noch keine konkret antisemitische, wohl aber eine antijudaistische Sprache erkennen können, was dadurch erhärtet wird, dass Brentano Mitglied der im gleichen Jahr gegründeten, dezidiert antijudaistischen "Deutschen Tischgesellschaft" war. Im Zuge der fortschreitenden Entwicklung antisemitischen Denkens in Deutschland nimmt der Gebrauch des Wortes "alttestamentarisch" zu.

Das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm von 1852 kennt das Wort nicht, sondern nur die korrekte Sprachform "alttestamentlich". Auch Meyers Großem Konversationslexikon von 1888 (4. Auflage) beziehungsweise 1909 (5. Auflage) ist es unbekannt, während die korrekte Form "alttestamentlich" an vielen Stellen verwendet wird. Aber bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es feste Verbindungen von "alttestamentarisch" und "Rachegott" sowie "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Und eine Wortkombination wie der "jüdische Rachegott" ist, wie die Allgemeine Zeitung des Judenthums 1868 schreibt, aufklärungsresistent.

Man kann noch so sehr auf die mangelnde Sachhaltigkeit verweisen, die Menschen ändern ihre Sprache nicht. Und das wahrscheinlich deshalb, weil es ihnen gar nicht um die Sache selbst, sondern um die Konnotation und die damit bewirkte Herabsetzung des Judentums ging. August Strindberg versammelt 1897 in seinem Stück "Inferno" alle Klischees in einem einzigen Satz: "Ich rufe den Schutz der Vorsehung an, ich lese die Psalmen Davids wider seine Feinde, ich hasse meinen Feind mit einem alttestamentarischen Haß, während mir doch der Mut fehlt, mich der eben erlernten Mittel der schwarzen Magie zu bedienen."

Höhepunkt in der NS-Zeit

Einen Höhepunkt erreicht die Verwendung des Wortes "alttestamentarisch" zwischen 1941 und 1945. Den Nazis waren die Konnotationen, die inzwischen mit diesem Wort verbunden wurden, durchaus bewusst, weshalb sie das Wort auch sprachstrategisch einsetzten. "Die Völker wollen nicht mehr auf den Schlachtfeldern sterben, damit diese wurzellose internationale Rasse an den Geschäften des Krieges verdient und ihre alttestamentarische Rachsucht befriedigt", brüllte Adolf Hitler am 30. Januar 1939; "Die Juden toben sich in einer Form aus, die man nur als alttestamentarisch bezeichnen kann", Joseph Goebbels am 6. Juni 1942; "Haß und Rache von wahrlich alttestamentarischem Charakter sprechen aus diesen Plänen", Joseph Goebbels am 4. Oktober 1944.

Aber nicht einmal die Nationalsozialisten konnten das Wort im Duden platzieren. Nach 1945 wurde der antijudaistische Gebrauch von "alttestamentarisch" jedoch nicht geächtet, sondern mit zunehmendem zeitlichem Abstand als so normal betrachtet, dass sich die Dudenredaktion 1973 entschied, diesen sprachlichen Antijudaismus auch im Duden anzuerkennen und durch das Beispiel "alttestamentarische Strenge"(!) zu erläutern.

Es gibt beim Bücherindex der Suchmaschine Google ein Statistikmodul, mit dem man sich die Häufigkeit der Verwendung eines Wortes (in den von Google erfassten Büchern deutscher Sprache) anzeigen lassen kann (https://books.google.com/ngrams). Wer sich darüber aufklären will, welchen Zeitindex ein Wort hat, kann hier sehr viel lernen. Der Graph sagt wenig aus über Alltagssprache, weil er die nicht erfassen kann, aber sehr viel über die Sprache der Öffentlichkeit. Und hier lässt sich nun beobachten, dass nach 1945 die Verwendung des Wortes "alttestamentarisch" in der deutschen Sprache zwar zunächst zurückging, seit den Sechzigerjahren sich aber wieder zunehmender Beliebtheit erfreut und fast auf dem Niveau der Nazizeit angekommen ist. Parallel dazu - und das ist neu - steigt auch die Häufigkeit der Verwendung des Wortes "neutestamentarisch", wenn auch nicht in gleichem Maße.

Wenn Sprache einen Zeitindex hat, dann kann man überlegen, warum heute ein derartiger Sprachgebrauch gepflegt wird. Ich glaube, dass inzwischen nur etwa bei einem Drittel derer, die das Wort "alttestamentarisch" verwenden, genuin antisemitische Motive eine Rolle spielen. Aber es ist doch erschreckend, wie oft noch von der "alttestamentarischen Praxis der Rache" geschrieben wird - gerade auch in großen Zeitschriften in Deutschland. Es ist nicht notwendig der Kontext der Konflikte im Nahen Osten, in dem das auftaucht. Viel häufiger geht es um das allgemeine Phänomen der Rache und der Gewalt, dass im Nachklang zur nazistischen Rhetorik assoziativ mit dem Alten Testament verbunden wird.

Die restlichen zwei Drittel, die sich dieser Sprachform bedienen, wissen es nicht besser oder sind eher grundsätzlich negativ gegenüber der Religion eingestellt. Sie möchten andeuten, dass mit der Religion an sich etwas Archaisches in die moderne Gesellschaft hineinragt, das unendlich alt und deshalb nicht mehr angemessen ist. Und das gilt in ihrer Perspektive für die ganze Heilige Schrift, das Alte und das Neue Testament. Und dafür wird die Endung "-arisch" zu einer Art sprachlichem Marker.

