Orientierungshilfe

Eine Erfolgsgeschichte
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Angesichts der Diskussion über Veränderungen der volkskirchlichen Strukturen gewinnen aus der Sicht des Buchautors die "kirchenleitenden Funktionen der Losungen" besondere Aktualität.

Der Grundstein wurde vor mehr als 280 Jahren gelegt, als Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf am 3. Mai 1728 seiner Herrnhuter Gemeinde eine biblische Losung für den nächsten Tag mit auf den Weg gab. Zum Erfinder der Losungen wurde der spirituelle Vater der Herrnhuter, als er drei Jahre später im Alter von 31 Jahren das erste gedruckte Losungsbuch zusammenstellte. Seither sind die Losungen jedes Jahr, ohne Unterbrechung, erschienen, über alle Krisen und Kriege und gesellschaftlichen und politischen Veränderungen hinweg. Zu ihnen gehören die eigentliche Losung, die jedes Jahr aus ungefähr 1800 Texten des Alten Testaments in Herrnhut (Oberlausitz) ausgelost wird, der neutestamentliche Lehrtext, thematisch passend zur Losung ausgesucht, und ein dritter Text, meist ein Lied, Gebet oder ein bekenntnisartiger Text, der zum Gebet hinführen soll. Durch den zusätzlichen Abdruck der Kirchenjahresbibellese, der ökumenischen Bibellese, der Wochen- und Monatssprüche und der Predigttexte hat das Losungsbuch zunehmend den Charakter eines "evangelischen Breviers" erhalten.

Mit der weltweiten Missionsarbeit der Herrnhuter erschienen bald auch immer mehr fremdsprachliche Übersetzungen, und die Losungen erlangten weltweite Verbreitung. Heute erscheinen die Losungen in über fünfzig Sprachen. Das am meisten verbreitete "Andachtsbuch des Protestantismus" hat längst Länder- und Konfessionsgrenzen überschritten und ist Zeugnis gelebter Ökumene.

Peter Zimmerling, Praktischer Theologe in Leipzig, spürt in dem Buch dieser "Erfolgsgeschichte durch die Jahrhunderte" in ihren verschiedenen theologischen und spirituellen Facetten nach und nimmt dabei die spezifische, für die Wirkungsgeschichte der Losungen grundlegende Theologie und Spiritualität Zinzendorfs in den Blick. Am Beispiel namhafter Losungsleser des 19. und 20. Jahrhunderts, zu denen beispielsweise Otto von Bismarck, Jochen Klepper und Dietrich Bonhoeffer zählten, wird jeweils eine ganz eigene "Autobiografie" der Losungen erkennbar. So gehörten für Bonhoeffer die Losungen in den beiden Gefängnisjahren vor seiner Hinrichtung zu den "spirituellen Grundnahrungsmitteln".

Die in dem Band enthaltenen Äußerungen von Verantwortungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Kirche zeigen eine Vielfalt der Gebrauchs- und Wirkungsmöglichkeiten der Losungen, nicht zuletzt ihre Bedeutung als Orientierungshilfe bei grundlegenden Entscheidungen.

Immer wieder kommt in dem Buch Zinzendorf selbst zu Wort. Für ihn, so der Autor, seien die Losungen "Quintessenz" der Heiligen Schrift, sozusagen ein "Maggiwürfel" gewesen.

Ein Jahr vor seinem Tode sprach Zinzendorf davon, dass in den Losungen der "Kern aus der Schale" und in der Bibel die "ganze Frucht in der Schale" enthalten sei. In diesem Sinne hatten und haben sie als "Bibel light" auch die Aufgabe, den Leser auf das Ganze der Heiligen Schrift, zur "Lectio continua" hinzuführen.

Neben ihrem seelsorgerlichen Charakter waren für Zinzendorf die Losungen aber auch "Haushaltungs-Regeln, wonach man den Gang der Gemeine richtet". Angesichts der Diskussion über Veränderungen der volkskirchlichen Strukturen gewinnen aus der Sicht des Buchautors die "kirchenleitenden Funktionen der Losungen" besondere Aktualität. Neue, tragfähige Strukturen könnten nicht anders, als durch ein "neues Hören auf Gottes Wort" auch in den Losungen gefunden zu werden.

Peter Zimmerling: Die Losungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, 198 Seiten, Euro 16,99.

Joachim Rott

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