Mächtiger Mythos

Marienlieder und ihre Geschichte
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Lehrreich und dabei oft vergnüglich zu lesen ist dieses Buch gerade für Protestanten.

Das kann man tatsächlich: ein im besten Sinn aufklärendes Buch über Marienlieder schreiben, aus dem sich viel über die Entstehungs-, Fassungs- und Wirkungsgeschichte dieser Liedgattung lernen lässt. Lehrreich und dabei oft vergnüglich zu lesen ist es gerade für Protestanten, macht es ihnen doch bewusst, wie sehr die als typisch katholisch wahrgenommenen Marienlieder über den Raum der katholischen Kirche hinaus zum kulturgeschichtlichen Erbe Europas gehören. Denen, die diese Lieder religiös gebrauchen, hilft das Buch, besser zu verstehen, was sie singen, und denen, die ästhetisch von ihrem romantischen Zauber ergriffen werden, ihre Lebensbedeutung zu erfassen.

An zwölf Beispielen zeigen Hermann Kurzke und Christiane Schäfer, wie Marienlieder sich vom Mittelalter bis zur Gegenwart im Lauf vielschichtiger mündlicher und schriftlicher Überlieferung gewandelt haben. Text und Melodie, Folge, Anzahl und Bau der Strophen veränderten sich, je nach dem, wann, wo und von wem ein Lied gesungen wurde, ob auf Flugblättern verbreitet, in Gesangbücher übernommen, unter dem Druck der Aufklärung daraus entfernt, unter dem Einfluss der Romantik wiederbelebt und in Volksliedsammlungen tradiert, bis es im 20. Jahrhundert in den Kirchengesang eingeführt und zum "Einheitslied" erklärt wurde. Indem die Autoren diesen Prozess an so unterschiedlichen Liedern wie "Maria durch ein Dornwald ging" und "Segne du, Maria" nachzeichnen, zeigen sie, was Tradition bedeutet: nicht Weitergabe unveränderlicher Glaubenswahrheit, sondern steter Wandel des gesungenen Glaubens.

Die aufgeklärte Kritik wehrt Marienlieder und das durch sie vermittelte Marienbild ab als Produkte frommer regressiver Phantasie, die Menschen vertrösten, statt sich den Ursachen ihrer Leiden zu stellen. Diesen Vorwurf entkräften die Autoren gleich doppelt: Die Kritik habe selbst für Stunden von Not und Tod nichts Tröstendes anzubieten, und viel Leiden sei "für die Betroffenen faktisch unaufhebbar und muß ausgehalten werden". Hier zeige sich die Stärke der Marienlieder: "Maria hilft aushalten - das funktioniert nicht immer und automatisch, aber das ist ihr Potential." Nützlich für die Seelsorge sind die im Buch verstreuten Hinweise, wie ein Lied in bestimmten Lebenssituationen seinen Sinn verändert und jeweils anders rezipiert wird.

Kurzke und Schäfer präsentieren soviele bemerkenswerte Details, dass man ihnen den Lapsus, den Roman "1984" Huxley zuzuschreiben, gern verzeiht. Nur der Haupttitel "Mythos Maria" bereitet dem Protestanten leises Unbehagen. Warum nicht "Die Schönste von allen"? Das wäre ein deutliches Plädoyer für die Poesie. Die Autoren halten es mit Thomas Mann und Hans Blumenberg. Sie wollen den Mythos humanisieren und Einsichten in die "Arbeit am Mythos" vermitteln. Das luzide Nachwort hätte als Beleg dafür genügt. Im Titel jedoch schafft das Stichwort "Mythos" Distanz und macht auf ein Problem aufmerksam, das im Buch ausgeblendet wird.

Denn zur mythischen Figur, die die Einbildungskraft beschäftigt, ist Maria gemacht geworden. Von Hause aus ist sie ein Mädchen aus Israel, das auf die Seite wirklicher Frauen gehört. Das Marienlob der Reformatoren machte das in der frühen Neuzeit bewusst. In neueren Dichtungen, die Maria entmythisieren, wie Kurt Martis Gedicht "und maria", kommt dieser protestantische Zug wieder zum Vorschein. "Mythos Maria" ruft nach Entmythologisierung. Aber vielleicht ist das ja beabsichtigt.

Hermann Kurzke/Christiane Schäfer: Mythos Maria. Berühmte Marienlieder und ihre Geschichte. C. H. Beck Verlag, München 2014, 303 Seiten, Euro 24,95.

Michael Heymel

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