Nie mehr Rückenschmerzen

Das innovative Konzertformat "Nachtmusik"
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Nachtmusik im Radialsystem: Ein Hochgenuss im Liegen auf der Yogamatte.

"Was wäre, wenn wir noch genauso wohnen würden wie vor 150 Jahren? Uns genauso fortbewegen müssten? Nur einmal im Jahr die Großstadt per Kutsche verlassen würden, um eine Tagesreise entfernt der drückenden Hitze in die Sommerfrische zu entfliehen? Wenn wir unsere Korrespondenz mit dem Füllfederhalter erledigen würden und alle Rechenaufgaben im Kopf? Frauen kein Wahlrecht hätten, keine öffentlichen Ämter bekleiden dürften oder frei ihren Beruf wählen könnten?"

Diese Fragen stellte neulich der Dramaturg und Kulturmanager Folkert Uhde, der seit 2006 in Berlin in der Nähe des Ostbahnhofs das "Radialsystem V" betreibt. Er wollte darauf aufmerksam machen, dass es kaum einen Bereich in unserer Gesellschaft gibt, der seit dem 19. Jahrhundert so unverändert geblieben ist wie das "klassische" Konzert. Dort ist noch vieles beim Alten. Uhde: "Zum Konzertbesuch betreten wir in der Regel am Abend tempelartige Gebäude, die speziell für den Genuss des Hörens gebaut wurden - ausschließlich dafür. Solisten, Orchestermusiker und Dirigenten tragen ein heute eigentlich merkwürdig anmutendes Kleidungsstück, und auch das Publikum ist in der Regel ,gut angezogen'. Auf eine Ouvertüre folgt ein Instrumentalkonzert, darauf die Pause und darauf wiederum die Sinfonie. Nach jedem Stück wird artig geklatscht - auf keinen Fall aber zwischen den Sätzen. Wer es doch versucht, kann sich der Verachtung seiner Sitznachbarn gewiss sein."

Gut, über Klatschen zwischen den Sätzen kann man streiten, aber unbestreitbar ist der Mensch in teuren und edlen Konzertsälen nicht vor Rückenschmerzen gefeit. Dem sollte vorgebeugt werden, und im "Radialsystem V" wurde dafür ein Format entwickelt, das sich über die Jahre vom Geheimtipp zur festen Größe gemausert hat - die "Nachtmusik". Beginn ist erst um 22 Uhr, der Boden im Obergeschoss des Radialsystems ist mit Theaterteppich bedeckt. Am Eingang werden Kissen und Yogamatten an die Besucher ausgegeben, die Beleuchtung ist bis auf wenige Stehlampen reduziert und die Musiker sitzen inmitten des Publikums. Folkert Uhde: "Der Effekt ist ungeheuer. Die Konzentration des Publikums ist ungewöhnlich hoch, die körperliche Entspannung hilft ganz offensichtlich auch der mentalen Zuwendungsfähigkeit. Die Konzerte dauern eine gute Stunde - was vielen Besuchern fast zu kurz erscheint. Danach wollen die meisten noch ein wenig bleiben. In gewisser Weise ist die Nachtmusik eine mit Musik gefüllte Pause."

Der Autor dieser Zeilen wird sein erstes Nachtkonzert im Radialsystem nicht vergessen. Die Cembalistin Christine Schornsheim spielte Bachs Goldbergvariationen, jene Aria mit 30 Variationen, die einst, so erzählt es der erste Bachbiograf Johann Nikolaus Forkel Anfang des 19. Jahrhunderts, der russische Gesandte in Dresden bestellt hatte. Diese sollte ihm sein Cembalist Johann Gottlieb Goldberg, ein begabter Schüler Bachs, vorspielen, angeblich auch, um seine Schlafstörungen zu bekämpfen.

Ein Hochgenuss dieser musikgefüllten Pause im Liegen auf der Yogamatte: Keine Rückenschmerzen. Nirgends. Nur Wohlklang und Wohlgefühl. Und die Konzentration des herumliegenden Publikums war hoch, alle waren gebannt, die berühmte Stecknadel hätte fallen können, sie wäre gehört worden. Ganz gegen Ende des Konzertes hatten die Klänge einen Besucher allerdings nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar in Morpheus' Arme getrieben, aber das Schnarchen währte nicht lange, und es soll - so wurde versichert - längst nicht immer vorkommen. Und wenn schon - besser als 150 Jahre Rückenschmerzen!

Die nächste Nachtmusik im "Radialsystem V" findet am 19. November 2014 um 22 Uhr statt. Martin Seemann, Violoncello, spielt Werke von J.S.Bach.

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Reinhard Mawick

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