Zuhause

Vermittlerin der Traditionen
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Bernedettis neue CD zeugt davon, wie zwei scheinbar gegensätzliche Musiktraditionen - die eine in lärmigen Pubs, die andere in noblen Konzertsälen beheimatet - schließlich doch zueinander finden.

"Unsere Erziehung kategorisiert und trennt Traditionen, die eigentlich nie weit voneinander entfernt waren", schreibt die Schottin Nicola Benedetti im ausführlichen und klugen Begleittext zu ihrer neuen CD. Sie hat das am eigenen Leib erlebt. Ihre Ausbildung zur Geigerin war rein klassisch orientiert: Dass die schottische Volksmusik ein Füllhorn virtuoser Fiddle-Stücke bietet, durfte sie nicht tangieren - zu unterschiedlich seien die technischen Herangehensweisen.

Inzwischen ist sie weltweit eine gefragte Solistin, hat mit großen Orchestern Werke vom Barock bis zur Moderne gespielt und sich bei Kritik und Publikum bereits mit 27 Jahren eine hohe künstlerische Reputation erworben. Sie ist erwachsen geworden, musikalisch gereift und hat sich entschieden, alte Konventionen endlich über Bord zu werfen.

"Homecoming", ihre neue CD, zeugt davon, wie zwei scheinbar gegensätzliche Musiktraditionen - die eine in lärmigen Pubs, die andere in noblen Konzertsälen beheimatet - schließlich doch zueinander finden. Benedetti setzt Max Bruchs 1881 uraufgeführte "Scottish Fantasy" geschickt als Türöffner ein. In der Einleitung legt das bbc Scottish Symphony Orchestra den Teppich aus für eine berührende Liebeserklärung Nicola Benedettis an ihr Herkunftsland. Es sei "ein teuflisch schwieriges Werk", mit dem sie viele zähe Übe-Stunden verbracht habe, erzählt die Geigerin: Man hört die Mühe nicht, alles klingt warmherzig und frei.

Bruch, der nie in Schottland war, hat hier diverse "Klassiker" der schottischen Volksmusik verarbeitet, unter anderem ein Stück des schottischen "People's Poet" Robert Burns, der aus derselben Gegend stammte wie Nicola Benedetti, der Region North Ayrshire. Drei Orchesterversionen seiner Stücke (darunter das berühmte Auld Lang Syne) bilden die perfekte Überleitung zu den restlichen Songs der CD, die allesamt aus dem Folk-Repertoire stammen. Nicola Benedetti verzichtet hier auf das Orchester und arbeitet stattdessen mit erfahrenen Musikern der Folkszene zusammen.

Es ist faszinierend, mit welch klarem, weichem und an den entscheidenden Stellen auch kraftvollem Ton die klassisch gebildete Geigerin diese Musik interpretiert, die man in Clubs schon so oft in ihrer rauen, unbändigen Ur-Natur erlebt hat. Sei es nun in James Scott Skinners rasantem Reel "Hurricane Set", im Duett mit dem Fiddler Aly Bain bei "The Gentle Light That Wakes Me" oder im Klagelied "Coisich a rùin", dessen gälischen Text Julie Fowlis betörend schön singt: Nicola Benedetti ist ganz und gar zu Hause angekommen.

Nicola Benedetti: A Scottish Fantasy. Mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra. Decca 478 6690.

Ralf Neite

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