Aufrichtig

Die Zeit als Bausoldat
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Ein beeindruckendes Zeugnis seiner Zeit, das zu lesen lohnt.

Wer in der DDR die Wehrpflicht von 18 Monaten verweigerte, konnte Bausoldat werden. Er war somit Soldat in der DDR-Volksarmee, musste Uniform tragen und Befehle ausführen. Allein an der Waffe wurde er nicht ausgebildet. Bei Totalverweigerung drohte Gefängnis, denn einen sozialen Friedensdienst gab es nicht. Aber was einem jungen Mann von fast 18 Jahren raten? Der Schriftsteller Günter de Bruyn steht vor der Entscheidung, als ihn am 1. Januar 1982 der ihm unbekannte Berliner Schüler Stefan Berg in einem Brief um Rat fragt. Bedachtsam und umsichtig formuliert der damals 56-Jährige seine Antwort vom 10. Januar: "Leider kann Ihnen die Entscheidung niemand abnehmen. Für mich wäre die Sache klar, aber ich kann gut reden: mich holt ja keiner mehr. Die Verantwortung des Ratschlag-Gebens möchte ich mir nicht aufladen. Vor den Bausoldaten habe ich große Hochachtung. Von denen, die ich bisher gesprochen habe, hat keiner seine Entscheidung bereut." Er hatte sich zuvor im Dezember 1981 bei der "Berliner Begegnung zur Friedensförderung" auf die Seite vieler Christen und Pazifisten gestellt, die einen sozialen Friedensdienst forderten.

Aus dieser Antwort entwickelt sich ein Briefwechsel des jungen Bausoldaten mit dem renommierten Schriftsteller. Stefan Berg, heute "Spiegel"-Autor, hat diese Korrespondenz vor kurzem noch einmal gelesen. De Bruyns Briefe lagerten in einer Kiste, die von Berg im Deutschen Literaturarchiv. In einem schmalen, 143 Seiten umfassenden Band liegt der Briefwechsel der beiden nun vor, ergänzt durch Aktennotizen und Bemerkungen der Staatssicherheit sowie Postkarten. Es ist berührend zu lesen, wie sich der junge Berg Wut und Enttäuschung seiner Bausoldatenzeit von der Seele schreibt und wie gleichsam ruhig und besonnen der ältere Schriftsteller ihm antwortet. Dieser, geboren 1926, selbst Soldat, war kurz vor Kriegsende schwer verwundet worden und kann sich in die Lage des jungen Mannes gut hineinversetzen. Er unterstützt ihn mit Briefen, Gedichten und mit Literaturpaketen. Berg berichtet aus seinem Alltag als Bausoldat, von der Zeltunterkunft im Winter, den Schikanen und von einem Rilke-Abend, den er veranstaltet. Offen und unverstellt ist sein Blick, und hinter allem lauert die Furcht abzustumpfen. Und obwohl er von der Überwachung der Staatssicherheit weiß, durchzieht eine tiefe Ehrlichkeit seine Briefe. So schreibt denn auch de Bruyn in seinem Nachwort: "Eine von Vorsicht diktierte Redeweise, wie man sie sich in den drei Jahrzehnten der DDR antrainiert hatte, schien ihm mir gegenüber nicht nötig zu sein." Ein beeindruckendes Zeugnis seiner Zeit, das zu lesen lohnt.

Stefan Berg/Günter de Bruyn: Landgang. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, 143 Seiten, Euro 17,99.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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