Zur Nachahmung empfohlen

Von der Notwendigkeit des göttlichen Zorns für die Gerechtigkeit
Lovis Corinth: Brudermord, 1919. Foto: akg-images
Lovis Corinth: Brudermord, 1919. Foto: akg-images
Das Unrecht, das Gottes berechtigten Zorn hervorruft, wird durch Gottes rettende Gerechtigkeit überwunden. Beide Seiten, die für Menschen oft auseinanderzufallen scheinen, gehören bei Gott untrennbar zusammen, erläutert der Alttestamentler Frank Crüsemann mit einem Blick auf das Alte Testament.

Das Alte Testament gilt vielen als Buch eines zornigen und deshalb unkontrolliert gewalttätigen Gottes. Nicht wenigen, die es unbefangen zu lesen versuchen, drängt sich ein solches Verständnis auf. In der Tat: Eine Fülle von Texten handeln von Wut und Zorn. Dahinter stehen in jedem Falle intensive und langjährige Erfahrungen. Vielleicht können sie zum Umgang mit heutigen Erfahrungen von Bürgerwut und ihren politischen Wirkungen beitragen, wenn man zwei Voraussetzungen beachtet.

Wie bei allen anderen Themen lassen sich auch hier die beiden Teile der christlichen Bibel nicht auseinanderdividieren. Dazu mag ein Blick auf die Themenangabe des Römerbriefs genügen. Da stehen nebeneinander die beiden Sätze: "Denn Gottes 'Gerechtigkeit' offenbart sich in ihm (dem Evangelium) glaubwürdig und Glauben weckend... Denn Gottes Zorn offenbart sich vom Himmel her gegen alle Gottesverachtung und Rechtsmißachtung der Menschen..." (Römer 1,17.18; Übersetzung Klaus Haacker). Meist werden beide Sätze getrennt, verschiedenen thematischen Blöcken zugeordnet und unterschiedlich übersetzt, wodurch der Zusammenhang verdunkelt wird. Doch sie sind parallel gebaut und entsprechen sich völlig in den entscheidenden Begriffen und Zeitformen. Gottes Gerechtigkeit, die im Evangelium wirkt, und Gottes Zorn über Unrecht und Gewalt gehören aufs engste zusammen und sind nicht zu trennen. Für das Wie ist ein Blick in die Schrift hilfreich, ja unersetzlich. Bei diesem wie bei anderen wichtigen Themen wie zum Beispiel Sünde hängt der überwältigende und so eindeutig erscheinende Eindruck an bestimmten Übersetzungsentscheidungen. Seit der griechischen Bibel, erst recht dann bei Martin Luther, wird die hebräische Vielfalt und Differenziertheit erheblich reduziert. Luther spricht weit über 400mal von "Zorn, zornig". Vergleichbar ist nur noch "Grimm, ergrimmen", dagegen gibt es "Wut" bei Luther nicht, und nur selten "wüten, wütend". Weil nun "Grimm" im heutigen Sprachgebrauch und erst recht in der theologischen Sprache fehlt, konzentriert sich alles auf den Zorn. Doch im Hebräischen stehen dahinter ungefähr zehn verschiedene Nomina und noch einmal so viele Verben. Zusammen mit der Vielfalt sprachlicher Bilder (das häufigste Wort für Zorn ist zugleich das Wort für "Nase", viele Ausdrücke haben mit "Hitze/brennen" und "ausgießen" zu tun), die sich durch ganz unterschiedliche Zusammenstellungen und Wortcluster noch vermehren, ergibt sich ein höchst differenziertes Bild von Reaktionen auf auslösende Faktoren. Es ist nicht alles "Zorn", was Ärger und entsprechende Reaktionen auslöst. Es würde sich lohnen, diesen Reichtum zu erschließen.

