Nie wieder Krieg

Anmerkungen zur Rezeption des Ersten Weltkrieges
Foto: privat
Wo weder das Heldengedenken im Rahmen nationaler Siegesfeier mehr nationales Bedürfnis ist, noch auch revanchelüsterne Schmachdelirien der Unterlegenen, scheint das Feld endlich und endgültig freigeräumt für ein einträchtiges und friedliches Zusammenleben der Völker.

Ein Jahrhundert wird der Beginn des Ersten Weltkrieges in diesem Jahr her sein. Vielfach wird wiederholt werden, was über ihn schon zuvor gesagt wurde. Wiederholung gehört zu jedem rituellen Gedenken.

Und doch wurde nicht alles zuvor gesagt, nicht so. Und vor allem wurde es nicht so gehört. Zu jedem neuen Anlass verschiebt sich ein wenig der Blick auf das Ereignis, dessen gedacht wird. Wird darüber in einer Gesellschaft nur zivilisiert-moderat gestritten, ist dies ein gutes Zeichen: Man ist in bestem Wortsinne "zur Vernunft gekommen".

Die Bedingung für solche Art von Vernunft liegt freilich in einer Abkühlung durch Abstand. Wo weder das Heldengedenken im Rahmen nationaler Siegesfeier mehr nationales Bedürfnis ist, noch auch revanchelüsterne Schmachdelirien der Unterlegenen, scheint das Feld endlich und endgültig freigeräumt für ein einträchtiges und friedliches Zusammenleben der Völker.

Ja, wenn. Das Beispiel des Ersten Weltkrieges aber zeigt, wie lange historische Traumata nachwirken. Eine alte Erfahrung sagt, dass, wo die Vernunft sich durchsetzt, wo sie "siegt" oder gar "zur Herrschaft gelangt", sich umgehend in ihrem Rücken irrationale Widerstandsnester bilden und auch ein paar alte Bastionen halten, die ungeahnterweise immer noch besetzt sind.

So werden weder Frankreich noch England darauf verzichten, "ihren" Sieg im Ersten Weltkrieg üppig zu feiern, ganz so, als hätten sie schon damals über das schlechthin Böse gesiegt, und ganz so, als sei es absurd, diesen Krieg als den Akt eines kollektiven Selbstmordversuchs der europäischen Mächte anzusehen (Millionen Menschen starben dabei ganz realiter). Nein, so leicht lassen die Nationen nicht von den ihnen liebgewordenen Mythen.

Der deutsche Sündenstolz spielt da eine besondere Rolle. Er sieht sich mit der Verlockung konfrontiert, das leidenschaftlich nachgeholte Schuldbewusstsein reduzieren zu dürfen: Diejenigen, die ihr Bild vom Ersten Weltkrieg noch aus Geschichtsseminaren bezogen haben, in denen die These des deutschen Historikers Fritz Fischer von der Alleinschuld Deutschlands absolutes Dogma war, reiben sich die Augen: Renommierte Historiker aus dem einst feindlichen Ausland (allen voran Christopher Clark) behandeln Fischers These als Produkt einer eingeengten Sicht nur am Rande. Nicht wenigen schaudert es wie vor einem Rückfall in die Barbarei.

Vielleicht dürfen sie ja für einen Augenblick den fatalen Spruch vom deutschen Wesen beiseite lassen und sich - nur ein ganz klein wenig - wieder als Avantgarde fühlen, dann nämlich, wenn die Deutschen erwartungsgemäß den präsumtiven Siegesfeiern unserer Nachbarn mit Gelassenheit begegnen.

"Nie wieder Krieg!" - Die Parole - zurückgehend auf ein Tucholsky-Gedicht von 1922 - hatte einen kleinen Schönheitsfehler: Wohl zu keinem Zeitpunkt gab es eine weltweite Waffenruhe. Immer war irgendwo Krieg auf der Welt. Eigentlich hätte es also lauten müssen: "Hört auf damit!" - Kriege zu vermeiden, sie, wo sie stattfinden, einzudämmen oder zu beenden, das muss die Aufgabe aller Gutwilligen bleiben (bestimmter geht's leider nicht, schon die Beschwörung der "Weltgemeinschaft" wäre töricht). Hoffen wir, dass die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ihre Zahl vermehrt.

Helmut Kremers

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