Ende der 2020-er Jahre kam die Wende

Die Kirche und das Ehrenamt - ein Ruf aus der Zukunft
Im Jahr 2030. Das Ehrenamt in der Kirche hat sich entwickelt. Wie könnte es aussehen in naher Zukunft? Welche Wege haben dorthin geführt, welche Umbrüche und Veränderungen waren besonders wichtig? Eine Zukunftsvision des promovierten Theologen Steffen Baue
Im Jahr 2030. Das Ehrenamt in der Kirche hat sich entwickelt. Wie könnte es aussehen in naher Zukunft? Welche Wege haben dorthin geführt, welche Umbrüche und Veränderungen waren besonders wichtig? Eine Zukunftsvision des promovierten Theologen Steffen Baue
Im Jahr 2030. Das Ehrenamt in der Kirche hat sich entwickelt. Wie könnte es aussehen in naher Zukunft? Welche Wege haben dorthin geführt, welche Umbrüche und Veränderungen waren besonders wichtig? Eine Zukunftsvision des promovierten Theologen Steffen Bauer. Der Pfarrer und Organisationsberater leitet die Ehrenamtsakademie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Schon vor Jahren hatte sich die Sprache geändert: Zaghaft fing es an, dann wurde die Kritik immer lauter, und schließlich wurde es sogar synodal beschlossen. Von "Laien" ist seitdem nicht mehr die Rede und auch von einem "Hauptamt" spricht auch niemand mehr. Wie oft wurde das früher gleichermaßen im Munde geführt: "Haupt- und Ehrenamt in der evangelischen Kirche.” Aber dann war Schluss! Zu sehr, so die Kritik, werde mit dieser Bezeichnung ein Gefälle zementiert. Vielleicht, ohne es zu wollen drückte sich doch in diesem Sprachgebrauch eine Haltung aus, wonach das eine, das "Hauptamt", mehr im Mittelpunkt stehen würde und damit letztlich irgendwie doch wichtiger sei als das Ehrenamt. Manche hatten sogar das Gefühl, dass man als Ehrenamtlicher, als "Laie", den Hauptamtlichen gefälligst zuarbeiten, ja sogar dienen solle. Zwar war der Anspruch auch damals schon ein anderer. Oft wurde dabei auf die vierte These der Barmer Theologischen Erklärung verwiesen, in der es heißt: "Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes." Aber, so die Frage, die mit der Zeit immer drängender gestellt wurde, wurde das auch so gelebt?

Die Synodenbeschlüsse Ende der 2020-er Jahre markierten deutlich sichtbar die Wende. Seitdem ist nur von "beruflich und ehrenamtlich" oder "freiwillig engagierten Mitarbeitenden" die Rede. Und weil die Sprache verräterisch ist, kann man in diesen neuen Sprachgebrauch hineinlesen: Es ist zu einem neuen, anderen Miteinander aller Mitarbeitenden gekommen.

Die beruflich Mitarbeitenden jedenfalls arbeiten im Jahr 2030 alle in Teams. Natürlich haben die Landeskirchen in den vergangenen Jahren dafür unterschiedliche Lösungen gefunden, aber die Wege ähneln einander doch stark. Alle haben wegen des Rückgangs der (besoldeten) Personalstellen damit begonnen, Teambildungen voranzutreiben. Dabei setzen sich die Teams beziehungsweise die Regionalgruppen aus verschiedenen kirchlichen Professionen zusammen. Nach wie vor ist dabei wichtig, dass die Kirchengemeinden feste Ansprech- und Bezugspersonen vor Ort haben und die "Kirche im Dorf" so gut wie möglich erhalten bleibt. Auf der anderen Seite haben diese Teambildungen aber insbesondere aus dem "einzelkämpfenden Generalisten im Pfarramt" einen gabenorientierten Teamberuf "Pfarrerin, Pfarrer" werden lassen, für den "Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit" unabdingbare Voraussetzung sind.

Genau diese neue Grundhaltung hat in den vergangenen Jahren auch ermöglicht, dass sich die Zusammenarbeit von beruflich und ehrenamtlich engagierten Menschen in der Kirche verändert hat: Kompetenzen werden klarer voneinander getrennt beziehungsweise neu zugeordnet. Pfarrerinnen und Pfarrer rücken wieder stärker ihre theologischen Kompetenzen in den Mittelpunkt. Die sorgfältige Vorbereitung des Gottesdienstes, Seelsorge und Bildung ist für sie wieder mehr in den Vordergrund getreten. Dagegen werden die Bereiche Organisation, Verwaltung und Recht entweder von zentralen Verwaltungseinrichtungen oder eben verstärkt von Ehrenamtlichen ausgefüllt. Die Kirchengemeinden haben gelernt, klar zu benennen, welche Kompetenzen dazu am Ort gebraucht werden und bewerben dies auch in sozialen Netzwerken. Ehrenamtlich engagierte Personen bekommen mit ihrer Beauftragung zeitlich befristet Zuständigkeiten und Verantwortung übertragen, die sie auch ausfüllen und zu der sie auch stehen. Eine entsprechende Ausbildung für diese Aufgaben wird selbstverständlich zur Verfügung gestellt. Diese kostet einem freiwillig Engagierten zwar Zeit, aber kein Geld.

