Engagement

Heino Falckes Texte aus vier Jahrzehnten
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Ein faszinierendes Buch theologischer Zeitgeschichte und mehr.

Eine ungewöhnliche Dokumentation: Heino Falckes theologisch-politische Zeitzeugenschaft über 40 Jahre mit einem besonderen Maß an persönlichem Engagement und wacher Aktualität. Der DDR-Theologe und einstige evangelische Propst von Erfurt bedenkt die ost- und gesamtdeutschen Zustände in Kirche und Gesellschaft und stellt sie zugleich weitsichtig in eine globale Perspektive.

Die zwischen 1972 und 2013 verfassten Gelegenheitstexte von hoher Authentizität stellt der Band in vier Gruppen dar, zunächst "Christus befreit - darum Kirche für andere". 1972 hält der damalige Direktor des Predigerseminars sein programmatisches Referat vor der Synode des DDR-Kirchenbundes. Freiheit und Mündigkeit aus Glauben werden punktgenau hin postuliert auf "die Wahrnehmung der DDR-Gesellschaft aus der Perspektive der Christusfreiheit". Dieser Ansatz verfolgt das konkrete Ziel angstfreier, mündiger Mitarbeit in der sozialistischen Gesellschaft samt der entschiedenen Proklamation: "Unter der Verheißung Christi werden wir unsere Gesellschaft nicht loslassen mit der engagierten Hoffnung eines verbesserlichen Sozialismus." ? Weitere Texte des Autors behandeln rückschauend diese Periode des "umstrittenen Weges der evangelischen Kirchen in der sozialistischen DDR" der Siebziger- und Achtzigerjahre unter den Aspekten des Erbes der Bekennenden Kirche, der Barmer Theologischen Erklärung sowie der Theologie Dietrich Bonhoeffers.

Das zweite Kapitel, "Eine Hoffnung lernt gehen": Die dramatischen Vorgänge in den Achtzigerjahren wie die Raketenaufrüstung in Mitteleuropa, die weltweit skandalös geöffnete Gerechtigkeitsschere oder desaströse ökologische Zustände in der DDR verändern die kontextuell orientierte Theologie Falckes nachhaltig. Seine Schwerpunkte verlagern sich auf die theologische Pointierung der Überlebensfragen unter der Trias "Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung". Vier Texte aus dieser Zeit weisen Falckes Führungsrolle aus, die er gedanklich wie persönlich wahrnimmt: vor Synoden, auf dem Kirchentag, aber vor allem als Inspirator und Mitorganisator der beiden Ökumenischen Versammlungen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung 1988 (Dresden) und 1989 (Magdeburg). Ein "ökumenisches Wunder" (Falcke): Auf den Aufruf "Eine Hoffnung lernt gehen. Gerechtigkeit den Menschen, Friede den Völkern, Befreiung der Schöpfung. Geht mit" gehen über zehntausend Antworten ein. Ein Chor, der die DDR-Kirchen dazu aufruft, "Kirche des Schalom" zu werden; der auf parallele ökumenische Bewegungen jenseits der DDR kräftig einwirkt, um dann tragischerweise, im Sog des deutschen Vereinigungsprozesses, nahezu gänzlich zu verstummen.

Dem überhasteten Anschluss der DDR-Landeskirchen an die EKD setzt Falcke in Kapitel drei, "Aufruf zum Nachdenken", fünf "Wortmeldungen im politischen Umbruch" entgegen und fragt: Wo bleiben im vereinigten Deutschland Erbe und Impulse aus der Erfahrung der DDR-Kirche? "Es geht nicht um das Überleben von Systemen, sondern darum, dass Systeme dem Überleben der Menschen und der Mitgeschöpfe dienen."

"Prekäre Freiheit" ist das vierte Kapitel überschrieben. Auch nach dem kapitalistischen Sieg im Wettkampf der Systeme ist Falcke publizistisch präsent mit "Markierungen für den Weg im vereinten Deutschland". Sieben Texte fragen nach Bedingungen des Überlebens der Menschheit und fordern von Kirche und Gesellschaft eine "Umkehr zur Zukunft". Denn "ich gehörte in der DDR zu denen, die schon lange vor 1989 überzeugt waren, nicht nur der 'Realsozialismus', auch der Kapitalismus müsse verändert werden".

Ein faszinierendes Buch theologischer Zeitgeschichte und mehr: Richtungsweisung aus Glauben in gefährlicher Zeit.

Heino Falcke: Einmischungen. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2014, 346 Seiten, Euro 32, .

Ludger Gaillard

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