Hohes Gut

Erinnerung ist eine heilsame Macht
Religionsfreiheit gilt für alle, niemand darf aufgrund seiner Glaubensüberzeugung hingerichtet werden.

Bei einem Besuch der evangelischen Kirchen in Tschechien - den Böhmischen Brüdern und den Hussiten -, wurde mir eine rote Kerze geschenkt, auf der ein weißer Schwan ins Wachs eingearbeitet ist. Die Legende sagt, Jan Hus habe auf dem Scheiterhaufen gesagt: "Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan auferstehen." Auf Tschechisch bedeutet "Hus" "Gans", und so wurde Luther als der Schwan gesehen.

Ein wenig erinnert das an Johannes den Täufer, der mit Blick auf sein Verhältnis zu Jesus gesagt haben soll: "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen" (Johannes 3,30). Und in der Tat: Sehr ähnliche Grundansätze zur Reform der Kirche hatten beide Reformatoren und das sollte im Blick bleiben, auch wenn 1517 das Symboldatum der Reformation ist. Allerdings: Jan Hus wurde 1415 auf dem Konzil zu Konstanz verbrannt, obwohl ihm freies Geleit zugesagt worden war. Martin Luther überlebte den Reichstag zu Worms, weil Friedrich der Weise ihn auf der Wartburg in Schutz nahm.

In diesem Jahr wird der Verbrennung von Jan Hus auf dem Konzil in Konstanz gedacht. Eine gewichtige Ausstellung in Konstanz und ein großes Gedenkfest in Prag im Juli sind die Höhepunkte. Der böhmische Reformator stammte aus so genannten kleinen Verhältnissen, durfte eine Lateinschule besuchen, studierte an der Karls-Universität Prag und wurde Hochschullehrer. Die Schriften von John Wyclif begeisterten ihn so, dass er 1398 begann, Theologie zu studieren und 1400 zum Priester geweiht wurde. Er wurde Dekan der Philosophischen Fakultät, dann Rektor der Prager Universität. Hus war ein wortmächtiger Prediger vor allem in der Bethlehemskapelle in Prag. Er predigte in tschechischer Sprache, kritisierte den Klerus, forderte die Kommunion in beiderlei Gestalt für alle Gläubigen und erklärte die Bibel zur alleinigen Instanz für die Entscheidungen des Gewissens.

Drei Schlussfolgerungen möchte ich ziehen. Zum einen: Erinnerung ist wichtig. Wir erfahren durch unsere Mütter und Väter im Glauben, was es heißt, im Gewissen herausgefordert zu sein und wacker unseren Mann und unsere Frau zu stehen. Das werden wir auch zum Reformationsjubiläum 2017 tun. Zum anderen: Reformation ist ein weites Feld. Martin Luther ist ihre Symbolfigur und 1517 ihr Symboldatum, aber von Wyclif über Hus bis Luther, Melanchthon und Bucer hin zu Calvin und Zwingli ist sie ein breites Geschehen. Diese Weite muss erkennbar werden. Sie umfasst auch die Frauen der Reformation.

Schließlich: In Glaubens- und Gewissensfragen ist jeder Mensch frei. Hier können wir Gott sei Dank einen reformatorischen Lernprozess verzeichnen: Die Freiheit des Gewissens gilt für alle. Und so haben wir gelernt, im demokratischen Staat ein Miteinander verschiedener christlicher Konfessionen, aber auch ein Miteinander mit anderen Religionen und mit Menschen ohne Religion zu gestalten. Das ist eine große Errungenschaft und ein hohes Gut. Es gilt darum zu kämpfen, dass wir es erhalten. Religionsfreiheit gilt für alle, niemand darf aufgrund seiner Glaubensüberzeugung hingerichtet werden - und das gilt im realen wie im virtuellen Sinne.

Margot Käßmann ist EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 und Herausgeberin von zeitzeichen.

Margot Käßmann

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