Ärgerlich

Neue Bonhoeffer-Biographie
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Weniger Fehler als im Original. Aber noch immer ärgert der freizügige Umgang Marshs mit den historischen Quellen.

Rechtzeitig zum 70. Todestag Dietrich Bonhoeffers ist die Übersetzung einer neuen amerikanischen Biographie erschienen. Charles Marsh, Theologieprofessor an der Universität von Virginia, will in ihr nicht nur in die äußeren Abläufe eines Lebens Einblick geben, sondern auch in Bonhoeffers persönlichste Gedanken und Gefühle. Das flüssig geschriebene Buch zeichnet einen Bonhoeffer, der seit seiner Kindheit am Rande stand, mit seinem Rigorismus in der Bekennenden Kirche fast alleine war und erst in Eberhard Bethge einen Seelenverwandten fand. Marsh arbeitet heraus, wie wichtig für Bonhoeffers weitere Entwicklung seine erste USA-Reise 1930/31 war - die Mitarbeit in einer Baptistengemeinde in Harlem, Freundschaften mit entschiedenen Pazifisten und das Kennenlernen der amerikanischen liberalen Theologie.

Gegenüber dem englischen Original, das wegen zahlreicher sachlicher Fehler unter Bonhoeffer-Forschern auf Kritik gestoßen ist, bietet die deutsche Fassung erfreulich viele Korrekturen, insbesondere bei der Beschreibung der kirchlichen Konstellationen, was ohne Zweifel der Expertise des Gütersloher Verlagshauses zu verdanken ist. Die stehengebliebenen Fehler geben einen Eindruck von der ursprünglichen Gestalt des Buches. Nur ein Beispiel sei genannt: Bonhoeffer berichtet 1924 im Tagebuch seiner Romreise, dass er in Bozen umstieg und ihm "beim Bozener Rosengarten" (einem Südtiroler Bergmassiv) deutlich wurde, dass die Wirklichkeit die Phantasie übertrifft. Bei Marsh liest man: "In Bozen fand Bonhoeffer, während er auf seinen Anschlusszug wartete, eine ruhige Ecke in einem Rosengarten in der Nähe des Bahnhofs, wo man 'im Abendrot die Dolomiten herrlich schön' sah, was eine wunderbar melancholische Stimmung schuf." Auch wenn dieser Fehler damit zu erklären ist, dass der Autor den Rosengarten offenbar nicht kennt, zeigt sich hieran doch, was auch andernorts begegnet: Im Vordergrund steht die "story", nicht möglichst genau recherchierte Sachverhalte. Häufig fragt man sich, woher Marsh seine Behauptungen hat. Ärgerlich ist Marshs immer wieder sehr kreativer Umgang mit den Quellen. Immer wieder werden Briefpassagen aus dem Kontext gerissen. Marsh zitiert, Eberhard Bethge sei von der Lektüre von Bonhoeffers Ethik-Manuskripten "etwas erschreckt" gewesen. Schlägt man den angegebenen Brief-Beleg nach, liest man dort, Bethge sei "etwas erschreckt" über Bonhoeffers "Absatz mit dem Bibellesen" (DBW 16, 126), in dem dieser berichtet, in manchen Wochen lese er sehr wenig in der Bibel.

Eine These des Buches ist, Bonhoeffers Beziehung zu Bethge sei mehr als eine besondere Männerfreundschaft gewesen. Marshs Darstellung schwankt zwischen der Aussage, beide seien ein "Paar" gewesen, und der Einschätzung, es habe ein Ungleichgewicht zwischen Bonhoeffers Absichten und Bethges Reaktionen gegeben. Schon früh sind ähnliche Vermutungen formuliert worden; Bethge hat sie stets als unzutreffend bezeichnet. Lehnt man für eine Biographie den allwissenden Erzähler des Romans ab, dann muss man fragen: Geben die Quellen her, was Marsh zeigen will? Ja, die Briefe Bonhoeffers an Bethge lassen eine tiefe Verbindung zwischen beiden erkennen. Insbesondere in der Haft wird deutlich, wie überlebenswichtig Bonhoeffer der häufige Austausch mit Bethge ist. Ganz offensichtlich ist Bonhoeffer angesichts von Bethges Heirat eifersüchtig. Aber Bonhoeffers Verlobung mit Maria von Wedemeyer nur als Spiegelung von Bethges Heirat einzuführen, wird der in den Briefen zwischen Bonhoeffer und der jungen Frau dokumentierten Zuneigung nicht gerecht. Irritierend ist, dass auch hier Texte zurechtgebogen werden. Ein Beispiel: Marsh berichtet, Bonhoeffer komme die Trennung von Bethge "unnatürlich" vor. Im angegebenen Brief aber schreibt Bonhoeffer angesichts von Bethges drohender Einberufung: "Es kommt mir ganz unnatürlich vor, Dir jetzt gar nicht helfen zu können" (DBW 16, 80). Völlig unberücksichtigt bleibt, dass es zum Beispiel für ein gemeinsames Konto der beiden Männer in der Versorgung des Predigerseminars liegende Gründe gab oder wie sich andere Männerfreundschaften zu dieser Zeit gestalteten. Insofern vermag diese These Marshs nicht zu überzeugen.

Charles Marsh: Dietrich Bonhoeffer. Der verklärte Fremde. Eine Biographie. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015, 592 Seiten, Euro 29,99.

Christiane Tietz

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