Auf Gedankenreisen im Kino

Über den Blick auf den Zustand der menschlichen Gattung - im Film
Hat keine Farbe nötig: "Das Salz der Erde" von Wim Wenders. Foto: © Sebastião Salgado/ Amazonas images
Hat keine Farbe nötig: "Das Salz der Erde" von Wim Wenders. Foto: © Sebastião Salgado/ Amazonas images
Zahlreiche Filme, die demnächst ins Kino kommen, thematisieren den Menschen und sein Dasein in der Welt. Karsten Visarius, Leiter des Filmkulturellen Zentrums der EKD, stellt vier Filme vor, von denen drei auch auf große Resonanz beim Filmfestival von Venedig stießen. Den vierten hat Wim Wenders gedreht. Der Film kommt in diesen Tagen ebenfalls in die Kinos.

Der Blick auf den gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gattung, und erst recht ihre Zukunft, bietet wenig Anlass zur Zuversicht. Unser gewohnter Komfort, der des privilegierten Westens, an rechtlicher Sicherheit, Freiräumen und materieller Bequemlichkeit, scheint uns nur noch befristet gegönnt, bedroht ebenso durch eine interne destruktive Dynamik wie durch historisch neue oder wieder erstarkende Konkurrenten. Seine Legitimität steht erst recht auf wackligen Füßen angesichts unserer Ohnmacht, das Leid der einen, die Willkür und Gewalt der anderen zu mindern, geschweige denn zu beseitigen. Lange schon bedeutet Globalisierung auch, durch die Sichtbarkeit des Elends vieler und die Phrasen seiner Beschwichtigung Tag für Tag beschämt zu werden.

Wer sich eine Chronik des Scheiterns nobler Hoffnungen zu ertragen zutraut, der sollte den neuesten Film von Wim Wenders, "Das Salz der Erde", nicht versäumen (Kinostart: 30. Oktober 2014). Es ist die Künstlerbiografie des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der über Jahrzehnte hinweg in enzyklopädischen Projekten den Krisenopfern dieser Welt ein Denkmal gesetzt hat, den Ausgebeuteten, Hungernden, Vertriebenen und Ermordeten. Sie bilden eine eindringliche und, wie wir wissen, ebenso fruchtlose Anklage. Salgado widmete ihr sein Leben, bis, wie er selbst sagt, seine Seele krank wurde. Er heilte sich durch die Aufforstung des Waldes auf dem Land seiner Vorfahren und durch ein neues Fotoprojekt, das er "Genesis" nannte - die Dokumentation der noch nicht von Menschen ruinierten Natur des Planeten, von Tieren, Pflanzen und Landschaften und der wenigen indigenen Stämme, die die Zivilisation, die ohne Anführungszeichen kaum noch zu denken gelingt, verschont hat. Wenders lässt das Werk Salgados, das in jedem einzelnen Bild die Zeit stillstellt, so lebendig werden, dass wir keinen Augenblick die Bewegung im Bild vermissen. Oder die Farbe, die der Fotograf konsequent und der Regisseur meist verschmäht haben. Bleibt nachzutragen, dass Wenders den Sohn des Porträtierten, Juliano Ribeiro Salgado, als Co-Regisseur gewonnen hat.

Conditio humana

Nichts weniger als eine Reflexion in Bildern über die conditio humana ist Wenders' Film, ein Zeugnis dafür, was ein sowohl ethisch wie ästhetisch reflektierter Umgang mit Bildern zu erreichen vermag. Und ein geeigneter Maßstab für einen Rückblick auf eines der repräsentativen Ereignisse der aktuellen Filmkultur, das im Unterschied zu unserem verarmenden Kinomarkt eine Wahrnehmung des globalen Filmschaffens erlaubt: das Filmfestival von Venedig, die 71. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica. Das älteste Filmfestival der Welt ist zugleich das einzige seines Ranges, das ausdrücklich der Filmkunst gewidmet ist. Der Gewinner des Goldenen Löwen, der wichtigsten Auszeichnung des Festivals, hat, nicht anders als Wenders, das menschliche Dasein insgesamt zum Thema. Aber der schwedische Film mit dem barocken Titel "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das menschliche Leben nach" von Roy Andersson (Kinostart: 1. Januar 2015) konfrontiert uns nicht mit den menschlichen Katastrophen unserer Epoche, sondern mit stilisierten, entfärbten, entrückten und zugespitzten Miniaturen des Alltags. Drei Begegnungen mit dem Sterben etwa, dessen dramatische Zäsur vom Fortgang des Gewöhnlichen verschluckt wird wie ein Schrei in einem schalltoten Raum.

