Ohne Gott?

Auf der Suche nach Antworten
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Dworkins Buch ist weit mehr als eine abstrakte Religionsphilosophie, es ist die existenzielle Suche eines Gotteszweiflers nach religiösen Antworten.

Gibt es Religion ohne Gott? Dieser auf den ersten Blick absurden Frage widmet sich der schmale Band des amerikanischen Philosophen Ronald Dworkin.

Der 2013 verstorbene Professor aus New York formulierte in seiner letzten, hier veröffentlichten Vorlesung die Idee eines "religiösen Atheismus", einer Lebenshaltung, die keines personifizierten Gottes als Gegenüber bedarf und die sich dennoch bewusst auf religiöse Erfahrungen gründet. Die vermeintliche innere Widersprüchlichkeit einer explizit gottlosen Religiosität entpuppt sich als faszinierende Reflexion über eine im Grunde sehr moderne Lebenshaltung.

Dworkin ist ein religiös Suchender, dem es nicht - wie etwa Richard Dawkins - um das rationalistische Sezieren religiöser Phänomene geht. Er kennt die Erfahrung des "Numinosen", und er spricht von der "Schönheit des Universums", die dem Menschen eine Ahnung davon gibt, dass die Welt mehr ist als die Summe von Naturgesetzen und neurologischen Vorgängen. Aber es braucht nach Dworkin nicht zwangsläufig einen persönlichen Gott, um dieses Transzendentale zu begreifen.

Es mutet den christlichen Leser sicher erst einmal überraschend an, das Phänomen Religion von einem Atheisten auf positive und sehr persönliche Weise erklärt zu bekommen, aber genau diese ungewöhnliche Perspektive ist inspirierend. Dworkins Reflexionen sind dicht und anspruchsvoll, wer sich aber die Mühe macht, seinen konzentrierten Gedankenlinien zu folgen, wird viel über eine sehr aktuelle Apologie der Religion lernen.

Dworkin bewertet die theistische - also auf Gott bezogene - Religiosität nicht negativ, er sieht sie schlicht als andere Möglichkeit, die Erfahrung des Unbedingten zu fassen, neben derjenigen ohne persönlichen Gott, der a-theistischen. Anhand eines Zitates von Albert Einstein fasst Dworkin die Haltung des religiösen Atheismus zusammen: "Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestation tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit (...), dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen." Eine religiöse Haltung habe - mit oder ohne Gott - zwei wesentliche Komponenten: Sie halte grundlegende Werturteile für objektiv wahr, etwa dass menschliches Leben sinnhaft und bedeutsam ist. Und sie wisse, dass die Natur, das Universum in all seinen Aspekten, kein reiner Tatsachenzusammenhang ist, sondern in sich erhaben und wertvoll.

Beides kann man in Gott begründet sehen, es gilt nach Dworkin aber letztlich auch ohne die Vorstellung von Gott. Es bedürfe nicht unbedingt einer Vorstellung von Gott, um die unbedingte Wahrheit von Werten zu begreifen. Und es brauche nicht unbedingt die Vorstellung eines Schöpfers, um die "Schönheit" des Universums zu spüren.

Religiöser Atheismus ist so verstanden keine völlig neue Haltung. Im Grunde fanden sich ähnliche Gedanken schon bei Friedrich Schleiermacher, vor 200 Jahren. Mit dem Ziel, Pietismus und Aufklärung zu vereinen, beschrieb dieser Religion als "Gefühl und Anschauung des Universums". Auch Schleiermacher kam zu der Folgerung, dass es für die Religion an sich nicht zwingend eines personalen Gottes bedürfe. Bei ihm aber war die christliche Religion dann doch die höchste Ausformung des Religiösen.

Dworkin hingegen sieht die unbedingte Gültigkeit von Werten aller Religion vorausgehend, der göttlichen wie der gottlosen. Er versteht auch die Offenbarungsreligionen nur als einen möglichen Weg, das Unbedingte der Werte und des Universums zu begreifen und in menschliches Leben zu integrieren.

Dworkin bringt seine Gedanken selbst in einen Dialog mit Philosophie und Theologie. Er zitiert Spinoza und Tillich, reflektiert das Verhältnis von Religion und Vernunft, analysiert den Begriff der Religionsfreiheit im Blick auf sein Verständnis von Religiosität und schließt sein Buch mit einer tiefen Reflexion über Sterben und Tod - gezeichnet von Krankheit, das eigene Ende bereits vor Augen.

So ist sein Buch weit mehr als eine abstrakte Religionsphilosophie, es ist tatsächlich die existenzielle Suche eines Gotteszweiflers nach religiösen Antworten. Das macht es zu einer intellektuellen Herausforderung für alle, die sich - auch als Christen - zeitgenössischer Religiosität stellen wollen.

Ronald Dworkin: Religion ohne Gott. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 146 Seiten, Euro 19,95.

Thomas Prieto Peral

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Thomas Prieto Peral

Thomas Prieto Peral ist Kirchenrat und Referent für theologische Planungsfragen im Bischofsbüro der Evang.-Luth. Kirche in Bayern.


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