Liebeserklärung

Eine neue Claudius-Biographie
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Wie Matthias Claudius durch Martin Geck hindurchgegangen ist oder immer noch hindurch geht, das erfährt man immer wieder in diesem Buch, und wer gegen solchen Subjektivismus allergisch ist, sollte die Finger davon lassen.

Neue Jubiläen bringen neue Biographien mit sich. So auch der 200. Todestag des Dichters Matthias Claudius (1740-1815). Wem würde da nicht als erstes "Der Mond ist aufgegangen" einfallen? Deswegen wundert es nicht, dass Martin Geck sein Buch mit einer persönlichen Annäherung an das berühmte Lied beginnen lässt, in der man zum Beispiel erfährt, dass Geck es auch heute noch jeden zweiten Abend als "kleine, wortlose Hausandacht" auf dem Klavier spielt. Muss man das wissen? Nicht unbedingt.

Doch Geck stellt gleich am Anfang klar, dass er nur über Dinge schreiben könne, "die durch mich hindurchgegangen sind". Wie Matthias Claudius durch Martin Geck hindurchgegangen ist oder immer noch hindurch geht, das erfährt man immer wieder in diesem Buch, und wer gegen solchen Subjektivismus allergisch ist, sollte die Finger davon lassen. Allerdings lohnt es sich, diese kleine Manie des Autors in Kauf zu nehmen, weil er Leben und Werk des "Wandsbecker Bothen" anregend und vielschichtig darstellt. In diesem Buch finden sich viele Texte von Claudius zitiert und vieles Zitierte auch "by the way" anregend interpretiert. Nur ein Beispiel: Die vergleichenden Überlegungen Gecks zu "Wanderers Nachtlied" von Goethe und dem "Mond" von Claudius, speziell über das beide Werke beschließende Wörtlein "auch" sind ein Genuss.

Geck liebt Claudius, das steht außer Frage. Aber er kennt ihn auch und fördert viel Interessantes zutage. Was könnte mehr über die Persönlichkeit des freundlichen Outcast Claudius aussagen, als sein Bewerbungsschreiben um eine Stelle aus dem Jahr 1775? Claudius schreibt: "Wenn ich von meiner Neigung sprechen dürfte, so ist die für ein einsames Leben, für ein nützliches Wirken im Stillen, für Feld und Wald und Bauernvolk von jeher gestimmt gewesen; das darf ich auch noch sagen, dass ich es an gutem Willen, herzlicher Tätigkeit und Treue nicht werde fehlen lassen; ob ich aber Geschick genug habe, ein Rad in der Maschine zu sein, dadurch ein Fürst seine Vatermilde über sein gutes Landvolk ausbreiten will, das weiß ich nicht."

Hand auf's Herz: Würden Sie einen solchen Menschen einstellen? Eher nicht. Herder war schon damals entsetzt. Wegen dieser naiv-selbstbewussten Ehrlichkeit hatte Claudius es zeitlebens nicht leicht mit seinem Auskommen. Er hatte es auch nicht leicht mit der Aufklärung, die zu seiner Zeit in Blüte stand. Ihrem Licht gegenüber war Claudius skeptisch. Das ließ ihn damals und lässt ihn durchaus auch heute noch als naiv, ja, als Reaktionär erscheinen.

Autor Martin Geck schlägt in seinem Buch kühn einen Bogen über zwei Jahrhunderte, um Claudius zu retten, und er führt im Schlusskapitel einen gewichtigen Zeugen an, nämlich den Philosophen Hans-Georg Gadamer. Der warnte einst, wer "religiöse und mythische" Themen aus seinem Gesichtsfeld verbanne, ignoriere "einen Überhang an Fragen, den keine Form von Wissenschaft bewältigen" könne. Geck fokussiert diese eher allgemeinen Überlegungen gerne auf seinen geliebten Claudius und resümiert: "Wer mit mir die Auffassung teilt, dass der Mensch zum Fragen geboren sei, findet in Claudius einen Dichter, der auf das Schönste zu fragen vermag". Wohl wahr.

Martin Geck: Matthias Claudius. Biographie eines Unzeitgemäßen. Verlag Siedler, München 2014, 320 Seiten, Euro 24,99.

Reinhard Mawick

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