Zwischen Panik und Ratlosigkeit

Warum die Zeitungen in der Krise sind
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Die Zeichen stehen schlecht und die Gefahr wächst, dass mit dem im Sterben liegenden Geschäftsmodell auch die Idee Zeitung stirbt.

Nicht weit von der Ansiedlung/liegt (...)eine vergessene Zeitung(...). Sie altert Nächte und Tage hindurch in Regen und Sonne,/ dabei, eine Pflanze zu werden. (Tomas Tranströmer)

Normalerweise machen Journalisten so ziemlich alles öffentlich. Das ist eine ihrer Aufgaben. So ist es für sie ganz selbstverständlich, über Streiks von Fluglotsen, Ärzten oder Lokführern zu berichten. Sobald es aber um die Belange ihres Berufsstandes geht, sind die 14.000 deutschen Tageszeitungsredakteure stumm, weil ihnen die Verleger das Wort abschneiden.

Das ist nicht weiter skandalös, solange nur um Gehälter und Urlaubstage gestritten wird. Doch aktuell steht sehr viel mehr auf dem Spiel, und das geht alle an - aber kaum etwas davon dringt durch.

Den Zeitungen geht es nicht gut, viele Blätter sind schon eingestellt worden: Die Beispiele reichen von der Mainzer Rhein-Zeitung bis zur Financial Times Deutschland. Nun mag man einwenden, eine Zeitung sei ein Geschäftsmodell und wenn es nicht funktioniere, müsse man das Feld dem Hauptkonkurrenten Internet überlassen. Für viele Jüngere sei eine Zeitung ohnehin ein Relikt aus alten Zeiten und das Beharren auf ihrem Fortbestand Nostalgie.

Das könnte man so stehen lassen, ginge es um eine Ware wie alle anderen und ginge es nur um den Erhalt des Printprodukts Zeitung. Aber der Kampf geht nicht um Papier oder Elektronik - ob die Zeitung nun gedruckt oder elektronisch erscheint, wäre egal, sofern sie sich nur retten könnte. Die Zeichen aber stehen schlecht und die Gefahr wächst, dass mit dem im Sterben liegenden Geschäftsmodell auch die Idee Zeitung stirbt, und damit die von seriöser Information, recherchierter Nachricht und umfassender Aufklärung. Alles Dinge, die unerlässlich sind, um von elementaren demokratischen Grundrechten Gebrauch machen zu können.

Noch gilt: Das Vertrauen in die Tageszeitung ist riesig, das in Netzplattformen gleich null. Ein weiterer Vorzug des "Gesamtkunstwerks Zeitung" (Hans Magnus Enzensberger) ist ihr Überraschungsmoment: Sie bietet eine von Profis aus dem Informationsfluss gefischte News-Auswahl; anders als im Netz erfährt der Leser von Dingen, nach denen er - aus Unkenntnis - nie gesucht hätte.

Die Nachrichten via Internet sind schneller, aber sie sind kryptisch. Was wir brauchen, sind Erklärungen und Hintergründe. Ein Netzanbieter, der das leisten will, bedient sich da, wo er sie findet: bei den Tageszeitungen. Was aber, wenn die verschwinden? Wer von News-Apps (ohne Zeitungshaus im Hintergrund) Qualitätsjournalismus erwartet, ist naiv, denn der kostet Geld. Könnte man mit Informationen im Netz verdienen, wäre die Aufregung der Branche unbegründet. Tatsächlich aber wird seit den Neunzigerjahren nach einem Rezept gesucht, und niemand kann es finden. Die User sind verwöhnt, kaum einer ist bereit, für Berichte im Netz zu zahlen. Die Stimmung in den Verlagen pendelt zwischen Ratlosigkeit und Panik.

Wer eine Vorstellung davon haben möchte, wie sich das auf seriösen Journalismus auswirkt, muss nur den Fernseher einschalten: Die Zukunft der Zeitung entspricht der Gegenwart der Öffentlich-Rechtlichen. Diese haben ihre Groß- und Einzigartigkeit aufgegeben und rennen nur noch der Quote hinterher. Vieles ist weichgespült, verwechselbar und nicht selten schlampig recherchiert: Masse statt Klasse.

Was den Fernsehmachern die Einschaltquote, ist den Zeitungsmachern die Leserbefragung. Aber Fakt ist, dass mit der Anpassung an den vermeintlichen Lesergeschmack kein Abonnent hinzugewonnen wird. Stattdessen werden sich die Zeitungen immer ähnlicher - sowohl, was ihr Angebot, als auch, was die Angst davor betrifft, dem Leser auch mal komplexere Zusammenhänge zuzumuten.

Ludwig Laibacher

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