(Wider)-natürlich

Neubewertungen
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In den monotheistischen Weltreligionen ist Homosexualität, milde ausgedrückt, umstritten. Um deren Sündhaftigkeit zu belegen, werden die jeweiligen heiligen Schriften bemüht. Dieser Band hält dagegen.

Schwule und Lesben erleben in Kirchengemeinden, Synagogen und Moscheen immer wieder persönliche Verletzungen und Benachteiligungen. In den monotheistischen Weltreligionen ist Homosexualität, milde ausgedrückt, umstritten. Um deren Sündhaftigkeit, wenn nicht in der Anlage, so spätestens in der Hingabe, zu belegen, werden die jeweiligen heiligen Schriften bemüht. Homosexuelle seien konfrontiert "mit orthodoxen Lesarten oder fundamentalistischen Strömungen, die (...) gar nicht merken, dass sie ihre kleine, historisch und kulturell geprägte Gewohnheit an die Stelle göttlicher Wahrheit setzen", schreibt Cornelia Richter, evangelische Theologin in Köln im Geleitwort. Dieser fehlenden Einsicht will der Band etwas entgegensetzen. Die Stiftung engagiert sich mithilfe interdisziplinärer Forschung gegen die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen.

Mit der Neuerscheinung bietet sie nun all jenen eine knackige Alternative, die sich schon immer gefragt haben, was eigentlich genau zum Thema in den Quellen steht, und wie dies gedeutet wird. Auf knapp neunzig Seiten setzen sich vier Experten mit den einschlägigen Textstellen auseinander und zeigen die Vielgestaltigkeit der Bewertungen auf. Dabei bürsten sie "die klassischen, für Volksfrömmigkeit grundlegenden Lesarten von Bibel, Tora und Koran gegen den Strich", schreibt Jan Feddersen, Kuratoriumsmitglied der Stiftung und Redakteur der Tageszeitung taz einleitend. Die vier Experten sind Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik in Münster, Bertold Höcker, Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte, Walter Homolka, Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, und der Jesuit Klaus Mertes, Direktor des Kollegs St. Blasien und Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken.

Von den drei Religionen hat der Islam die schwächste Textbasis für eine Verurteilung von Homosexualität, schreibt Bauer. Schon die kompromisslose Anwendung der traditionellen Hadith- und Rechtsmethodologien würde "zwangsläufig zu einer Neubewertung führen". Warum genau das nicht passiert, erklärt er mit Rückgriff auf kulturelle Abgrenzungsmechanismen der arabisch-islamischen von der westeuropäisch-christlichen Welt während des 19. Jahrhunderts.

Obwohl dem Protestantismus und dem Katholizismus die gleichen Quellen zugrunde liegen und die Thora mit dem Alten Testament identisch ist, sind die drei Beiträge keineswegs redundant. Im Gegenteil: Sie beziehen ihre Relevanz aus der unterschiedlichen Hermeneutik der Religionen. Durch die gemeinsame schriftliche Basis wird deutlich, wie sehr Religion im Kontext von Kultur, Geschichte und Politik betrachtet werden muss.

Als Ursprung für die Ablehnung von Homosexualität im Katholizismus erkennt Klaus Mertes die Reinheitsethik: "Der Heiligkeit Gottes entspricht auf Seiten der Schöpfung das Vollständige und Reine". Demnach sei ein Homosexueller, der als Mann die passive Rolle der Frau einnehme, unrein. Laut Leviticus 18,22 und 20,13 ist Homosexualität ein "Gräuel" - ein Begriff der Reinheitsgebote. Im Christentum, so Mertes und Höcker, hebe das Evangelium die Reinheitsgebote umfassend auf, um zum Vorrang der inneren ethischen Reinheit zu gelangen.

Und Walter Homolka erklärt, wie auch im Judentum der "Offenbarungsbegriff" einen steten Diskurs und Wandel ohne Aufgabe der Kontinuität ermögliche, also Neubewertungen gestatte. Laut der historisch-kritischen Methode betreffe auch der von Paulus bezeugte "widernatürliche" Verkehr (Römer 1, 23-27) ebenso wenig die heute gelebte gleichgeschlechtliche Liebe wie die alttestamentliche Geschichte von Lot und den Männern von Sodom (Genesis 19, 1-29), die auch im Koran angeführt wird. Neben den schriftlichen Zeugnissen betrachten die vier Kapitel auch die jüngsten Entwicklungen innerhalb der religiösen Hierarchien und der Basis. Die Beiträge beziehen sich dabei vornehmlich auf die europäischen und nordamerikanischen Länder, in denen zunehmend liberale Sichtweisen vertreten sind. Dass afrikanische Länder etwa außen vor bleiben, ist schade. "Bislang gab es kein Kompendium, das Beiträge [zur Homosexualität] aus allen monotheistischen Religionen versammelte", schreibt Feddersen. Ein solcher hat aber seine Berechtigung, nun gibt es ihn, und er ist gelungen und lesenswert.

Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Hg.): Religion und Homosexualität. Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 104 Seiten, Euro 9,90.

Katharina Lübke

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