Auf Bischöfe fixiert

Kritik am Umgang mit der römisch-katholischen Kirche - und ein ökumenischer Durchbruch
Catholica-Beauftragter Karl-Hinrich Manzke bei seinem Bericht. Foto: epd/ Norbert Neetz
Catholica-Beauftragter Karl-Hinrich Manzke bei seinem Bericht. Foto: epd/ Norbert Neetz
Bevor in Bremen die EKD-Synode begann, hatten drei Tage lang die Synodalen getagt, die der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und der Union Evangelischer Kirchen (UEK) angehören. Dabei spielte die Ökumene eine wichtige Rolle.

Bei Synoden, vor allem bei der VELKD, geschieht es selten, dass ein Bischof dem anderen öffentlich widerspricht. In Bremen passierte das, nachdem Karl-Hinrich Manzke seinen Bericht vorgetragen hatte. Der Bischof der schaumburg-lippischen Landeskirche ist im Nebenamt Catholica-Beauftragter der VELKD. Damit hat er die Aufgabe, die Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche zu pflegen. Die Catholica-Arbeit ist der VELKD, der sieben Mitgliedskirchen der EKD angehören, besonders wichtig. Sie ist eine Art Alleinstellungsmerkmal gegenüber der EKD und den zwölf unierten und reformierten Landeskirchen, die unter dem Dach der EKD die UEK bilden.

In seinem Bericht vor den Synodalen der VELKD und UEK beschrieb Bischof Manzke in Bremen, was sich in der römisch-katholischen Kirche seit dem Catholica-Bericht von 2014 getan hat. Im Kapitel über die Familiensynode im Vatikan sagte er: "Aus dem Bereich der katholischen Theologie in Deutschland gibt es eine gewisse Enttäuschung" darüber, dass in den Abschlusstext nicht die Vorschläge deutscher Bischöfe aufgenommen worden sind, die Kirche solle ihren bisherigen Umgang "mit unterschiedlichen Prägungen in der Frage der Sexualität", sprich: mit Schwulen und Lesben, bedauern. Wie er dies bewertet, sagte Manzke nicht.

Nach seiner Einschätzung will die "katholische Theologie und Kirche Veränderungen in Lebensführung und Lebensformen deutlicher berücksichtigen, ohne Veränderungen in der Lehre und Moraltheologie vorzunehmen". Und "damit ist" für den Catholica-Beauftragten "das ökumenische Gespräch auch in Deutschland über ethische Fragestellungen durch die Bischofsynode positiv gestärkt worden".

Dieser "Auffassung" könne sie "nicht folgen", widersprach die Vollkonferenz der UEK in einem "Votum". Und sie hält fest, "dass eine kritische Debatte" der römischen Familiensynode "noch aussteht".

Kritisiert wurde Bischof Manzke auch von einem lutherischen Kollegen und niedersächsischen Landsmann. Für Hannovers Landesbischof Ralf Meister bezog sich der Catholica-Bericht zu sehr auf die Bischofsebene, während die "Wahrnehmung des katholischen Lebens an der Basis" fehle. Meister verwies auf das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und erinnerte an die Ergebnisse einer von Papst und Bischöfen initiierten Umfrage, deren Ergebnis deutlich gemacht hat, dass die meisten römischen Katholiken Deutschlands die offizielle Sexualethik ihrer Kirche ablehnen.

In der Pressekonferenz wies Bischof Manzke darauf hin, dass die Familiensynode erst kurz vor Beginn der evangelischen Synoden in Bremen zu Ende gegangen sei. Und es sei "klug, nicht zu früh eine Bewertung abzugeben".

Sicher gehört zur Ökumene, dass man die Kirchenverfassung des Gegenüber respektiert. In der römisch-katholischen Kirche haben nun einmal Papst und Bischöfe das Sagen. Und ein evangelischer Catholica-Beauftragter muss auch Diplomat sein. Aber man könnte eine Distanz zu römischen Positionen auch durch weiche Formulierungen deutlich machen. So hätte man sagen können, das Abschlussdokument der vatikanischen Familiensynode habe Forderungen, die deutsche Bischöfe erhoben haben und von Protestanten geteilt werden, "leider" oder "bedauerlicherweise" nicht aufgenommen.

Einfacher gestalten sich die Beziehungen zwischen Protestanten und den Katholiken, deren - persönliche oder geistige - Vorfahren 1870/71 gegen das Unfehlbarkeitsdogma protestierten und aus der römischen Kirche rausgeschmissen wurden. Sie gründeten die alt-katholische Kirche und betonten mit diesem Namen ihre Verbindung zur Alten Kirche des ersten Jahrtausends, in der die Bischöfe von Rom noch Erste unter Gleichen waren. In Bremen hat die VELKD-Synode sich eine Vereinbarung zueigen gemacht, die die bilaterale lutherisch/alt-katholische Kommission erarbeitet hat. Danach werden Lutheraner, die zur alt-katholischen Kirche übertreten, nicht erneut konfirmiert. Auf den ersten Blick scheint das unbedeutend. Zum einen dürfte die Zahl der Konvertiten gering sein, und zum anderen hat die alt-katholische Kirche in Deutschland nur rund 15.000 Mitglieder. Trotzdem könnte die Vereinbarung, die die alt-katholische Synode im kommenden Jahr annehmen dürfte, Folgen haben, die über beide Konfessionen hinausreichen. Die Konfirmation oder Firmung ist für alle Katholiken, ob papsttreu oder von ihm unabhängig, ein Sakrament. Und es kann nur von einem Bischof gespendet werden. In den evangelischen Kirchen vollziehen dagegen die Ortsgeistlichen die Konfirmation.

Die lutherisch/alt-katholische Vereinbarung dürfte bald auf die anderen evangelischen Landeskirchen Deutschlands ausgedehnt werden. Und sie kann die Meißenkommission inspirieren, die von der EKD und der anglikanische Kirche von England getragen wird. Diese ist seit 1930 mit der alt-katholischen Kirche eng verbunden. Auch anglikanische Kirchen konfirmieren evangelische Konvertiten zum zweiten Mal. Und vielleicht öffnet sich in dieser Frage auch noch die römische Kirche. Allerdings wäre wichtiger, sie nähme sich die alt-katholische Kirche an einem anderen Punkt zum Vorbild. Diese lässt Protestanten trotz eines unterschiedlichen Verständnisses von Pfarr- und Bischofsamt zum Abendmahl zu.

Und die Frage Bischof Meisters nach einer besonderen "Wahrnehmung des katholischen Lebens an der Basis" wäre im Blick auf die alt-katholische Kirche überflüssig. Denn ihr Bischof wird von einer Synode gewählt, die die Basis, Geistliche und Laien vertritt. Und er leitet die Kirche mit der "Synodalvertretung", der außer ihm zwei weitere Geistliche und vier Laien angehören.

Jürgen Wandel

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