Die neue Form der Zusammenarbeit zwischen beruflich und ehrenamtlich Engagierten drückt sich auch darin aus, dass Ehrenamtliche in der Verkündigung eine große Rolle spielen. Der Satz "Das Leben der Christen ist die einzige Bibel, in der die meisten Menschen heute noch lesen" ist im Jahr 2030 zum Leitwort geworden. Dem entsprechend erzählen freiwillig Engagierte von ihrem Glauben und wie sie diesen Glauben im Alltag leben. Das Tun für Andere hat so in der Verkündigung einen ganz neuen Stellenwert bekommen und die diakonische Gemeinwesenarbeit in den Kirchengemeinden ist mittlerweile in ganz verschiedenen Ausprägungen fest verankert.

In den neuen Formen der Verkündigung werden aber nicht nur Glaubenseindrücke deutlich, sondern auch die sehr unterschiedlichen Motive, sich ehrenamtlich zu engagieren. Und dabei ist von "Helfen und Pflicht" die Rede, aber eben auch von "Selbstentfaltung und Nutzen". Da geht es den einen vor allem um Geselligkeit, anderen ist bei ihrem Engagement das Gemeinwohl besonders wichtig, und eine dritte Gruppe lässt sich von ihrem Interesse nach weiteren Qualifikationen leiten und baut ihr ehrenamtliches Tun darauf auf. Da erzählen freiwillig Engagierte, dass sie nicht etwa aus Glaubensgründen zur kirchlichen Mitarbeit gekommen sind, sondern dass sie sich selbst oder anderen etwas Gutes tun wollten und erst durch das Mittun auch auf Glaubensfragen gestoßen sind.

Wanderndes Gottesvolk

Eine kirchliche Sozialisation vom Besuch des Kindergottesdienstes hin zum Konfirmandenunterricht und schließlich in die Jungschararbeit hinein gibt es immer weniger. Stattdessen sprechen die Gemeinden Menschen durch ihr Tun und die Möglichkeit zum Mitwirken an und vertrauen darauf, dass sich Fragen und Antworten des Glaubens ergeben werden. Denn in einer Zeit, in der Kirche immer mehr Menschen fremd geworden ist, braucht es Räume und Zeiten, in denen Menschen Kirche, ihr segensreiches Wirken, Glaubensfragen und Glaubensantworten entdecken können. Das Bild vom wandernden Gottesvolk, beständig unterwegs, oftmals auch vor neuen Fragen stehend, an den Rändern unscharf und doch immer darauf angewiesen, dass neue, bislang unbekannte Menschen dazukommen dürfen, ja müssen, dieses Bild ist ganz wichtig geworden.

Im Jahr 2030 hat die Kirche längst verstanden, dass sie ein aktiver und unverzichtbarer Bestandteil der Zivilgesellschaft in Deutschland ist und wach wahrzunehmen hat, dass sich diese Gesellschaft vielfältig verändert. Besonders die Tatsache, dass starre Regelungen über den Beginn des Ruhestandes längst abgelöst wurden durch eine hohe individuelle Flexibilität, schafft neue Freiräume für ehrenamtliches Engagement verschiedenster Art und Intensität. Früher herrschte häufig die Sorge vor, dass zum Beispiel durch sich verändernde Familien- und Berufssituationen die Möglichkeiten abnehmen würden, sich daneben noch ehrenamtlich zu engagieren. Im Jahr 2030 ist aber deutlich geworden, dass sich durch bestimmte Entwicklungen auch ganz neue Wege für ehrenamtliches Mittun ergeben haben: Immer mehr junge Menschen weigern sich, gleich nach der Schulausbildung eine stetige Berufskarriere anzustreben, sondern machen lieber etwas anderes Sinnvolles. Außerdem hat die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, insbesondere auch was die Erziehung von Kindern angeht, die Arbeitswelt verändert.