Wie Zorn entsteht und wie damit umzugehen ist, zeigt sich deutlich beim ersten Vorkommen des Themas in der Bibel. Kains Reaktion auf eine massive und grundlose Bevorzugung Abels (Genesis 4,4.5a) ist wie zu erwarten: "Das ließ Kain aufs Äußerste entflammen, seine Gesichtszüge entglitten", zitiert nach der "Bibel in gerechter Sprache". Kain selbst, die Person als ganze "entbrennt" (Luther: "ergrimmt") äußerlich erkennbar daran, dass sein Angesicht "fällt". Bevor daraus Aktionen werden, spricht Gott ihn an, benennt die Situation und macht auf unumgängliche Entscheidungen zwischen erster Reaktion und den Folgen aufmerksam. Da sagte Adonaj zu Kain: "Warum brennt es in dir? Und warum entgleiten deine Gesichtszüge derart? Ist es nicht so: Wenn dir Gutes gelingt, schaust du stolz; wenn dir aber nichts Gutes gelingt, lauert die Sünde an der Tür. Auf dich richtet sich ihr Verlangen, doch du - du musst sie beherrschen" (4,6f). Die üblicherweise mit "warum" wiedergegebene Frage heißt wörtlich "für was?" und fragt nicht nach dem Grund, der liegt auf der Hand, sondern nach den Folgen, also dem Umgang mit dem Zorn. Die unmittelbare Reaktion wird ja nicht kritisiert. Wenn etwas so misslingt wie Kains gut gewolltes Opfer, ist Verärgerung so unvermeidbar wie auch das Gegenteil, der Stolz auf das, was gelingt. "Man entschließt sich nicht zum Zorn ... Als Reaktion auf etwas, was geschehen ist, überfällt er den Menschen, flammt er auf", formulierte der Alttestamentler Claus Westermann. Verantwortlich aber ist der Mensch für die Folgen. Wo Wut entbrennt, droht "Sünde". Das Wort kommt hier zum ersten Mal in der Bibel vor, und sie wird mit dem Bild eines lauernden wilden Tiers beschrieben, das einen anzufallen und zu verschlingen droht. Doch Kain wie jeder Mensch muss - und kann! - sie beherrschen. Fast alle Aussagen über menschliche Wut lassen sich den hier entfalteten Schritten zuordnen.

Menschliche Bilder

Doch die Bibel ist ein theologisches Buch und mehr als zwei Drittel aller Aussagen über Wut und Zorn sprechen von Gott. Wie andere menschliche Reaktionen und Eigenschaften werden auch sie von Gott ausgesagt. Solche Menschlichkeit Gottes gibt immer aufs Neue Anlass zu Kritik. Unsere Empfindlichkeit an dieser Stelle stammt letztlich aus der griechisch-philosophischen Vorstellung von der Unveränderlichkeit und Leidenslosigkeit Gottes, die jahrhundertelang die abendländische Theologie geprägt hat. Israel aber musste mit der Entdeckung des einzigen, unsichtbaren und bildlosen Gottes auch lernen, wie von ihm zu sprechen war: Unvermeidbar mit menschlichen Begriffen und Bildern, doch zugleich so, dass die Differenz im Blick bleibt und immer neu sichtbar wird. Es ist kein Zufall, dass die grundlegende Feststellung: "Gott bin ich und nicht ein Mann" (Hosea 11,9) im Zusammenhang mit Gottes Umgang mit seinem eigenen Zorn steht.

Menschlich und damit auch vom Zorn muss von Gott geredet werden, weil sich Gott mit Menschen verbunden hat, auf Menschen durchgängig bezogen ist, weil alles, was Israel von Gott gewusst und gelernt hat, und wir von Israel, aus diesen Beziehungen stammt. Gott macht sich verletzlich und lässt sich verletzen, und dazu gehört die ganze Skala menschlicher Reaktionen, bis hin zu Wut und Zorn, bis zur Rede vom Leiden Gottes (was Dietrich Bonhoeffer mühsam wieder lernen musste) und von Gottes Reue und Umkehr. Doch all diese Aussagen der Bibel sind theologisch reflektiert, präzis und durchdacht. Man kann und muss sie belasten und wird dann jeweils mit der Entsprechung auch die Differenz, mitten in der Differenz wieder die enge Entsprechung entdecken.

Natürlich ist die Rede vom Zorn Gottes auf weite Strecken eine Deutung von Erfahrungen, die Menschen in der Geschichte machen. In den Klagepsalmen oder bei Hiob, vor allem aber in der Gerichtsprophetie, wo sich die größte Gruppe von Belegen für Gottes Zorn findet, geht es um Deutung von Katastrophen. Überlegenheit und Brutalität der Großmächte sind von den Propheten als Reaktion Gottes auf Abfall und Bundesbruch gesehen worden. Man darf dabei Recht und Notwendigkeit des Zorns nicht vergessen: Es geht um die Reaktion auf Ausbeutung, Vergewaltigung und Ermordung Schwacher und Unschuldiger. Der Zorn hat deshalb Recht und muss an sein Ziel kommen.

Als die Katastrophe schließlich eintrat, sind es die "Threni", die Klagelieder, die das Geschehen benennen: "Am Boden liegen in den Gassen Junge und Alte; meine jungen Frauen und Männer fielen durchs Schwert. Du hast sie erschlagen am Tag deines Zorns, hast sie gemetzelt, kanntest kein Mitleid" (Klagelieder 2,21). Das sind also sehr reale Ereignisse, in denen sich Gottes Zorn zeigt. 1945, vor siebzig Jahren, dürfte in Deutschland mancherorts ähnlich geredet worden sein. Vielleicht auch im Blick auf die Ursachen: "Gerecht - das ist Adonaj; ja, was mir geheißen, dem widersetzte ich mich" (1,18). Dazu gehört dann auch die Hoffnung: "Nicht zu Ende ist doch Adonaj damit, sich freundlich zu erweisen, hat ja nicht aufgehört, sich zu erbarmen...Gut ist's, still zu harren auf die Hilfe Adonajs" (3,22.26).