Ein eigenes Kapitel stellen die Kunsthistoriker dar: Sie lernen den falschen Sprachgebrauch seit über 150 Jahren an der Universität, wissen es daher nicht besser und lassen sich auch kaum eines Besseren belehren. Auch bedeutende Kunsthistoriker schreiben in ihren Texten in renommierten Verlagen von alt- und neutestamentarischen Szenen. Zynisch könnte man fast schon von einer fachsprachlichen Sonderform sprechen. Einige Beispiele: "Wie eine Erblast wirkte in der christlichen Bilderfrage die alttestamentarische Begegnung auf dem Berge Sinai nach"; "Dabei platzierte er in der alttestamentarischen Geschichte von David und Goliath ..."; "Themen des Alten und des Neuen Testaments werden im Sinne einer Typologie so aufeinander bezogen, dass die alttestamentarischen Szenen jeweils eine Entsprechung der neutestamentarischen Ereignisse vorwegnehmen" und "Das Mittelportal der Hauptfassade zeigt die alttestamentarischen Archetypen Christi".

Auch im Feuilleton

Auch im deutschsprachigen Feuilleton gibt es so gut wie überhaupt keine Sprachsensibilität in dieser Frage, quer durch alle Redaktionen wird hier geschludert: Das wurde noch einmal deutlich bei den monumentalen Bibelverfilmungen des letzten Jahres. Hier eine kleine Auswahl aus den Kommentaren: "In Ridley Scotts 'Exodus' - der Neuverfilmung des alttestamentarischen Bestsellers - ist Gott ein Junge" (Augsburger Allgemeine); "Diesmal dient ihm also die alttestamentarische Geschichte von Moses für allerlei tricktechnische Exerzitien" (Die Zeit); "die bislang gültigste Bewegtbebilderung dieses alttestamentarischen Mythos" (Tagesspiegel); "Wie man sich eben möglicherweise so fühlt, als alttestamentarischer Gott" (Süddeutsche); "Bis der alttestamentarische Gott endgültig genug hat" (Die Welt); "Ein bockiger, kleiner Junge als alttestamentarischer JHWH" (3Sat); "während Moses zur Besinnung mahnt, lässt (Gott) sich eine alttestamentarische Gemeinheit nach der anderen einfallen" (film.at).

Eine besondere Bedeutung für die Sprache kommt heute Wikipedia zu. Da fast alle erst einmal hier nachschlagen, wenn sie etwas wissen wollen, verbreitet sich ein dort einmal akzeptiertes Wort rasant. Man kann hier gut verfolgen, wie über Jahre falscher Sprachgebrauch kultiviert wird: Da gibt es "alttestamentarische Quellen", "alttestamentarische Fabeln", "alttestamentarische bösartige Riesenwesen", den "alttestamentarisch grausamen Vater", aber auch "neutestamentarische Menschen", "neutestamentarische Märtyrerakten" und vieles mehr. Es ist zugleich schwierig, daran etwas zu ändern, denn die Verfasser verweisen darauf, dass der Duden den antijudaistischen Sprachgebrauch schließlich erlaube und meinen, dann könne er nicht falsch sein. Der erste Schritt müsste daher sein, den Duden davon zu überzeugen, dass die 1973 erfolgte Aufnahme des Wortes "alttestamentarisch" wenn nicht zurückgenommen, dann doch als herabsetzende Sprachform gekennzeichnet wird.

Dass sich nach 1945 der Sprachgebrauch "alttestamentarisch" so ungebrochen fortsetzen und später durch das "neutestamentarisch" ergänzt werden konnte, wird man aber auch selbstkritisch dem Versagen von Theologie und Kirche zurechnen müssen, die nicht entschieden genug auf die Bedeutung dieser sprachlichen Entgleisung hingewiesen haben. Dass selbst in Gemeindebriefen, kirchlichen Presseverlautbarungen und evangelischen Internetplattformen von "alttestamentarischen Geschichten" die Rede ist, die in der Gemeinde zur Aufführung gebracht worden oder auf einem Kunstwerk zu entdecken seien, verwundert da kaum noch.

Die Pegida-Demonstrationen in Dresden haben mit ihren Slogans vielleicht einer größeren Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass Worte in einer historischen Tradition stehen und dass wir ihren Gebrauch verantworten müssen. Dann müsste es aber doch auch Gemeinden, Redaktionen und einer größeren Öffentlichkeit einsichtig zu machen sein, was sie anrichten, wenn sie weiter einen Sprachgebrauch pflegen, dem die Herabsetzung einer Religion fest eingeschrieben ist.

Andreas Mertin

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Andreas Mertin

Andreas Mertin, Jahrgang 1958, ist Gründer und Herausgeber des seit 1998 im Internet erscheinenden Magazins tà katoptrizómena, dem Magazin für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik (www.theomag.de). Der Theologe und Kulturwissenschaftler (www.amertin.de) ist u.a. auch als Kurator von Ausstellungen tätig und lebt in Hagen (NRW).


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