Debüt

Ein biografischer Weg
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Ein solches Debüt ist etwas Besonderes auf dem Buchmarkt

Der Hans im Märchen sieht sich stets im Vorteil, nach jedem Tausch seines Hab und Guts ist er seelenfroher. Kleemanns Roman liest sich als eine Geschichte von Tausch und Entlastung. Sein Protagonist Georg Weber ist Theologe und Leiter einer Behörde zur Erforschung der Opposition in der DDR. Mag er auch weniger zufrieden als Hans sein mit jedem Loslassen (Orte, Wohnungen, Frauen, Berufe), so sieht er doch rückblickend jede Erfahrung und Belastung als Prägung, einschließlich der größten Bürde, der Krebserkrankung.

Wie Hans ist Georg unterwegs - seit 25 Jahren ohne Grenzzäune um das ehemals kleine Land. Sein Dasein als "eine Art Dauerreisender" war auch Flucht vor Vereinnahmung, fester Bindung, verfestigter Ordnung. Nun geht die Reise nach innen, in die Vergangenheit. Seine Frau, die Töchter, Freundinnen, Freunde, die Psychologin, Ärzte und Schwestern - sie begleiten ihn bei dem, was man gemeinhin als "Aufarbeitung" bezeichnet. Georg wird Konzentration und Kontemplation abverlangt. Ausgeschlossen ist künftig Verdrängung, die er als mögliche Ursache für Krebs begreifen lernt. Das Bedürfnis, Klarheit über sich zu gewinnen, geht einher mit seelischer Heilung.

Der Weg ist entscheidend. Als Schriftsteller setzt Kleemann seine Hauptfigur immer wieder in Züge und konfrontiert ihn mit seiner, Georgs Lebensgeschichte. Unterwegs denkt er an Kindheit und Jugend, Schule, Beruf, Liebesverhältnisse, die geschiedene Ehe, Freundschaften. Fiktionen und Parallelen zur Biographie des Autors sind verflochten. Kleemann, 1944 in Meißen geboren, sang im Kreuzchor, studierte Theologie, war Jugend-, Studenten- und Gemeindepfarrer, 1989 Pressesprecher des Neuen Forums und von 1999 bis zur Pensionierung Leiter der Außenstellen-Behörde Rostock für die Stasi-Unterlagen.

Hätte das Buch nicht 608 Seiten, könnte von so vielen Phasen einer Lebensgeschichte mit vielen Personen unterschiedlichen Charakters nicht so ausführlich erzählt werden. Fragen nach Gott, der eignen Identität, dem Sinn des Lebens - auch dem der Krankheit, - nichts unterbricht zu lange den Erzählfluss. Dem Anliegen, Thema, Stoff und Stil ist der Umfang angemessen. Eine Seite hätte der Verlag hinzufügen müssen mit den (hier nachgetragenen) Angaben zur Biographie des Autors. Ein solches Debüt ist etwas Besonderes auf dem Buchmarkt, für die Literatur, für die Leserschaft, die an Kleemanns Erzähllust und Humor teilhat.

Christoph Kleemann: Hans im Glück oder Die Reise in den Westen. Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale 2015, 608 Seiten, Euro 24,95.

Christoph Kuhn

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