In solcher Hoffnung, genauer: in der Weise, wie Zorn und Erbarmen zusammengehören, trifft man auf das eigentliche Geheimnis der biblischen Rede von Gott.

Enttäuschte Liebe

Gott bewegt sich. In Hosea 11 führt die tief enttäuschte Liebe Gottes als Vater oder Mutter (Vers 1) zum drohenden Gericht, hinter dem konkret das schreckliche Ende des Nordstaats durch Assur stehen dürfte. Doch angesichts der drohenden Schrecken fällt sich Gott selbst in den Arm: "Wie kann ich dich preisgeben, Efraim, dich ausliefern, Israel?...Umgewendet hat sich mein Herz gegen mich selbst; heftig entbrannt ist mein Bedürfnis zu trösten. Nicht vollstrecke ich die Glut meines Zornes" (Hosea 11,8f). Und zur Begründung für diesen Umsturz im Herzen Gottes steht dann der oben schon genannte Satz: "Denn Gott bin ich, und nicht ein Mann." Gott handelt damit so, wie es von Kain vergeblich erwartet wurde. Dass dieser Herzensumsturz aber letztlich genau das bewirkt, was der Zorn wollte, aber durch das (angedrohte) Gericht nicht bewirken konnte, sagt dann Vers 10: "Hinter Adonaj gehen sie her." Diese Nachfolge ist das, was Israel zu Beginn nicht tat (Vers 2) und was den Zorn mit hervorrief.

Gott lässt sich bewegen. "Ich will meiner Wut auf sie freien Lauf lassen und sie vernichten," lautet die Reaktion Gottes auf die Errichtung des goldenen Stierbildes (Exodus 32,10). In diesem Fall bringt die Fürbitte des Mose, der mit Gott in einem langen Gespräch um die Zukunft des Volkes ringt, die Wende. Am Ende findet sich nicht nur Gottes Entschluss mit dem schuldigen Volk weiter zu ziehen, sondern geradezu eine neue Selbstdefinition Gottes: "Ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und von großer Huld und Treue, der tausenden (Generationen) Huld bewahrt, der Schuld Frevel und Sünde wegnimmt - aber er spricht nicht einfach frei -, der die Schuld der Väter prüft bei den Söhnen und Enkeln, bei der dritten und vierten (Generation)" (Exodus 34,6f; Übersetzung Christoph Dohmen). Im Judentum spricht man von den middot, den "Maßen Gottes", die hier wie sonst nirgends formuliert sind. In der biblischen Erzählung ereignet sich damit Fundamentales: Es geht um die Festlegung Gottes auf Vergebung, auf gnädigen und barmherzigen Umgang mit Frevlern und Schuldigen, und das trotz seines berechtigten Zornes.

Aber das, was den Zorn auslöste, wird dabei nicht einfach vergessen und beiseite geschoben, sondern in dieses Verhalten integriert. Ob die Schuld der Väter weiterwirkt bei Kindern und Enkeln wird kritisch kontrolliert (von Bestrafung Unschuldiger ist dabei nicht die Rede). Und die Täter werden nicht einfach für unschuldig erklärt. Vom biblischen Recht her ist die Versöhnung durch Wiedergutmachung selbst von Gott den Schuldigen nicht abzunehmen (vergleiche Exodus 21,19). Was schließlich den Umgang mit dem gerechten Zorn betrifft, steckt die Lösung in dem meist mit "langmütig" wiedergegebenen Ausdruck. Während Nase/Zorn einer der wichtigsten Ausdrücke für Zorn und Wut ist, geht es hier im Gegenteil um den "langen Atem" (wörtlich der Nasenlöcher), also um das Gegenteil von "Jähzorn", um Langmut und Geduld.

Die Art und Weise, wie hier Gottes Zorn über das Unrecht in seine Barmherzigkeit integriert wird und so zu seinem Ziel gelangt, entspricht in der Sache dem, was Paulus als Thema des Briefes an die Gemeinde in Rom formuliert. Das Unrecht, das Gottes berechtigten Zorn hervorruft, wird durch Gottes rettende Gerechtigkeit überwunden. Diese zielt genau darauf. Beide Seiten, die für uns Menschen oft so weit auseinanderzufallen scheinen, gehören bei Gott untrennbar zusammen. Und sollte das nicht auch uns Menschen zur Nachahmung einladen?

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Frank Crüsemann

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