Unhörbar bleiben auch die Schmerzenslaute eines in einem medizinischen Experiment gequälten Affen, dessen Leiden sich in periodischen Krämpfen verrät, die über seinen Körper laufen - unbeachtet von der Wissenschaftlerin neben ihm, die sich eine Pause gönnt und in ein Telefon verkündet: Ich freue mich zu hören, dass es euch gut geht. Von Mund zu Mund läuft dieser Satz durch die Szenen des Films, ein Refrain, der einen so unbegründeten wie unbelehrbaren Optimismus, einen zähen Willen zum Selbstbetrug bezeugt. Das entsetzlichste Bild, eine Metapher für die Verschränkung von Fortschritt und Barbarei, hat Andersson ganz ans Ende seines Films gestellt. Schwarze Sklaven, Männer, Frauen, Kinder, werden in einen riesigen kupfernen Zylinder gesperrt, unter ihm ein Feuer entzündet. Eine festlich gekleidete bürgerliche Gesellschaft sieht aus der Ferne zu, wie sich der Zylinder zu drehen beginnt, und lauscht den Tönen, die aus seinen trompetenartig geformten Öffnungen dringen, einer melodischen Klangfolge. Den düstersten Phantasien eines Brueghel, auf den der Regisseur sich ausdrücklich bezieht, scheint dieser Albtraum entsprungen.

Es wäre einseitig zu unterschlagen, dass der Film auch andere, menschenfreundlichere, vor allem sehr komische Facetten kennt. Für Zuschauer mit Sinn für schwarzen Humor ist er ein Fest. Zum Beispiel, wenn ein Laurel und Hardy nachempfundenes Brüderpaar mit stoischer Miene und immer wieder erfolglos versucht, Scherzartikel zu verkaufen - was auf Dauer unvermeidlich zu einer Existenzkrise führt. Auch die drei Begegnungen mit dem Tod sind, dem Thema zum Trotz, großartiges Slapstick-Kino. Es gibt, außer dem Lachen, noch andere Hoffnungszeichen: Ein von einem Hund bewachtes Liebespaar am Strand, das sich liebkost. Kinder, die Seifenblasen in die Luft pusten. Und ein Lehrer, der unendlich geduldig einem behinderten Mädchen hilft, die Geschichte von der Taube zu erzählen, die auf einem Zweig sitzt und über das Leben nachdenkt.

Der Lehrer Daru

Ein Lehrer ist auch Daru, einer der beiden Hauptfiguren in David Oelhoffens "Loin des hommes", der auf einer Erzählung von Albert Camus beruht (Kinostart: offen). Der Film spielt zu Beginn des Algerienkrieges 1954, in einer entlegenen Region des Atlasgebirges. Dort, in einer felsigen Einöde, betreibt Daru eine Schule für die Kinder der umliegenden arabischen Dörfer. Als ihm die Gendarmerie einen des Mordes beschuldigten Araber aufhalst, den er in die nächste größere Siedlung und vor ein französisches Gericht bringen soll, ist es mit seinem beschaulichen Pädagogendasein vorbei. Mit Mohamed, seinem Gefangenen, gerät er zwischen alle Fronten - der Angehörigen des Getöteten, der Aufständischen, der Kolonialarmee. Auf der Flucht vor all diesen der Gewalt verschriebenen Gruppen entwickelt sich zwischen ihm und dem Araber ein Band der Verständigung über die Grenzen ihrer verschiedenen Herkunft, Kultur und Religion hinweg. Es war deshalb kaum überraschend, dass die INTERFILM-Jury unter der Präsidentschaft des hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister ihren Preis zur Förderung des interreligiösen Dialogs an Oelhoffen vergab (der übrigens auch den Preis der katholischen SIGNIS-Jury gewann).

