Neue Studie

Religion und Sozialstaat
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Religion ist keineswegs von sich aus, gleichsam in logischer Folge, wohlfahrtsstaatlich produktiv.

Diese großangelegte sozialwissenschaftliche Studie ist ein Ergebnis der Arbeit des Exzellenzclusters "Religion und Politik in Europa" an der Universität Münster. Aufgabe der Wissenschaftler in diesem Cluster ist es, die Rolle der Religion(en) im Prozess der Vergesellschaftung europäischer Staaten näher zu bestimmen und damit eine Säkularisierungstheorie zu fundieren, die nicht vom Ende der Religion, sondern von deren Wandel in modernen Gesellschaften ausgeht.

So wird in der vorliegenden Studie in dreizehn Einzeluntersuchungen nach der produktiven Rolle religiöser Einstellungen, Formationen und Institutionen bei der Genese des europäischen Sozialstaats gefragt, und die Tatsache, dass neben den protestantischen, römisch-katholischen und orthodoxen Ländern auch die Türkei mit aufgenommen wurde, zeigt die hohe "Allgemeingültigkeit" des hier leitenden Religionsverständnisses: Die christlichen Religionen teilen mit dem Islam ein kollektives Verantwortungsbewusstsein für das Wohlergehen Einzelner.

Aus jeweils diachroner und synchroner Perspektive wird für dreizehn Länder analysiert, unter welchen historischen, nationalen und übernationalen Bedingungen diese entweder in volle Wohlfahrtsstaaten oder zumindest in Länder mit sozialstaatlichen Tendenzen transformiert werden konnten. Dabei nehmen die Einzelanalysen neben den religiös profilierten sozialstaatlichen Akteuren auch die nicht-religiösen, wie Gewerkschaften und Parteien, genau in den Blick und beschreiben, wie Sozialstaaten in einem konfliktreichen Miteinander dieser Akteure entstehen konnten und weiter entstehen können.

Die Religion, so das wichtigste religionssoziologische Ergebnis der Studie, ist keineswegs von sich aus, gleichsam in logischer Folge, wohlfahrtsstaatlich produktiv, sondern kann dies erst werden, wenn eine bestimmte ökonomische und soziale Dynamik auch die religiös motivierte Liebestätigkeit dazu veranlasst, für das soziale Funktionieren des staatlichen Ganzen einzutreten. Philosophisch und rechtssystematisch lässt sich dies an den Konzeptionen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Lorenz von Stein als Entwicklung vom Rechts- zum Sozialstaat nachzeichnen.

So überraschte es nicht, dass die Rolle der Religion für die Genese des Sozialstaates gerade da von hoher Bedeutung ist, wo religiöse Überzeugungen und Institutionen miteinander um ihren Einfluss auf den Staat konkurrieren. Die Analyse des deutschen Sozialstaates zeigt, wie dessen gemischtkonfessioneller Charakter und das konkurrierende Verhalten zwischen römisch-katholischer und evangelischer Kirche den Sozialstaat hier vorangebracht haben, gerade auch, weil sich über lange Phasen hin die Konfliktlinien bis in die Parteienlandschaft einzeichneten.

Der Sozialstaat profitiert überhaupt von der Diskursbereitschaft der religiös motivierten Akteure. Deswegen ist gerade in Ländern mit einer religiösen Dominanz, wie im katholischen Italien, im protestantischen Schweden, aber auch in der islamischen Türkei der produktive Anteil der Religion an der sozialstaatlichen Entwicklung geringer. Für das orthodoxe Russland zeigt sich zudem, wie hinderlich eine intendierte symbiotische Gemeinschaft von Staat und Kirche bei der Entwicklung dieses Landes zum Sozialstaat ist.

Staat und Religion sind indes da sozial am produktivsten miteinander verschränkt, wo sich nach dem Prinzip der Subsidiarität das sozialstaatliche Gefüge nach den jeweiligen Möglichkeiten und Ressourcen der kleinsten sozialen Einheiten (Familie, Nachbarschaft, Vereine) aufbauen und sich der Staat auf eine unterstützende Rolle beschränken kann. Handeln Staaten nicht im Sinne dieser Selbstbeschränkung und wollen sie sich selbst als Subjekt der Wohlfahrt (etwa in sozialistischen Modellen) profilieren, bezeugen sie mit ihren Misserfolgen den systematischen Rang des Subsidiaritätsprinzips.

Karl Gabriel/Hans- Richard Reuter/Andreas Kurschat/Stefan Leibold (Hg.): Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Europa. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2013, 513 Seiten, Euro 89,-.

Friedrich Seven

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