Begünstigt wurde diese Veränderung durch einen Arbeitsmarkt, der diese zumeist gut ausgebildeten Fachkräfte immer mehr zu umwerben hat. Auch in Deutschland hat das amerikanische Modell des "Corporate Volunteering" seit Anfang des Jahrtausends immer weitere Kreise gezogen. Die deutsche Übersetzung mit "betriebliche Freiwilligenprogramme" gibt kaum her, um was es sich hierbei alles handeln kann. Jedenfalls haben Unternehmen begriffen, dass es für sie in vielerlei Hinsicht von Vorteil sei, ihren Mitarbeitenden Räume, Zeiten, Gelegenheiten anzubieten, sich freiwillig, ehrenamtlich zu engagieren. In den USA wollte man damit vor allem den Bekanntheitsgrad der eigenen Firma steigern, die Bindung der Kunden und die Glaubwürdigkeit der eigenen Marke erhöhen. Bei einem ausgeprägten Fachkräftemangel und vielen Angehörigen einer Generation, die nach einer neuen Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben sucht, stellte sich das "Corporate Volunteering" in Deutschland schnell als ein wichtiger Wettbewerbsvorteil im Anwerben von guten Arbeitskräften hinaus.

Jedenfalls kommt heute, im Jahr 2030, kaum ein Unternehmen darum herum, Formen des "Corporate Volunteering" anzubieten. So dürfen zum Beispiel Beschäftigte einer Softwarefirma deren Produkte in ihrer Freizeit kostenlos in der Kindertagesstätte seiner Kinder nutzen. In vielen Firmen kann man in seinen Arbeitsvertrag ein Zeitkontingent für die Pflege von Angehörigen hineinschreiben lassen. Viele Unternehmen sind Partnerschaften mit großen Sozialeinrichtungen, Vereinen und eben auch Kirchen eingegangen ist, um einen Rahmen für ehrenamtliches Engagement der eigenen Beschäftigen abzustecken.

Diese Entwicklung fand in drei Schritten statt: Am Anfang stand die Erkenntnis, dass flexible Arbeitszeiten in Form von Arbeitszeitkonten eine ehrenamtliche Tätigkeit eher ermöglichen. Der nächste Schritt war dann, dass Beschäftigte für bestimmte ehrenamtliche Tätigkeiten Stunden auf dem Arbeitszeitkonto selbst gutgeschrieben bekamen, und seit einigen Jahren ist es weit verbreitet, dass man für Projekte im ehrenamtlichen Bereich zeitweise sogar freigestellt wird. Insofern hat es sich ausgezahlt, dass die Akteure im Bereich der Zivilgesellschaft mit der Politik und der "Arbeitswelt" frühzeitig und intensiv über diese Entwicklungen und "Entdeckungen" im Gespräch waren und Rahmenbedingungen miteinander abgesprochen haben. Neben den immer zahlreicher werdenden "jungen Alten" ist es der Kirche so gelungen, Verbindung auch zu jüngeren Ehrenamtlichen und freiwillig Engagierten aufzubauen.

Eine schöne neue Welt ist also entstanden! Wobei auch 2030 bei weitem noch nicht alle wichtigen Fragen rund um das Ehrenamt in der Kirche gelöst sind. Nach wie vor sind Frauen im Ehrenamt eher helfend und versorgend unterwegs und Männer eher in leitenden Positionen. Nach wie vor muss man sich das Ehrenamt leisten können, das heißt nach wie vor sind vor allem Menschen mit gutem und höherem Einkommen ehrenamtlich tätig. Menschen mit Migrationshintergrund sind unterdurchschnittlich mit dabei. Weiterhin gibt es eine lebhafte Debatte rund um das Thema "Ehrenamt und Geld". Durchgesetzt hat sich, dass Qualifizierungsmaßnahmen, Fortbildungen, Begleitkurse und ähnliches bezahlt werden. Festgelegt ist auch, dass ehrenamtliche Tätigkeit grundsätzlich unentgeltlich geschieht. Aber rund um die Themen "Auslagenersatz" "Aufwandsentschädigung", "Honorierung des Ehrenamtes" gibt es nach wie vor Grauzonen. Gerade bei der Frage möglicher monetärer Anreize geht die Debatte darüber weiter, ob diese nicht die Logik des Geldes insgesamt mit sich bringen und dadurch das Ehrenamt im Kern verändern würde.

Aber all diesen offenen Fragen zum Trotz gilt für die evangelische Kirche in Deutschland im Jahr 2030 nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch die Aussage: Sie ist eine Ehrenamtskirche und genau deshalb lebt der Glaube und die Erzählung von Gott vielfältig, bunt, ansprechend und einladend.

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Steffen Bauer

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