Der Preis ehrt eine exemplarische Parabel über die Spannung zwischen Freiheit versus Tradition, Loyalitätspflichten und Zwang, ethischem Handeln versus Gewalt, Gesetz und Schuldverstrickungen, Humanität versus die Macht der Verhältnisse. In immer neuen, dramatisch aufeinander folgenden Konstellationen bringt der Film das ganze Kraftfeld von Faktoren ins Spiel, die unsere Moral, und unser Gewissen, korrumpieren. Wie lässt sich der Knoten lösen, dass Daru, der ehemalige Kriegsheld, töten muss, um Mohameds Leben zu schützen, oder der andere, dass Mohamed nur in der Auslieferung an die koloniale Justiz, und damit der Einwilligung in sein Todesurteil, einen Ausweg aus der Logik der Blutrache zu finden glaubt? "Loin des hommes", fern von den Menschen vielleicht, in der grandiosen Einsamkeit einer endlosen Steinwüste, die die beiden durchwandern und in der sie fast verschwinden. Und im Vertrauen auf eine in den verschiedenen Religionen implizierte Menschenwürde, die uns die Toten beerdigen und der Gewalt entgegentreten lässt.

Vielfarbiger Bogen

Einen mindestens geografisch noch größeren, auch vielfarbigeren Bogen schlägt der außerhalb des Wettbewerbs gezeigte "Words With Gods" (Kinostart: offen), eine Kompilation von neun Kurzfilmen namhafter Regisseure, die sich mit der Religion ihres Herkunftlandes auseinandersetzen: der Spiritualität der Aborigines (Warwick Thornton), dem Umbanda, einem synkretistischen Kult Brasiliens (Hector Babenco), dem Hinduismus (Mira Nair), dem Buddhismus (Hideo Nakata), dem Judentum (Amos Gitai), dem Katholizismus (Álex de la Iglesia, Spanien), dem orthodoxen Christentum (Emir Kusturica), dem Islam (Bahman Ghobadi, Iran) und dem Atheismus (Guillermo Arriaga, Mexiko, der auch das Gesamtprojekt initiierte). Einer von ihnen ließ sich wiederum von Camus inspirieren und erweist ihm wie dem Glauben seiner Landsleute ironisch gebrochen seine Reverenz, Emir Kusturica in seinem Beitrag "Our Life". Der Regisseur selbst ist ein orthodoxer Mönch, ein Eremit, der in einem Kloster, nach dem Gottesdienst, Steine klopft, die Brocken in einen Sack wirft und damit mühselig einen mächtigen Berg erklimmt - nur um am Gipfel den Sack auszuleeren und den zu Tal polternden Trümmern freudig erleichtert nachzuschauen. Ob selbst auferlegte Willkür oder Verhängnis, ob Nachfolge eines Leidenswegs oder Wahn, ob lebenslange Last und wieder Last oder das Glück ihrer Überwindung - die komplexe visuelle Metapher Kusturicas lässt die Deutung offen.

Aus einem metaphorischen, novellistischen oder konzeptionellen Kern sind auch die anderen Beiträge entwickelt, primär also aus einem ästhetischen Einfall und nicht aus einer ideellen oder ideologischen Absicht. So verschmilzt etwa Amos Gitai Rezitationen aus dem Buch des Propheten Amos, die den Zorn Gottes über sein Volk verkünden, mit Szenen der gewaltsamen Unterdrückung der Palästinenser durch israelische Soldaten. Und Guillermo Arriaga lässt dem Traum eines Atheisten vom Selbstmord Gottes angesichts des planetarischen Unheils einen weltweiten Blutregen folgen.

Neben dem Beginn, dem Gebären eines Kindes unter einem mächtigen Baum am Rande der australischen Wüste, war dies der bildmächtigste Teil des ganzen Projekts, das mehr ist als die Summe seiner Teile: der hochherzige Versuch, statt der einzigen Wahrheit die Vielstimmigkeit menschlicher Erfahrungen, statt der unversöhnlichen Konflikte die Chance der Verständigung, statt der engstirnigen Rechthaberei mit nicht minderem Ernst die wohl nur spielerisch mögliche Distanz zur Vielfalt des Glaubens zur Geltung zu bringen.

Karsten Visarius

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